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Haute Couture für Rollstuhlfahrer: Der nächste Versuch

Rolli-Moden, Rollingelephants und Jungdesignerin Vivien Schlüter aus Oldenburg entwerfen Mode für Behinderte. Die Nachfrage steigt langsam an, aber ein Megamarkt ist noch nicht entstanden. Warum?

Modedesignerin Vivien Schlueter entwirft Mode für körperlich behinderte Menschen (Foto: Jörg Sarbach/dapd)

Als Urinal-Hersteller und Rollstuhlfahrer Manfred Sauer aus Lobbach bei Heidelberg vor über 20 Jahren Rolli-Moden („Mode, die im Sitzen sitzt“) speziell für Rollstuhlfahrer gründete, war das einmal mehr eine innovative Idee – zwar schreckte der Name viele Betroffene ab, die nicht nur im Bund sitzende Hosen, sondern auch edle Labels von ihren Klamotten erwarten. Immerhin: Es gibt genügend Kunden, die lieber mit dem Label „Rolli“ statt Boss oder Armani herumrollen.

„Angefangen hat alles mit einer Hose, deren Schnitt der sitzenden Haltung im Rollstuhl angepasst ist“, erinnert sich Manfred Sauer. „Dadurch hat diese Hose einen perfekten Sitz, ist bequem und erleichtert das An- und Auskleiden. Sie ist auch heute noch einer der wichtigsten Artikel in unserem Angebot, in vielen Farben, Stoffqualitäten und unterschiedlichen Schnitten. Ergänzt wird das Angebot durch sportliche sowie elegante Sakkos, Jacken, Freizeitbekleidung, Unterwäsche, Schuhe, Schlupfsäcke, Kleidung nach Maß und vieles mehr.“

Obwohl Sauer den Erfolg seines Urinal-Imperiums nicht wiederholen konnte, gibt es immer wieder kleine Unternehmen und Designer, die versuchen, es ihm nachzumachen. Zu ihnen gehört beispielsweise Rollingelephants, wo man sehr viel stärker als Rolli-Moden auf Lifestyle setzt – und seit einiger Zeit Vivien Schlüter aus Oldenburg, die den erstaunlichen Weg von Klash Kouture (Erklärung im Video ganz unten) zur Haute Couture für Rollstuhlfahrer gegangen ist.

Kleidung für Körperbehinderte als Herausforderung

Wenn die Zeit drängt, schließt sie sich mit einer Familienpackung Kaffee in ihr Atelier ein. Manchmal mehrere Wochen lang. Denn Abgabefristen lassen sich in ihrer Branche nur selten verschieben. Doch bevor die Modedesignerin zu Nadel und Faden greift, gönnt sie sich einen Moment der Ruhe auf einem Holzstuhl in der Mitte des Raumes. Ihre Beine hält sie still, stattdessen lässt sie ihre Arme durch die Luft kreisen. Mit den ungewöhnlichen Bewegungen will sie sich in die Lage ihrer Auftraggeber versetzen – denn ihre Kunden sitzen im Rollstuhl. Im Gegensatz zu Sauer fehlt Schlüter der „Stallgeruch“, dafür jedoch besitzt sie etwas, was in der Modebranche unverzichtbar ist: den Mut zum Glamour.

Kleidung für körperlich Behinderte zu schneidern sei eine Herausforderung, sagt die 33-Jährige. „Bei Rollstuhlfahrerinnen müssen die Röcke angeschrägt werden, damit sie nicht in die Speichen kommen“, erklärt sie. Außerdem müsse darauf geachtet werden, die Ärmel von Oberteilen für die nötige Bewegungsfreiheit nicht zu eng zu nähen.

Schlüter ist Autodidaktin und selbst erklärte Chaotin. Vor acht Jahren hat sie angefangen, sich ihr Handwerk selbst beizubringen. Ihre Kleidung, die vor allem für Frauen gedacht ist, bezeichnet sie als sexy, rockig und selbstbewusst. Die erste Modenschau veranstaltete sie damals in einem alternativen Jugendzentrum. Inzwischen führen sie ihre Reisen auch zu Wettbewerben und Weiterbildungen ins Ausland. Für die Zukunft hat Schlüter große Pläne. „Ich möchte es irgendwann einmal über den großen Teich schaffen“, sagt sie selbstbewusst.

Markt mit Rollstuhlfahrer-Mode wächst langsam

Sara Capobianco hat MS und präsentiert ein von Vivien Schlüter entworfenes Kleid (Foto: Markus Hibbeler/dapd)

Unterstützung bekommt sie von der 24-jährigen Sara Capobianco aus Ibbenbüren. Seitdem die Rollstuhlfahrerin im Internet auf die Designerin stieß, stehen sie in engem Kontakt. Beide sind von der gleichen Idee fasziniert: einer eigenen Modenschau für Rollstuhlfahrer in Deutschland. „Das würde auch Anderen die Motivation geben, mehr zu sich zu stehen”, sagt die junge Frau, die Multiple Sklerose hat und die für ihre Freundin auch über den Catwalk fahren würde.

Doch der Markt muss erst noch erobert werden. Es gebe derzeit nicht viele Rollstuhlfahrer, die gerne auffallen wollen, sagt der Geschäftsführer der Stiftung myHandicap in Ismaning, Robert Freumuth. Zu groß sei die Scheu vor den Blicken der Menschen. Derzeit kenne er daher nur eine Hand voll Unternehmen in Deutschland, die sich auf Rollstuhlfahrermode spezialisiert hätten. Nichtsdestotrotz nimmt die Nachfrage seinen Erfahrungen zufolge langsam aber stetig zu.

Warum gibt es immer noch keine Marke für „Behindertenmode“, die Kultstatus errungen hat? Petra Springer, eine der einflussreichsten Modechefinnen Deutschlands („Joy“, „Shape“) und Juryvorsitzende des ROLLINGPLANET-Modelwettbewerbs MISS ANGEL 2012, weiß: „Es gibt immer einen Riesenmarkt, aber das Fashion Business ist wahnsinnig kompliziert. Man muss nicht nur die richtigen Trends erkennen, eigene ungewöhnliche Ideen haben und günstig produzieren können, sondern man muss gleichzeitig auch das Marketing beherrschen und sehr gut vernetzt sein.“

Designerin glaubt an steigende Nachfrage

Potenzielle Liebhaber für die Mode gibt es einige. In Deutschland leben derzeit je nach Statistiken zwischen neun und zwölf Menschen mit einer schweren Behinderung. Das statistische Bundesamt erhebt lediglich die Gesamtzahl der Menschen mit Handicap. Nach dem genauen Grad der Behinderung wird nicht unterschieden. Daher kann die Zahl der Rollstuhlfahrer in Deutschland nur geschätzt werden. Freumuth zufolge liegt sie landesweit bei rund 1,5 Millionen, wobei davon nicht alle dauerhaft auf das Hilfsmittel angewiesen sind.

Diese Gruppe für ihre Mode zu gewinnen, sei jedoch nicht immer ganz einfach, sagt Schlüter, bevor sie an ihrem Kaffee nippt. Sie glaube aber, dass es künftig immer mehr Rollstuhlfahrer geben werde, die sich sowohl modern als auch funktional kleiden wollen. Und sollte die Nachfrage wider Erwarten einmal einbrechen, hat die Lebenskünstlerin auch schon einen Plan B in der Tasche. Dann fliege sie eben zu ihren Verwandten nach Kalifornien und schneidere Mode für den mexikanischen Markt, sagt sie. „Dort sind sie ganz verrückt nach europäischen Designern.“

(Holger Vieth/dapd/RP)

Video

Vivien Schlüter startete ihre autodidaktische Karriere mit Klash Koutoure

Vivien Schlüter – Modedesignerin aus Oldenburg from Tim Hendrik Juhl on Vimeo.

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5 Kommentare

  1. Bodenstein10. Oktober 2012 at 18:46Antworten

    Kontaktdaten von Vivien Schlüter ?????????

    • Monika Poetzsch21. November 2012 at 10:39Antworten

      habe eben von vivien Schlüter in der Zeitung gelesen. Bin Betroffene und beziehe seit Jahren meine Hosen bei rolli Moden, weil nur die Pa ssen, mit den Oberteilen für Damen ist nur glaube ich, noch wenig los, von den Farben und so, der Preis darf nicht exklusiv. Werden, und jawoll wir rollstuhlfahrerinnen sollten unser Outfit auffrischen, man fühlt sich dann auch wohler. M.P.

  2. Rollingplanet10. Oktober 2012 at 18:59Antworten

    Via Facebook:
    http://www.facebook.com/KLASHKOUTURE?sk=wall&v=wall

  3. Ginger26. Oktober 2012 at 14:34Antworten

    Hallo

    das ist wirklich mal richtig innovativ und setzt auch gerade in dieser Zeit ein Zeichen in die richtige Richtung.

    Da spricht alle Welt von Integration und kaum einer macht es. Danke dafür.

    Schon zu meiner Zeit als Zivildienstleistender habe ich mich gefragt, warum es nicht spezielle Moden für Menschen mit Körperbehinderungen gibt.

    Echt schön das Vivien Schlüter sich dieser Aufgabe mit Erfolg angenommen hat.

    Ich hoffe, dass dieser Ansatz zu ein wenig mehr personalisierter, also personenbezogener Mode, für Alle Lebewesen führen wird.

    In diesem Sinne

    Liebe Grüße aus Oldenburg

  4. Ludwig Hildegard24. November 2012 at 13:58Antworten

    Bin Rolli Fahrerin und Interesiere mich für die Mode von Frau Bach.

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