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Birgit Kober: Kampf um Gold und Gerechtigkeit

Wegen eines Schreibfehlers landete sie im Rollstuhl: Nach ihrem Sieg mit dem Speer bei den Paralympics will die Münchnerin auch vor Gericht einen Sieg landen.

Birgit Kober holte gestern am späten Abend Gold.

So klein und so groß kann die Welt sein: Zwei ROLLINGPLANET-Mitarbeiter haben im Münchner Stadtteil Neuperlach gelebt und kehren immer wieder mal dorthin zurück – zum PEP, dem großen Einkaufszentrum in dieser Gegend. Doch Birgit Kober haben sie dort (wissentlich) nie gesehen. Das nächste Mal werden sich die beiden sicherlich genauer die Rollstuhlfahrerinnen anschauen.

Wenn Kober in Neuperlach, der „Platte von München“, auf der Wiese neben ihrem Hochhaus den Speer wirft, dreht sich vielleicht ein Hundebesitzer um. Oft interessiert das dort aber niemanden. Im Olympiastadion von London jubelten der 41-Jährigen am Montagabend bei ihrem letzten Versuch und bei ihrem Sieg 80.000 Zuschauer zu. Kober sah sich zuvor selbst auf der Riesenleinwand, musste schmunzeln – und schleuderte ihren Speer auf die Weltrekordweite von 27,03 Meter (Wettkampf: F33/34/52/53). „Die Erleichterung ist grandios, dieser Erfolg ist viel größer als man selbst. Das war einer der schönste Momente, die ich je erlebt habe“, sagt Kober. „Das war alles so viel größer als man selbst auf diesem Bildschirm“, erzählte eine in Tränen aufgelöste Leichtathletin.

Gold für die Mutter

Den Paralympics-Sieg widmete sie ihrer 2007 an Krebs gestorbenen Mutter. Auf der Homepage von Birgit Kober heißt es dazu: „ Meine Mama war immer für mich da, wenn ich sie gebraucht habe, sie hat in jeder Lebenssituation zu mir gestanden und sie war zeit ihres Lebens stolz auf mich. Nicht erst dann, wenn ich etwas besonders gut gemacht hatte, sondern einfach deswegen, weil ich ihr Kind war, ihre Birgit, ihr ,Tigerle’.“

Nach ihrem Gold-Wurf hofft Kober nun auch vor Gericht auf einen Sieg. Ein vielfach zu stark dosiertes Epilepsie-Medikament im Krankenhaus, erzählt Kober, ließ sie im Mai 2007 als Rollstuhlfahrerin aufwachen. Seit fünf Jahren kämpft sie für Gerechtigkeit. „Die sagen zu mir: Wer so gut Sport machen kann, dem kann es nicht so schlecht gehen.“, sagt Kober. ROLLINGPLANET fürchtet: Seit dem gestrigen Paralympics-Sieg werden die gegnerischen Anwälte noch mehr Argumente haben.

Im Oktober wird der Prozess um Entschädigung gegen das Klinikum Rechts der Isar in München am Landgericht verhandelt. „Die Ärzte geben den Behandlungsfehler ja zu, aber ich werde von den Anwälten mit Schlamm beworfen und soll keinen Ausgleich bekommen.“ Absahnen will sie nicht, aber weiter von Hartz IV zu leben, sei sehr schwer.

“Die haben mir mein Leben genommen”

Ein Behandlungsfehler hat vor fünf Jahren das Leben von Birgit Kober einschneidend verändert. Der Münchnerin mit Epilepsie war auf der Intensivstation eine massiv toxische Dosis eines Medikaments per Infusion verabreicht worden – wegen eines Schreibfehlers. Seitdem sitzt sie mit starken Bewegungs- und Koordinationsstörungen (Ataxie) im Rollstuhl. „Die haben mir mein Leben genommen. Ich habe Pädagogik studiert, war fast fertig, konnte nach dem Vorfall aber noch nicht mal meine Magisterarbeit zu Ende schreiben“, erzählt Kober.

Aber „Aufgeben gibt’s nicht“, so steht es in Großbuchstaben auf ihrer Homepage. Sie kämpft sich in den Alltag zurück, eine Umschulung als Heilpädagogin muss sie dennoch abbrechen: „Das habe ich körperlich nicht geschafft“. Birgit Kober trainiert heute in ihrem Heimatverein ESV München behinderte und nicht behinderte Kinder und findet selbst in Joachim Lipske einen Trainer, der sie „sportlich, menschlich und im Kampf gegen die Ataxie extrem weitergebracht hat“.

Training mit Bierkisten

Erfolgreiches Wiedersehen mit London, an das sich Birgit Kober 2009 (hier am Flughafen in Heathrow) so erinnerte: „Das englische Gesundheitssystem, in dessen Genuss ich – dank einer Notlandung in London – kam, ist genauso miserabel wie der Ruf, der ihm vorauseilt.“ (Foto: privat)

Als Kober 2008 im Fernsehen die Paralympics von Peking verfolgt, steht für die Handicap-Leichtathletin fest: „Das will ich auch. Aber ich bin ja nicht angetreten, um gleich Gold zu holen. Ich wollte dabei sein, das war mein Ziel.“ Die schon als Jugendliche fühlte sich inspiriert und probierte trotz ihrer massiven Probleme ein paar Kugelstöße in der Tiefgarage aus. Sie fragte bei Münchner Vereinen nach, doch keiner wollte die Rollstuhlfahrerin.

Deshalb musste Birgit Kober erfinderisch sein. Weil die Fahrt zum Olympiastützpunkt München über eine Stunde dauert, hat sich sie in Neuperlach, „einem der sozialen Brennpunkte“, wie sie selbst sagt, eine provisorischen Trainingsplatz auf der Wiese neben einer Versicherungsanstalt eingerichtet. Als Wurfhocker dienen zwei Bierkästen, die sie mit Kabelbindern zusammengezurrt hat. „Ein Vorteil dieser Gegend: Dort stört es sowieso niemanden, dass ich mit dem Speer werde“, sagt Kober. „Ich muss mich nur mit den Hundebesitzern einigen“, erzählt Kober mit einem Lachen, „und die Kisten verstecke ich hinterher wieder im Busch.“ Im Winter geht es dann wieder zum Kugelstoßen in die Tiefgarage des 17-Etagen-Hochhauses.

Offiziell startet sie inzwischen für Bayer Leverkusen, dem Vorreiter im deutschen Behindertsport. Einen richtigen Heimatclub hat die Weltrekordhalterin mit Kugel und Speer aber immer noch nicht.

„Das ist ganz toll, was Birgit leistet», findet die ehemalige Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius, „es muss so schwer sein, fast ohne Beineinsatz zu werfen.“

Am Donnerstag (6.9.) geht Kober im Kugelstoßen erneut an den Start: “Dann will ich noch einmal voll angreifen.”

(Michaela Widder/Amelie Herberg/Britta Körber/Manuel Schwarz, dpa/dapd)


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