Rollingplanet | Portal für Behinderte und Senioren

Banner-Schottland-fuer-alle

News & Berichte

Chinas große Paralympics-Propaganda

Millionen fließen in Chinas Staatssport, um den Goldregen bei den Paralympics zu garantieren. Die Behinderten im Riesenreich haben nichts davon. Ausgegrenzt leben sie am Rande der Gesellschaft – von Inklusion redet da niemand. Von Andreas Landwehr

Flagge der Volksrepublik China

Nach dem achten Wettkampftag und nach 389 von 503 Entscheidungen führt China den Paralympics-Medaillenspiegel mit großem Abstand an (69 Gold + 59 Silber + 53 Bronze = insgesamt 181). Auf Platz 2 liegt Gastgeber Großbritannien (31 + 38 + 39 = 107.) Deutschland, einst mal die führende Behindertensport-Nation, liegt nach dem gestrigen Donnerstag auf Platz 7 (14+ 21+ 18= 52).

Der große Erfolg Chinas bei den Paralympics in London kommt nicht von ungefähr. Das staatliche Sportsystem in China investiert massiv in den Spitzensport der Behinderten. „Es ist der riesige Input“, erklärt der Direktor am Studienzentrum für Sportkultur der Akademie der Sozialwissenschaften, Jin Shan, den ersten Platz in der Medaillenwertung. Mit 85 Millionen hat das Riesenreich so viele Behinderte wie Deutschland Einwohner zählt. Aber der große Pool sei nicht die Ursache des Erfolgs, sagt der Experte der Deutschen Presse-Agentur in Peking. Sonst würde auch Indien viele Goldmedaillen holen. „Chinas Regierung investiert große Mengen Geld,
um die behinderten Sportler zu trainieren.“

2,7 Mio. behinderte Sportler in China

Nach Athen 2004 und bei den Spielen daheim in Peking 2008 zieht das chinesische Team auch in London wieder an allen anderen vorbei. „Bis jetzt hat jeder Ausrichter von Paralympics vier Jahre später nachgelassen. Das ist nun erstmals nicht der Fall“, sagt Karl Quade, Chef de Mission der deutschen Mannschaft in London. „China hat enorme Power und Geld – und ist in straffen Strukturen organisiert. Das müssen wir neidlos anerkennen.“ Rund 2,7 Millionen behinderte Sportler zählt China. In 220 Trainingszentren im Land werden die Athleten generalstabsmäßig auf die Wettkämpfe vorbereitet.

Das Staatssystem garantiert Trainer, Experten, ausgezeichnete Sporteinrichtungen und ausreichend Trainingszeiten für die Athleten. Die Vorbereitung für die Paralympics sei „fast wie militärisches Training“, schreibt die Zeitung „Global Times“. „Es mobilisiert die nationalen Vorzüge und Ressourcen mit dem vorrangigen Ziel, Gold zu gewinnen“, sagt Forscher Jin Shan. „Vielleicht können das nur noch Nordkorea und China so effektiv.“ Westliche Sportorganisationen konzentrierten sich hingegen vor allem darauf, die Fitness der breiten Bevölkerung zu verbessern.

Menschen mit Behinderung werden in China diskriminiert

Von dem Ruhm und Respekt, den sich die chinesischen Athleten bei den Paralympics erkämpfen, haben die vielen Behinderten in China ziemlich wenig. Meist leben sie am Rande der Gesellschaft – ausgegrenzt, gemieden, beschämt und ohne Chancen. Wenn Behinderte in China auf den Straßen gesehen werden, sind es meist Bettler, die entweder allein oder organisiert vom Mitleid der anderen Menschen leben müssen.

„Es geht auch nur um Goldmedaillen, nicht um die Teilnahme von Behinderten im Sport“, sagt die Direktorin des Blindenzentrums Hongdandan, Zheng Xiaojie, in Peking kritisch. „Es erfüllt nur einen Auftrag, eine Weisung der Kommunistischen Partei.“ Der Status der Behinderten in der Gesellschaft verbessere sich dadurch nicht.

Städte werden nicht barrierefrei entwickelt

Zwar werden viele Millionen in den paralympischen Spitzensport gesteckt, aber nicht in eine behindertengerechte Umgebung in den Städten. „Es ist schwierig für Behinderte, vor die Tür zu gehen“, sagt die Aktivistin der dpa. Das andere Problem sei aber auch die Einstellung der Gesellschaft ihnen gegenüber. „Die Menschen werfen ihnen in der Öffentlichkeit sonderbare Blicke zu“, sagt Zheng Xiaojie. „Viele sehen sie an, als wären sie Missgeburten.“

Mit dem Begriff „behindertengerechtes Umfeld“ sind somit nicht nur Rampen, Blindenschrift oder Aufzüge für Rollstuhlfahrer gemeint, sondern auch die Bereitschaft, Behinderte als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu behandeln. „Die Behinderten trauen sich nicht, den Mund aufzumachen, und haben ohnehin ein schwaches Selbstwertgefühl“, weiß Zheng Xiaojie. „Dann fangen sie sich noch diesen Blick anderer Leute ein. Dadurch wird es ihnen unmöglich, das Haus zu verlassen.“

(dpa)


Zum Magazin ROLLINGPLANET PARALYMPICS 2012


Print Friendly

Stichworte

Diesen Artikel mit anderen teilen

Über Rollingplanet

Wir sind seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, und in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, seit Januar 2012 online, ist Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein inklusives, von Menschen mit und ohne Behinderung ehrenamtlich irealisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Wenn Sie noch mehr ROLLINGPLANET wollen, empfehlen wir Ihnen unseren Newsletter (hier kostenlos registrieren) mit zusätzlichen Gewinnspielen und anderen Extras.

Was ist Ihre Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Das sind wir

ROLLINGPLANET ist Deutschlands führendes Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung, Senioren und Freunde. Tagesaktuell, unabhängig, kritisch. Und geil aufs Leben.

ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, ehrenamtlich realisiert von Menschen mit und ohne Behinderung. Seit 1. Januar 2012. Weitere Infos: Über uns

Tipp

Tipp-PfeilWenn Sie sich weiter unten auf dieser Seite befinden und wieder schnell nach oben kommen wollen: Einfach auf das schwarze Kästchen mit dem Pfeil – rechts unten am Bildschirm – klicken.
  • A A A


  • Alleine auf eine Party gehen ist doof

    ziemlich-beste-begleiter-bigteaser

    Gott ist happy, wenn Roland tanzt

    • Gott ist happy, wenn Roland tanzt

    Ist Australien behindertenfeindlich?

    • Ist Australien behindertenfeindlich?

    Knigge für den respektvollen Umgang mit behinderten Menschen

    • Knigge für den respektvollen Umgang mit behinderten Menschen
    Werbebanner der Firma Rehability
    Druck

    Neueste Parkplatzschweine

    • Falschparker/in: WI-AQ 8615
    • Falschparker/in: COE-G 614
    • Falschparker/in: BOR-ZV 583
    • Falschparker/in: BOR-XA 319
    • Falschparker/in: AH-PA 153
    • Falschparker/in: COE-KR 698
    • Falschparker/in: COE-JK 40
    • Falschparker/in: BOR-BS 45

    Barrierefreie Hotels

    • Erstes Embrace-Hotel in der Schweiz
    • Verein „Ohne Barrieren“ eröffnet Hotel Sportforum in Rostock
    • Hotel am Kurpark (Bad Herrenalb)
    • Refugium am See (Teupitz)
    • Hotel Hanseatic Rügen & Villen (Ostseebad Göhren)
    • „So wie Du“ und nicht so wie die meisten Hotels
    • Alling: Lichtblick Hotel