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Das 100-Sekunden-Interview mit Paralympics-Sieger Heinrich Popow

Der Prothesen-Sprinter über seine Mama, seine Glücksgefühle und die Technik-Doping-Vorwürfe von Wojtek Czyz.

Heinrich Popow, hier ein Archivfoto aus dem Jahr 2008 vor den Paralympics in China. Auch damals war Ottobock bereits sein Sponsor. Foto: (dapd)

Herzlich Glückwunsch zu Ihrem gestrigen Sieg im 100-Meter-Finale. Sie hatten im Vorfeld der Spiele diese Goldmedaille angekündigt. Wie groß waren der Druck und die Angst, es dann doch nicht zu schaffen?

Ich habe mich nie mit dem zweiten Platz beschäftigt, weil ich das nicht wollte. Das hat mich zu dem gemacht, der ich bin, es hat mich komplett gemacht. Dieser Sieg ist auch für meinen Trainer, mein Umfeld, meine Familie.

Meine Mutter saß das erste Mal im Stadion. Wenn ich nach Hause komme, will sie mich mästen, damit ich dicker werde, nicht mehr so schnell laufe und mit dem Leistungssport aufhöre. Sie sagte immer: ‘Kind, du machst dir doch das gesunde Bein kaputt’. Es haben so viele Leute mitgewirkt. Mir fehlen die Worte.

Vor dem Rennen hat Ihnen Teamkollege Czyz Technik-Doping vorgeworfen. Sie hätten unfairerweise als einziger Athlet ein spezielles Kniegelenk erhalten und dadurch „technisches Doping“ betrieben. (ROLLINGPLANET berichtete: Paralympics: Psychokrieg zwischen Wojtek Czyz und Heinrich Popow) Im Fokus steht ein Modell, das anderen Sportlern verwehrt worden sei. Was sagen Sie dazu?

Für mich überwiegt jetzt das Positive, ich will nicht über negative Dinge reden. Aber wir gewinnen bei der Staffel zusammen eine Medaille, und dann wird hier Freude vorgetäuscht. Ich würde mir wünschen, dass in der Nationalmannschaft mehr Zusammenhalt ist.

“Gehackt wie ein Irrer”

Also ist der Unterschied zwischen den Kniegelenken von Ihnen und Czyz nicht so eklatant?

Ich weiß nicht, wie viele Leute auf diesem Knie schon gelaufen sind. Er hat es selbst nachgebaut, ich hatte es mitentwickelt. Er fährt bei Mercedes, ich bei Ferrari. Aber auch wenn ich mir einen Propeller einbaue oder einen Motor mit 500 PS – dann kommt mein gesundes Bein nicht hinterher.

Man hat es gestern gesehen: Ich habe gehackt wie ein Irrer, der Körper wollte mehr, als ich konnte.

Wie werten Sie seine Anschuldigung und vor allem den Zeitpunkt?

Der Zeitpunkt für so einen Spruch war taktisch sehr unklug. Ich hätte geglaubt, wenn man jahrelang dabei ist, ist man mental stärker. Das vor dem 100-Meter-Finale zu sagen und davor die Staffel zusammen zu feiern…

Haben Sie die Aussagen belastet?

Ich habe vier Jahre für diesen Erfolg gearbeitet. Ich habe den Abend genossen und das Beste draus gemacht, weil ich mental sehr stark bin. Die Vorwürfe gingen links rein und rechts raus und kurz zurück in meinen Kopf. Dann habe ich ein bisschen gegrübelt. Irgendwann habe ich gesagt: Du hast die gesamte Karriere auf diesen Moment aufgebaut. Ich bin glücklich, da kann mich so ein Spruch nicht unglücklich machen.

Hat Czyz Sie persönlich mit den Vorwürfen konfrontiert?

Ins Gesicht gesagt hat er mir das nur, weil er vorher schon in den Medien war. Er hat gesagt, er würde das gerne wie ein Mann machen. Das hat der dann aber nicht. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

(Aufgezeichnet von Manuel Schwarz, dpa)


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