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Regina Heeß – die Mutmacherin und Narben-Spezialistin

Nach einem schweren Unfall war fast ein Drittel ihres Körpers verbrannt, doch Regina Heeß hat sich wieder hochgerappelt. Heute gibt sie anderen Brandverletzten Mut und ist Vorsitzende des Vereins Cicatrix. Von Eva Wichmann

Die Präsidentin des Vereins “Cicatrix” für Opfer von Brandverletzungen, Regina Heeß (Foto: Uwe Anspach dpa)

Sechs Wochen Koma, Gesicht und Oberkörper von Verbrennungen dritten Grades entstellt, eine Brust amputiert – die Folgen ihres schweren Unfalls waren für Regina Heeß zunächst ein Schock. All das sieht man der 52-Jährigen zwölf Jahre später kaum noch an. Heute ist sie Präsidentin von Deutschlands größter Organisation für Brandverletzte, Ansprechpartnerin für Ärzte und Fachfrau auf ihrem Gebiet. „Ich bin inzwischen zur Narben-Spezialistin geworden“, sagt sie lachend.

„Ich wollte den Kamin anzünden. Es gab eine Spiritus-Verpuffung und ich stand in einer Feuerwolke“, erinnert sich Heeß an ihren Unfall im März 2000. Sie konnte die Flammen noch ausklopfen und Hilfe herbeitelefonieren – dann wurde sie ohnmächtig. Aufgewacht ist sie sechs Wochen später im Krankenhaus. Erst dachte sie, sie sei wegen einer Lungenentzündung in Behandlung. Die Realität aber sah schlimmer aus: 30 Prozent ihrer Körperfläche waren verbrannt. Fast drei Wochen lang hatte Heeß in Lebensgefahr geschwebt.

Prof. Dr. Günter Germann (Foto: Ethianum)

„Eine Verbrennung dritten Grades ist eine Verbrennung, bei der die Haut so tief geschädigt ist, dass eine spontane Heilung des Körpers nicht möglich ist“, erläutert der Chirurg Prof. Dr. Günter Germann, der 18 Jahre Leiter der BG-Unfallklinik in Ludwigshafen war.

Die verbrannte Haut müsse abgetragen und durch Verpflanzungen ersetzt werden – für den Körper eine Extrembelastung.

Nicht nur birgt die Menge an totem Gewebe das Risiko einer Entzündung, wie Germann erläutert. Wegen der riesigen Wunde drohe eine Auszehrung der Energiereserven und damit Lebensgefahr.

“Was ist denn das für ein Krüppel?“

Das ganze Ausmaß ihres Unfalls nahm Heeß wahr, als Pfleger ihren Verband wechselten. „Ich sah meinen vernarbten Körper, die fehlende Brust und schrie. Ich habe die komplette Station zusammen geschrien“, erzählt die 52-Jährige. Ihre Haut war noch schwarz von den Verbrennungen. Ende Mai wurde Heeß entlassen. „Mein Gesicht war total entstellt“, erinnert sie sich.

Trotzdem ging die willensstarke Frau wenig später wieder arbeiten. An das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten erinnert sich Heeß lebhaft. „Ich sagte: ,Ich möchte so bald wie möglich wieder arbeiten’. Worauf mein Chef zu mir meinte: „Sie wissen schon, wie sie aussehen?’.“ Doch als Kulturdezernentin konnte sie auch im Innendienst arbeiten, die repräsentativen Aufgaben übernahmen andere.

Schlimmer als die körperlichen Einschränkungen waren für Heeß die Reaktionen ihrer Umwelt. „Beim Einkaufen kamen manchmal dreckige Kommentare. Ein Jugendlicher sagte: ,Was ist denn das für ein Krüppel?’“. Sie habe zwei Jahre gebraucht, um damit umgehen zu können, erzählt Heeß.

Heute erzählt sie offen über traumatische und schmerzhafte Details, scherzt und lacht viel. Von den Narben ist fast nichts zu sehen. Doch bis hierin war es ein langer Weg.

Vor allem ein Erlebnis half Heeß zurück ins Leben. „Kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 in Amerika sollte mein Chef eine Buchpräsentation vor rund 600 Leuten halten.“ Doch er war verhindert und übertrug Heeß die Aufgabe – für sie damals ein Schock. „In meiner Rede habe ich erwähnt, dass ich brandverletzt bin, habe den 11. September erwähnt und von Toleranz gesprochen“, erinnert sie sich. Sie bekam tosenden Applaus. Von da an übernahm Heeß wieder alle repräsentativen Pflichten ihrer Arbeit.

2004 entstand der Verein Cicatrix

„Ich bin zwölf Jahre brandverletzt und hatte bisher jedes Jahr eine Operation“, erzählt sie. Einfach waren diese Operationen nicht. Vielfach empfahlen Ärzte Operationsmöglichkeiten mit starken Nebenwirkungen – für Heeß keine Option. Sie las viel, informierte sich über alternative Behandlungsmethoden und stellte sich auch als Probandin zur Verfügung. Aus dieser eigenständigen Suche entstand im November 2004 der Verein Cicatrix (das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Narbe), heute die größte Organisation für Brandverletzte in Deutschland.

Diese „brauchen eine Lobby“, heißt es auf der Webseite von Cicatrix, „hier sind sich alle Beteiligten einig – ob Betroffener oder Angehöriger, Mediziner oder Therapeut, Politiker oder Versicherungsträger. Cicatrix will bundesweit Aufklärungsarbeit leisten. Die Defizite in der Nachsorge müssen reduziert werden. Betroffene in finanzieller Not brauchen Hilfe. Nur eine starke Gemeinschaft kann Einfluss nehmen. Um unsere Ziele zu erreichen ist eine Vernetzung der Betroffenen zusammen mit allen, die sich der Behandlung und/oder Betreuung von Menschen mit Verbrennungen und Narben widmen, unerlässlich.“

Und was ist der Wormserin neben der Arbeit für Cicatrix und Narben an den Oberarmen von ihrem schweren Unfall bis heute geblieben? „Wenn ich einen Kamin sehe, nehme ich Abstand“, sagt sie. Dann zündet sie sich ohne Zögern eine Zigarette an.

Webseite: www.cicatrix.de

(dpa)


ROLLINGPLANET-DOSSIER: 9 Tipps – Was tun bei Verbrühungen und Verbrennungen?


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