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Altersdiabetes mit 30 – was bedeutet das?

Wie die 31-jährige Ingrid Bayer von einer unerfreulichen Diagnose überrascht wurde, und warum Früherkennung so wichtig ist. Von Clarice Wolter

Zu viel Blut im Zucker – aber: Diabetes spürt, schmeckt und riecht man nicht. (Foto: dapd)

Ingrid Bayer piekst sich mit einer winzigen Nadel in die Fingerkuppe, drückt einen Tropfen Blut heraus und hält ihn ans Messgerät. „87“ erscheint auf dem Display. „Gut”, sagt Bayer. Seit bei ihr Typ-2-Diabetes festgestellt wurde, misst sie ihren Blutzucker nach jeder Mahlzeit. Hätte sie keine Tabletten genommen, wäre der Wert deutlich höher. Bei der „Zuckerkrankheit“ Typ 2 kann Glukose, also Zucker, aus dem Blut nicht mehr ausreichend in die Zellen transportiert werden, weil die Rezeptoren nicht genug auf das Hormon Insulin reagieren. Es liegt eine Insulinresistenz vor.

Bayer ist 31 Jahre alt, eigentlich viel zu jung für den sogenannten „Altersdiabetes“. Ihre Schwägerin, Allgemeinmedizinerin in Offenbach, hat die Diagnose vor kurzem gestellt, nachdem Bayer im Wartezimmer im Rahmen eines Vorsorgeprojekts einen Fragebogen der Landesärztekammer „einfach mal“ ausgefüllt hatte. Erbliche Vorbelastung, Taillenumfang und Body-Mass-Index, aber auch Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten – alles deutete auf Diabetes hin.

„Mit 31 hätte ihr ohne konkreten Verdacht keine routinemäßige Früherkennungsuntersuchung zugestanden“, sagt Ärztin Angelika Bayer. „Ohne so ein Projekt fallen Patienten wie sie leicht durchs Raster.“ Die gesetzlichen Krankenkassen böten Männern und Frauen erst mit Beginn des 36. Lebensjahres einen Gesundheits-Check-up inklusive Diabetes-Früherkennung an. „Aber auch das nehmen viele Menschen nicht regelmäßig wahr“, sagt Katja Möhrle, Sprecherin der Landesärztekammer. Deswegen habe die Kammer das Projekt „Fit und gesund älter werden“ initiiert.

„Diabetes spürt, schmeckt und riecht man nicht“

Die Idee des Projekts sei, „dass Hausärzte, Sportvereine und Ernährungsberater zusammenarbeiten, um Menschen ab 45 Jahren zu mehr Bewegung und gesünderem Essen zu motivieren“, fasst Möhrle zusammen. Sie könne sich auch vorstellen, die Altersgruppe weiter zu fassen, weil immer mehr junge Menschen wie Ingrid Bayer an Diabetes erkrankten. Die Krankheit sei Vielen nicht als gefährlich bekannt, „weil man Diabetes nicht spürt, schmeckt oder riecht“, warnt Möhrle.

Das Projekt hatte im März in Offenbach und wenig später auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg begonnen. In Offenbach sind 13 Hausarztpraxen, zwei Krankenhäuser und das Gesundheitsamt sowie drei Ernährungsberaterinnen, sieben Sportvereine und das Sportamt der Stadt beteiligt. Ab Herbst solle das Projekt „in die zweite Runde gehen“, kündigt Möhrle an. Dann sollten auch Verwaltungen und Firmen einbezogen werden, die ihre Mitarbeiter über Diabetes-Risiken informieren. In Kassel werde das Projekt im Frühjahr starten.

Vollkornprodukte, Obst und Gemüse auf dem Speiseplan

„Früherkennung heißt, eine Krankheit, die bereits besteht, früh zu erkennen“, erklärt die 37-jährige Ärztin Bayer. Bei der Vorsorge gehe es dagegen darum, „einen Diabetes, der vielleicht kommt, weil man genetisch veranlagt ist, zu verzögern oder zu verhindern“. Und das könne man, indem man „Normalgewicht anstrebt und sich ausreichend bewegt“. Das habe sie nach der Diagnose auch ihrer Schwägerin ans Herz gelegt. „Anfangs hat sie schnell abgenommen, dann wurde das Durchhalten schwierig“, sagt die Medizinerin.

Das Schlimmste sei die Lebensumstellung gewesen, erinnert sich Patientin Bayer. Auf Süßigkeiten habe sie nach der Diagnose einen Monat lang komplett verzichtet, „aber irgendwann sagt der Körper ,Ich will wieder was haben’“. Dann habe sie angefangen, statt der „zuckersüßen Vollmilchschokolade zu solcher mit Kakaoanteil ab 60 Prozent aufwärts zu greifen“. Ansonsten stünden hauptsächlich Vollkornprodukte, Obst und Gemüse auf ihrem Speiseplan, sagt die kaufmännische Angestellte. Auch die Mengen habe sie deutlich reduzieren müssen.

Nach der Diagnose würden die Patienten oft allein gelassen, berichtet Medizinerin Bayer. „Viele Ärzte sagen ihnen ,Sie müssen abnehmen, mehr Sport treiben‘ und lassen sie dann allein.“ Innerhalb des Projekts hingegen habe sie „wegen der besseren Vernetzung“ konkrete Ansprechpartner in Sportvereinen und bei Ernährungsberatungsstellen nennen können, betont die Ärztin. „Dass man bestimmte Sachen nicht essen soll, sagt einem jeder, aber wie man es schaffen soll, die Kühlschranktür zuzulassen, sonst keiner.“

(dapd)

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