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Ziemlich beste Paralympics-Zeitung

Vor 20 Jahren kam eine Paralympics-Zeitung heraus, die bis heute einmalig ist. ROLLINGPLANET hat sie aus dem Archiv geholt. Johann Löwe erinnert sich an dramatische Tage und Nächte.

Vor 20 Jahren erschien die erste Paralympics-Zeitung Deutschlands

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Es war ein denkwürdiges Jahr. 1992. Die Paralympics in Barcelona. Im Fernsehen und in den Zeitschriften gab es – ganz anders als heute – kaum Berichte über das große Ereignis. Immerhin: Im Vorfeld schrieb man über blinde Athleten, die waren eine Sensation. Die Chefredakteurin von „Marie Claire“ sagte: „Paralympics? Interessiert uns nicht. Aber über die Blinden machen wir was. Da drücken wir ein Auge zu.“

Es war ein Kampf der Giganten. Der US-Amerikaner Dave Kiley, genannt King Kiley oder auch nur kurz KK, galt 20 Jahre lang als der beste Rollstuhlbasketballer der Welt. Er hatte die Sportart revolutioniert. Beidhändige Spin-Shots, blinde Pässe, hinter dem Rücken passen und fangen – all das hatte KK eindrucksvoll wie kein anderer vorgeführt. 1992 nahm er zum letzten Mal an den Paralympics teil, und keiner zweifelte daran, dass er der Megastar der Spiele werden würde. Doch dann rollte ein junger, amputierter Mann heran und schnappte KK den Ball weg: Es war die Geburtstunde des unglaublich schnellen, wendigen und dribbelstarken Holländers Gert Jan van der Linden als neuer Liebling. Nicht mehr der alte Kiley, sondern der junge van der Linden war plötzlich der meistbewunderte Rollstuhlbasketballer.

King Kiley war nicht der einzige Superstar des Behindertensports, der fiel. Auch Errol Marklein gehörte zu ihnen, die Ikone. Der Paraplegiker war mit dem Nimbus der Unbesiegbarkeit nach Barcelona gereist. Noch vier Jahre zuvor, 1988 in Seoul, hatte er sechs Goldmedaillen geholt. Doch 1992 erlebte der Handbiker sein persönliches Waterloo – er kam mit leeren Händen zurück.

1992, das war auch ein Jahr, in der man sich plötzlich fragte: Kann, muss, soll Behinderung ästhetisch sein? Journalisten aus Deutschland, Frankreich, Argentinien ließen jäh den Kugelschreiber fallen, als die junge Fotografin Daniela Bleich aus Gelnhausen über ihren Beruf philosophierte: „Behinderte darf man nur ästhetisch abbilden. Wenn ich zum Beispiel einen Armamputierten habe, nehme ich ihm von seiner besseren Seite auf. Die breite Masse verkraftet die realistische Abbildung von Amputierten und Spastikern nicht. Gutes Aussehen lässt sich leichter vermarkten. Mir liegt der Behindertensport am Herzen, deshalb muss ich solche Aspekte berücksichtigen.“

1992 waren die ersten modernen Paralympics

Vier von unzähligen Geschichten, die zu den Paralympics 1992 gehörten – und die aufgeschrieben wurden. Wenn heute die Paralympics 2012 als die besten Spiele aller Zeiten gefeiert werden, so mag das stimmen – der Beginn der modernen Paralympics war aber 1992: Es waren die ersten in der Geschichte, die erstmals auch vom Olympia-Gastgeberland organisiert werden mussten. Bis dahin fanden Olympia und Paralympics an getrennten Orten statt. Und obwohl die TV-Kameras nur dezent vor Ort waren, zeigte sich das Publikum in Spanien ähnlich begeisterungsfähig wie das in London:

„Eine Stadt verneigt sich“, heißt es in einem Bericht, „51.000 Zuschauer im ausverkauften Montjuic-Stadion begrüßten stürmisch die Athleten. Noch vor der Eröffnung um 18 Uhr La-Ola-Wellen und rhythmischer Beifall, die Barceloni winken unermüdlich mit überdimensionalen Papp-Händen… Die Spanier sind bemüht, die Behindertensportler vollwertig zu behandeln: Eine präzise und aufwendig inszenierte Feier ist der Beginn für die ,ansprechendsten Behindertenspiele, die es jemals gab’ (Pressesprecherin Miriam Freisa).“

Nachzulesen ist dies alles in der 24-seitigen Zeitung „World Team 92“ im Tabloid-Format, die nur drei Tage nach dem Ende der Paralympics vom 4.-13. September 1992 auf der Reha-Messe in Karlsruhe präsentiert wurde – und die selbst Gold verdient hätte, weil sie bis heute unerreicht geblieben ist: Es war die erste Paralympics-Zeitung Deutschlands (wenn nicht gar weltweit). Im Gegensatz zu der mehrfach ausgezeichneten Paralympics-Zeitung des Berliner „Tagesspiegel“ und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), die 2004 initiiert wurde, hatte das „World Team 92“ keinen millionenschweren Etat. Und vor allem: Die Ausgabe wurde vorwiegend von behinderten Menschen gemacht.

„World Team 92“ wurde finanziert von der Firma des Mannes, der in Barcelona so unglücklich nach dem Gold jagte: Von Sopur, einem Metallverarbeitungsbetrieb aus Malsch bei Heidelberg, das soeben von dem amerikanischen Sunrise-Medical-Konzern für kolportierte 30 Millionen Mark gekauft worden war. Sopur – das war damals die Kultmarke der Rollstuhlfahrer schlechthin. Begründet von Erich Purkott, gepusht von Betroffenen und Sporthelden wie Errol Marklein oder Jürgen Geider, entwickelte sich aus der Garagenfabrik die damals beliebteste und innovativste Rollstuhlfirma Deutschlands. Erstmals gab es bunte Produkte, die den grauen Einheitslook der Krankenfahrstühle („AOK-Shopper“) ablösten, erstmals konnte man die Sitzbreiten in Zwei-Zentimeter-Schritten individuell bestellen. Damals ein unglaublicher Fortschritt.

Michael Heil riskierte Kopf und Kragen

In jenen Tagen war Michael Heil Marketingleiter von Sopur. Der 29-jährige Rollstuhlfahrer und ehemalige Polizist war entschlossen, ein eigenes Team nach Barcelona zu schicken – um dem Desinteresse der Medien zu trotzen und dort eine eigene Zeitung zu produzieren. Eine Entscheidung, für die er Kopf und Kragen riskierte, denn das neue, auf Kostenreduzierung fixierte Management aus den USA war geschockt, als Heil sein Budget vorlegte – obwohl dieser bereits mit dem billigsten Schwarz-Weiß-Zeitungsdruck und bescheidenen 10.000 Exemplaren kalkuliert hatte.

Niemand aus dem Vorstand hielt es für möglich, dass es tatsächlich gelingen würde, rechtzeitig zur Messe mit der Paralympics-Zeitung zu erscheinen, realisiert mit einem Dutzend junger, verrückter Menschen. Internet und Mobiltelefone waren damals noch nicht im Einsatz. Doch Heil setzte sich durch. „Wenn das schief geht“, rief ihm der Geschäftsführer hinterher, „sind Sie gefeuert.“ Und beinahe kostete das Projekt Heil tatsächlich seinen Job – weil die Zeitung beinahe nicht ihren Weg nach Karlsruhe gefunden hätte.

Es war ein Abenteuer, an das sich Heil heute noch erinnert. Zwölf Leute hatte er für Barcelona angeheuert, darunter Loan Brossmer als Chefredakteur. Der 27-jährige Rollstuhlfahrer galt als Wunderkind und kreatives Multitalent, aber auch als unberechenbar. Mit an Bord waren unter anderem vier weitere Rollstuhlfahrer: Der Deutsch-Australier Erich Hubel, ehemaliger Kapitän der australischen Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft und Teilnehmer früherer Paralympics, Johannes Löwe, Margit Quell, eine der Vorreiterinnen der deutschen Rollstuhltanz-Szene, und Rasso Bruckert, ein ehemaliger Sozialpädagoge, der sich gerade einen Namen als Fotograf erarbeitete. Für die Grafik war Wolfgang Buss vorgesehen, ein Münchner Layouter, den man nur mit schwarzen Kleidern sah. Er, seine Assistentin Nina Simson und die Journalistin Brigitte Steinmetz waren die drei Nichtbehinderten in der Mannschaft. Steinmetz, Tochter eines Konditormeisters, hat heute noch Hunger, wenn sie zurückdenkt: “Am meisten litten wir unter den Restaurant-Öffnungszeiten in dem Vorort von Barcelona, wo sich unser ‘Headquarter’ befand. Nie gab’s was zu essen, wenn wir es brauchten!”

Fünf Macintoshs wurden organisiert, die Buss im Auto nach Barcelona mitbringen sollte. Im Gegensatz zu den anderen, die flogen, reiste er mit dem Wagen und seiner neuen Freundin an – um nach den Paralympics in Spanien Urlaub zu machen. Am ersten Tag war weder von ihm noch vom Chefredakteur etwas zu sehen: Brossmer hatte seinen Flieger verpasst, und als er endlich ankam, zuckte er nur mit den Schultern: „Der Wolfgang wird schon noch kommen. Der ist doch frisch verliebt. Die werden auf dem Weg ein paar Zwischenstopps einlegen.“ Heil war einem Nervenzusammenbruch nahe – auch an den kommenden Tagen.

Der Art Director planscht im Swimmingpool

Spätestens am dritten Tag verlor Michael Heil den Glauben, dass die Zeitung je herauskommen würde. Nie wusste man, wo die Mitarbeiter steckten und welchen Wettkampf sie gerade anschauten. In dem gemeinsam bewohnten Hotel hatte man kurzerhand ein großes Zimmer als Besprechungs- und Grafikraum eingerichtet, in dem aber fast nie jemand zu sehen war – bis zum späten Abend, als plötzlich alle auftauchten, ihre Berichte abwechselnd oder gemeinsam in die Computer tippten, aber das Ergebnis noch weit entfernt von den geplanten 24 Seiten war. Digitalfotografie gab es noch nicht, Bilder mussten erst ins Labor geschickt und entwickelt werden. In den Wartezeiten plantschten Wolfgang Buss und seine Freundin im Swimmingpool und versuchten Heil zu beruhigen: „Jetzt mach nicht so eine Hektik. Trink doch erst mal einen Bacardi mit uns.“

Einen Tag vor dem Ende der Paralympics fand das Chaos seinen vorläufigen Höhepunkt. Alle 24 Seiten schienen wider Erwarten fertig zu sein, sogar vorzeitig – als Brossmer plötzlich entschied, dass die Hälfte der Artikel nicht zu gebrauchen sei. Er stellte die Themen um, ließ Layouts neu bauen und stellte das Reden ein. Es wurde ein Wettlauf mit der Zeit: Im Gegensatz zur heutigen Technologie dauerte es ewig lange, bis die Dateien auf eine externe Festplatte kopiert waren – zu lange, damit sie Brossmer mit dem geplanten Rückflug zur Druckerei mitnehmen konnte. Der nächste Flieger wurde gebucht, den Brossmer in letzter Minute erreichte – aber zu spät für die Druckerei, die schon längst andere Aufträge angenommen hatte.

In der Nacht vor dem Messebeginn war Brossmer in Karlsruhe angekommen, mit der Festplatte. Er weckte seinen Freund Mustafa Kaya auf, dessen Bruder Rollstuhlfahrer war: „Und jetzt hilfst Du mir, eine verdammte Druckerei zu finden, die heute Nacht die Dateien belichtet und Druckvorlagen erstellt.“ Die beiden fuhren bis um 3 Uhr morgens in einem klapprigen Fiat Panda ein Dutzend Grafikbetriebe in Karlsruhe an, als ihnen das Unmögliche gelang: Sie fanden eine Firma, die zufällig im gleichen Haus untergebracht war, in dem der Besitzer auch seine Wohnung hatte und den die beiden wach klingen konnten. Mürrisch öffnete er die Türe und hatte wohl pures Mitleid, einen Rollstuhlfahrer und einen anhänglichen Türken zu sehen, die aufgeregt mit einer Festplatte winkten und das vermeintliche Zauberwort „Paralympics“ stammelten.

Viele Knöpfe, ein Happy End

Das Happy End für Michael Heil, der seinen Job schon verloren wähnte, war allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Der Inhaber des Grafikbetriebes ließ die beiden ungebetenen Gäste rein, schob sie in ein Zimmer, wo mehrere vermutlich sündhaft teure Geräte standen. „Ihr müsst da und dort drücken, dann kommt der Film raus“, sagte er und verschwand, „ich gehe jetzt schlafen.“ Wie durch ein Wunder fand sich Kaya mit den Knöpfen zurecht, die belichteten Filme ratterten aus der Maschine. Um acht Uhr morgen fragte er: „Und nun?“ Brossmer antwortete: „Und nun finden wir eine Druckerei, die das Zeugs noch heute Vormittag druckt.“

Irgendwie gelang es, gegen Mittag – die ersten Besucherströme waren bereits in den Messehallen – die ersten fertigen Zeitungen zum Stand von Sopur zu bringen. Dort wartete bereits ein blasser Michael Heil. „Nie wieder“, stammelte er ungläubig. Heute lacht er darüber: „Diese Paralympics 1992 waren unvergesslich.“

Was aus den Beteiligten geworden ist, die bis heute ziemlich beste Freunde geblieben sind: Michael Heil machte sich selbstständig, gründete in Weinheim bei Heidelberg die Firma Rehability, die heute eines der führenden Sanitätshäuser Deutschlands ist und als Sponsor ROLLINGPLANET mit einer Anschubfinanzierung ermöglichte. Wolfgang Buss wurde Art Director des „Playboy“. Erich Hubel arbeitet bei der Münchner Allianz und gehört der ROLLINGPLANET-Redaktion an. Loan Brossmer wurde in Bangkok Publishing Director Asia des Burda-Verlags und später Chefredakteur von „Focus-Campus“. Er ist der Erfinder von ROLLINGPLANET und gab seine Idee den ROLLINGPLANET-Initiatoren. Mustafa Kaya gründete seine eigene Druckerei. Brigitte Steinmetz arbeitet als Journalistin in Los Angeles, wo es massig Restaurants gibt. Johann Löwe ist Hobbyjournalist geblieben und zeichnete diese Ereignisse auf. Er ist freier Mitarbeiter von ROLLINGPLANET. – Michael Heils Firma Rehability wird im Laufe dieser Woche zehn Exemplare der Paralympics-Zeitung 1992 verlosen: www.rehability.de


Zum Magazin ROLLINGPLANET PARALYMPICS 2012


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