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Zweilebendiger Wolfgang Schäuble: „Dem Rollstuhl kann man nicht entkommen“

Er hat seine Querschnittlähmung akzeptiert und nennt sich Krüppel. Zum 70. Geburtstag des Finanzministers, Managers der deutschen Wiedervereinigung und des verhinderten Kanzlers erscheint eine Biographie.

Wolfgang Schäuble im Bundestag (Foto: Steffi Loos/dapd)

Wolfgang Schäuble dachte an einen Einstieg ins Fernsehgeschäft. Als Moderator einer Talkshow etwa. Im Frühjahr 2005 soll das gewesen sein, als der Kanzler der rot-grünen Koalition, Gerhard Schröder, Neuwahlen angekündigt hatte. Und Schäuble frustriert glaubte, politisch nichts mehr zu werden – unter Schröder ohnehin nicht und unter einer Kanzlerin Angela Merkel wohl kaum.

Den schwer vorstellbaren Gedanken einer möglichen TV-Karriere Schäubles macht einer öffentlich, der es wissen muss: Der Journalist und Autor Hans Peter Schütz, der das politische Wirken Schäubles nach dem Attentat am 12. Oktober 1990 begleitet wie kein anderer seiner Zunft – und der ein enger Freund der Familie ist. Schütz war dabei, als ein geistig Verwirrter auf den CDU-Politiker schoss. Die drei Schüsse lähmten Schäuble vom dritten Brustwirbel abwärts – seither ist er Rollstuhlfahrer.

Wolfgang Schäuble – Zwei Leben

Pünktlich zum 70. Geburtstag Schäubles am 18. September erscheint das Porträt „Wolfgang Schäuble – Zwei Leben“. Der Titel kommt einem bekannt vor („Samuel Koch – Zwei Leben“). Wenn Sie behindert sind und ein Buch schreiben sollten, wissen Sie nun schon einmal, wie es heißen kann: „Ihr Name – Zwei Leben“. Die meisten Bewohner von ROLLINGPLANET dürften Zweilebendige sein.

Was denkt übrigens der eine Zweilebendige über den anderen Zweilebendigen? Was man in dem Buch über den Politiker nicht nachlesen kann: Viele behinderte Menschen sind enttäuscht, dass sich Schäuble politisch nicht als „einer von uns“ betätigt. Christiane Link, Journalistin im Rollstuhl, empfand Samuel Koch deshalb als naiv. Dieser hatte vor zwei Monaten in seinem gemeinsam mit Philippe Pozzo di Borgo („Ziemlich beste Freunde“) gegebenen „Spiegel“-Interview über Schäuble gesagt:

„Ich war kürzlich im Bundestag – da ist alles wunderbar rollstuhlgängig. Gerade was Barrierefreiheit angeht, oder bei den ganz pragmatischen Dingen hat er offenbar viel bewirkt. Es ist auch ganz wichtig, dass er sich trotz Behinderung nicht behindern lässt und dass er aktiv am Leben teilnimmt, nicht nur an seinem eigenen, sondern an dem Leben von 82 Millionen Deutschen. Aktiver geht es ja kaum.“

Der Machtkampf mit Helmut Kohl

Schütz schreibt äußerst respektvoll und voller Bewunderung über eine der „profiliertesten Figuren der Nachkriegsgeneration“. Über die politischen und intellektuellen Fähigkeiten des Mannes, der seit 40 Jahren deutsche Politik mitbestimmt, ist viel geschrieben worden. Schäuble war Manager der deutschen Einheit, Fraktionschef, Parteivorsitzender, Innenminister. Nach seiner Bundestags-Rede 1991 wurde Berlin doch noch Regierungssitz. Seit 2009 ist Schäuble als Finanzminister Merkels wichtigster Verbündeter in der Euro-Krise.

Respekt genießt der „Vorzeige-Europäer“ nicht nur in Deutschland. Als Mensch aber ist er vielen unbekannt. Natürlich schildert Schütz detailliert Schäubles Bruch mit Helmut Kohl und das angespannte Verhältnis zu Merkel, auch die Niederlagen des Mannes aus dem Badischen mit der „Saugosch“: seine Lüge in der CDU-Spendenaffäre sowie die Machtspiele, um Schäuble als Berlin-Bürgermeister, Kanzler und Bundespräsident letztlich doch noch zu verhindern.

Schütz will auch den Menschen Schäuble näher bringen. Der äußert sich schonungslos offen, ohne Selbstmitleid. Ehefrau Ingeborg und Bruder Thomas werden interviewt – zum protestantisch-preußischen Pflichtmenschen, der in der Schule ein Mathegenie war. Der immer der Beste sein wollte und dem es unheimlich schwer gefallen sei, „anderen zuzuhören, die nicht so gut waren“, wie sein Bruder sagt.

Wolfgang Schäuble nennt sich Krüppel

Nach Lektüre der mehr als 300 Seiten kommt man zu dem Schluss: Im Grunde unterscheiden sich die „beiden Wolfgangs“ – vor und nach dem Attentat – kaum voneinander. Schäuble, der das Wort „Attentat“ strikt meidet und stets von „Unfall“ spricht, habe gesagt: Im Kern sei er nicht viel unglücklicher: „Dem Rollstuhl kann man nicht entkommen.“

Schäuble nennt sich Krüppel statt Behinderter. Der Sportbegeisterte will auch bei der Beherrschung des Rollstuhls ein Meister sein. Schütz schildert eine Szene, als Schäuble beim Ausklinken des Rollstuhls am Treppenlift umkippt, hilflos auf dem Rücken vor dem Arbeitszimmer liegt und sich nicht wieder selbst aufrichten kann: „Ich hätte heulen können vor Wut“, wird Schäuble zitiert. Seine Frau Ingeborg räumt ein, dass er nach dem Attentat nicht gerade geduldiger geworden sei. Und sie erklärt, warum ihr Mann ungern Stehempfänge besucht: „Sie sehen alles aus der Perspektive eines Kindes.“

Darüber hatte sich Schäuble auch in einem Interview einmal beklagt: Die Tatsache, dass man querschnittsgelähmt sei und auf den Rollstuhl angewiesen ist, empfinde er als Verlust an Kommunikation. “Man kann sich nicht so unter Menschen bewegen, auf Partys, auf Stehempfängen und die ganzen Journalisten in Berlin treffen. Da geht man als Rollstuhlfahrer am besten gar nicht hin”

Ingeborg und Wolfgang Schäuble auf Sylt (Foto: Jens Kalaene dpa/lbn)

In einem „Spiegel“-Interview erzählte Schäuble, der FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff habe ihn mal gefragt, ob er, wenn er träume, aufrecht gehe oder im Rollstuhl sitze.

Seine Antwort: „Auf den Gedanken war ich noch gar nicht gekommen. Ich habe dann nachgedacht und gesagt: Im Traum bin ich Fußgänger. Das Unterbewusstsein findet sich offenbar nie mit der Behinderung ab.“

Ingeborg Schäuble hat sich damit arrangiert, dass sich ihr Mann ein Leben ohne Politik nicht vorstellen kann. Er wird in dem Buch als Sisyphos moderner Politik beschrieben. Der griechische Held war glücklich, weil er sein bloßes Schaffen als Lebenskern akzeptierte.

Kritik wird in den 23 Kapiteln kaum laut. Wenn, dann allenfalls zur mangelnden Nachsicht oder zu Schäubles grenzenloser Loyalität. „Dass bedingungslose Loyalität eine nahe Verwandte persönlicher Feigheit ist“, habe Schäuble nicht wahrhaben wollen, schreibt Schütz.

Verbittert, launisch, zynisch?

Viele haben von Schäuble das Bild eines verbitterten, launischen, oft auch zynischen Menschen. Schäuble der „Ab-Kanzler“. Beigetragen hat dazu die im Internet millionenfach angeklickte Szene, in der er seinen Sprecher auf einer Pressekonferenz vor versammelter Mannschaft abkanzelt. Für Schütz ein ganz großer Ausnahmefall – in einer Phase, in der sich Schäuble krank gefühlt habe. In jenem „lausigen Jahr“ 2010, in dem der Minister ernsthaft ans Aufgeben gedacht habe.

Nun will Schäuble 2013 nochmals für den Bundestag kandidieren. Er wäre mit mehr als 40 Jahren im Parlament dienstältester Abgeordneter. (ROLLINGPLANET berichtete: 3 Rollstuhlfahrer wollen in den Bundestag.)

An nächsten Dienstag (11. September) wird in Berlin das Schäuble-Buch vorgestellt – von Oskar Lafontaine. Ausgerechnet, möchte man meinen. Aber Schäuble und Lafontaine sind sich nach Darstellung von Schütz menschlich sehr viel näher, als es ihre Parteibücher vermuten lassen.

Nicht nur, weil beide Opfer von Attentätern sind. Beide seien auch politische Einzelkämpfer mit einer hohen Meinung von sich selbst und von dem Ehrgeiz getrieben, politische Vordenker zu sein. In dem Kapitel „Beißhemmung“ zum Verhältnis Schäuble-Lafontaine schreibt Schütz: „Beide sind politische Alphatiere, die nie das geworden sind, was sie eigentlich werden wollten: Kanzler.“

(dpa/RP)

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