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Wird Markus Rehm der neue Oscar Pistorius?

Noch lieben alle den frischgebackenen Paralympicssieger. Das könnte sich demnächst ändern: Markus Rehm peilt nach seinem sensationellen Weltrekord Olympia 2016 an.

Das Gebiss hält: Markus Rehm gestern, als er in sein Gold beißt (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Was für ein Sprung! Ein überraschtes Raunen ging durch das ausverkaufte Olympiastadion von London, und selbst Markus Rehm konnte nicht fassen, was er da gerade abgeliefert hatte: „Ich hätte nicht im Traum gedacht, dass ich so weit springen würde. Es war der perfekte Tag und der perfekte Sprung“, sagte der unterschenkelamputierte Weitspringer, nachdem er am Freitagabend seinen eigenen Weltrekord um ganze 26 Zentimeter auf 7,35 Meter verbessert hatte (ROLLINGPLANET berichtete: Paralympics: Gold und Weltrekord für Markus Rehm, Silber für Wojtek Czyz).

Markus Rehm kam aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Neben dem Sandkasten, in dem ihm sein Weitsprung-Weltrekord gelang, auf dem Siegerpodest vor 80.000 begeisterten Zuschauern und kurz nach Mitternacht im Deutschen Haus in London: Der neue Leichtathletik-Star genoss seine goldenen Momente sichtlich. „Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, dass ich hier so weit springen kann“, meinte der Leverkusener, der die Paralympics jetzt ohne Druck genießen kann: „Auf den 100 Metern und in der Staffel will ich nun einfach nur Spaß haben.”

Nur 15 Zentimeter fehlen für die Deutschen Meisterschaften

Vor dem 23 Jahre alten Überflieger zog sogar der Goldmedaillengewinner von Athen und Peking beeindruckt seinen Hut: „Ich kann mir gut vorstellen, dass er demnächst auch bei den nichtbehinderten Sportlern mit springt – zum Beispiel bei der Deutschen Meisterschaft“, sagte der wesentlich erfahrenere Wojtek Czyz, der mit mehr als einem Meter Abstand auf Platz zwei landete. „Dem Markus gehört die Zukunft.“

Gar nicht so unrealistisch, nur 15 Zentimeter müsste Rehm drauflegen, um sich für die Meisterschaften zu qualifizieren und damit endgültig in die Geschichtsbücher des deutschen Sports einzugehen: „Selbst wenn ich außer Konkurrenz springen sollte, hätte das eine tolle Signalwirkung”, sagte der Leverkusener der Nachrichtenagentur dapd und wagte sogar den Blick nach ganz weit vorne.

„Vor drei oder vier Jahren hätte sich auch noch niemand vorstellen können, dass ein amputierter Sportler deutlich über sieben Meter springt. Warum sollten acht Meter unrealistisch sein“, fragte sich Rehm mit Blick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Deutschlands Oscar Pistorius also?

Seit Jahren in einer eigenen Liga

Nicht ganz, denn während dem südafrikanischen “Bladerunner” bereits als elfmonatiges Kleinkind beide Unterschenkel amputiert wurden, erwischte es den deutschen Weitspringer erst als Teenager. Rehm, Wakeboarder aus Leidenschaft, verpasste auf dem Main eine Welle. Er ließ die Leine los, stürzte, wurde von einem Boot übersehen, das rechte Bein geriet in die Schiffsschraube. Noch drei Tage im Krankenhaus versuchten die Ärzte das Bein zu retten, dann musste ihm der Unterschenkel wegen einer Blutvergiftung amputiert werden.

Freunde brachten ihm in die Klinik Wakeboard-Videos mit. Er wollte sich von der Behinderung nicht behindern lassen. Nur ein Jahr später wird Markus Rehm Zweiter bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Mit wasserfester Prothese. Den ersten Überschlag schaffte er sogar erst nach seinem Unfall. Eher zufällig machte er 2008 bei einem Leichtathletik-Probetraining mit und wurde als Weitspringer in Leverkusen entdeckt. Seither springt er quasi in einer eigenen Liga.

Ein Sportler mit einem Bein und einer Prothese bei Wettkämpfen der Nicht-Gehandicapten? Immerhin: Mit 7,35 Meter wäre Rehm bei den Meisterschaften des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) im Juni in Wattenscheid auf Platz acht gesprungen. Zudem machte bereits der Südafrikaner Oscar Pistorius vor, wie man trotz Prothesen auch gegen Nichtbehinderte bestehen kann. Mit seinem Olympia-Start vor wenigen Wochen in London sorgte der „Blade Runner“ weltweit für Furore.

Während Markus Rehm mit Olympia spekuliert, versucht seine Trainerin Steffi Nerius die Zukunftsvisionen herunterzuspielen. Die frühere Weltklasse-Speerwerferin bemüht sich, ihren Schützling nicht unter Druck zu setzen. „Ich staple immer lieber tief, dann ist die Freude danach umso größer“, sagte sie.

Rehm contra Pistorius

Oscar Pistorius über 400 Meter bei Olympia (Foto: dpa)

Ob Rehm das Zeug dazu hat, in ähnliche Sphären vorzustoßen wie Pistorius, werden wohl erst die nächsten Jahre zeigen. Messen kann er sich mit dem Südafrikaner aber womöglich schon in der nächsten Woche: im 100-Meter-Sprint der Behindertenklasse T44.

Falls Rehm tatsächlich bei Olympia 2016 mitmachen will, wird es mit seinem derzeitige Liebesglück schnell vorbei sein. Noch lieben ihn alle (das deutsche Sportpublikum, die Funktionäre, Freundin Vanessa Low) – aber das Beispiel Pistorius zeigt, dass ein behinderter Mensch bei den nichtbehinderten Sportlern nicht nur Anerkennung auslöst, sondern auch Neid und den Vorwurf des „Technik-Dopings“. (ROLLINGPLANET berichtete: „Fehlurteil“: Die Olympia-Premiere von Pistorius erregt weiter die Gemüter). Und falls juristische Auseinandersetzungen erforderlich sind, um sich eine Startgenehmigung zu erstreiten, würde Rehm eine Menge Geld investieren müssen – das Pistorius aufgrund seiner zahlungskräftige Sponsoren hat, die der Deutsche in diesem Ausmaß nicht hat.

Ausgerechnet ein Deutscher würde Rehm vermutlich das Leben zur Hölle machen: Helmut Digel, schwäbisches Councilmitglied im IAAF, beklagte sich bereits im Fall von Pistorius: „Im Moment haben wir noch die gleichen Bedingungen, aber das kann schnell vergänglich sein“, so der Tübinger Sportsoziologe über den Einsatz der Prothesen. Da wird Rehm außerhalb des Sportplatzes den Weitsprung seines Lebens hinlegen müssen.

(Julian Vetten/Michaela Widder /Manuel Schwarz/ Britta Körber/dapd/dpa/RP)


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