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Wo landet der Hubschrauber von Malu Dreyer?

Im Trierer Schammatdorf leben Tür an Tür Menschen mit und ohne Behinderung, die sich über den politischen Aufstieg der designierten Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz freuen. Von Marcus Stölb

Malu Dreyer(SPD, r.), rheinland-pfaelzische Sozialministerin und designierte Ministerpraesidentin, in ihrem Ministerium in Mainz mit ihrer Mitarbeiterin Beate Fasbender-Doering. (Foto: Torsten Silz/dapd)

Sie soll eine ganz normale Nachbarin bleiben: Im Trierer Schammatdorf, einem Modellprojekt für soziales Wohnen, sind die Bewohner schon ein bisschen aufgeregt. Ihre Nachbarin Malu Dreyer (SPD) soll ab Januar erste Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden. Die Menschen im Schammatdorf stellen sich darum auch ungewohnte Fragen. „Wo landet denn dann der Hubschrauber?”, will Bewohner Wulf Werbelow wissen. Und Gabi Reichert überlegt am Montag, ob bald womöglich mehr Polizisten durch die Straßen des Dorfes laufen werden.

In Schammatdorf südlich von Trier lebt Dreyer, seit sie 2004 den heutigen Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen (SPD) heiratete. Mit ihrer Krankheit – Multiple Sklerose – und ihren Einschränkungen beim Laufen hat die Wahl des Wohnortes aber nichts zu tun. Jensen zählt zu den Gründern der Siedlung, die auch 30 Jahre nach ihrer Fertigstellung noch Modellcharakter hat. Menschen ohne Behinderung leben Tür an Tür mit solchen, die Mühe haben, ihren Lebensalltag ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Im Dorf trifft man auf viele ältere Menschen, gestützt auf Rollatoren, aber auch auf Kinder und junge Eltern. Einige Bewohner sind auf den Rollstuhl angewiesen, andere joggen durchs Viertel.

Gute Nachbarschaft ist Programm

Sarja Herres, Diplom-Sozialpaedagogin und “Kleine Bürgermeisterin” des Schammatdorfs in Trier, einem Wohnprojekt von Menschen mit unterschiedlicher Lebenslage und Lebensorientierung (Foto: Harald Tittel/dapd)

Rund 280 Menschen wohnen im Dorf, wer in eine der 111 Wohnungen ziehen möchte, muss sich bewerben – die Warteliste ist lang. Man will sicherstellen, dass das Konzept eingehalten wird. In den zweigeschossigen Häusern, die als Wohnhöfe angelegt sind, soll die Mischung weiter stimmen. Man hilft sich, Nachbarschaft ist Programm.

„Das funktioniert auch nach 30 Jahren noch“, sagt Werbelow beim montäglichen Seniorenfrühstück im „Kneipchen“, einem kleinen Raum mit Theke im Dorfzentrum. Sechs Dorfbewohner sind gekommen, gemeinsam lässt man sich den Kaffee schmecken. Die designierte Nachfolgerin von Kurt Beck (SPD) ist Thema Nummer Eins. Ob man damit gerechnet habe, dass die Nachbarin Regierungschefin werden könnte. „Das wussten wir hier schon lange“, antwortet Hans-Günter Schneck. Nicht, dass Dreyer ihn vorab eingeweiht hätte, aber „man hatte das im Gefühl, das war so eine Intuition“.

Kein Promi-Bonus geplant

Gisela Mayer, Annemie Ferber, Wulf Werbelow, Erna Walbert und Gabi Reichert unterhalten sich während der Zubereitung von Joghurt im sogenannten Kneipchen des Schammatdorfes (Foto: Harald Tittel/dapd)

Wenige Meter entfernt sitzt Sarja Herres in ihrem Büro. Die Diplom-Pädagogin ist die „kleine Bürgermeisterin“ des Schammatdorfs. „Klar freuen wir uns“, sagt sie. „Aber die Malu bleibt eine Nachbarin unter vielen.” Die Stimmung im Dorf beschreibt Herres als „freudig, aber unaufgeregt“. Auch die Prominenz ihres Mannes sei hier kein Thema.

„Unsere Funktionen spielen eine absolut untergeordnete Rolle“, bestätigt auch Dreyer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd, „wenngleich die Nachbarn schon stolz sind“. Am Schammatdorf schätze sie „die herzliche Nachbarschaft und das ungezwungene Miteinander“. In der Siedlung würden zudem viele unterschiedliche Lebensformen abgebildet, was ihren politischen Vorstellungen von der Vielfalt einer Gesellschaft entspreche.

Einmal im Jahr kocht ihr Mann im Dorfzentrum, bei Festen hilft Dreyer schon mal am Stand aus. Gemeinsam schauen die Beiden im „Kneipchen“ vorbei – wenn es ihr Terminkalender zulässt. Dort sitzen gerade einige Gäste beisammen und besprechen die neueste Entwicklung. „Die Malu setzt sich zu uns, fragt nach und hört zu“, berichtet Erna Walbert. Um Politik gehe es dabei selten. „Die will wissen, wie es uns geht“, sagt auch Gisela Mayer. Dreyer führe ihre Gespräche „immer auf Augenhöhe“, ergänzt Annemie Ferber.

Das bestätigt auch Hilde Greichgauer vom Nachbarschaftsverein. Vom Hartz-IV-Empfänger bis zur Sozialministerin sei in der Siedlung alles vertreten, aber Unterschiede würden keine gemacht. Natürlich weiß aber auch sie, dass einiges anders wird. So erhält Dreyer verstärkten Personenschutz, und auch ihr Zuhause dürfte schon bald von Polizisten bewacht werden. „Da fühlt man sich ja gleich mit beschützt“, scherzt Greichgauer, und Gabi Reichert kündigt an: „Wenn die Herren vom LKA kommen und sich dazu setzen wollen, bekommen sie einen Kaffee.“

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1 Kommentar

  1. Gast11. Juli 2013 at 10:34Antworten

    TRIER. Miserables Zeugnis für den Trierer Wohnungsmarkt- zumindest in puncto barrierefreies Wohnen. Dies ergab eine Umfrage, deren Ergebnis der Beirat für Menschen mit Behinderung heute vorstellte. Gerade einmal vier Prozent der Genossenschaftswohnungen sind barrierefrei ausgebaut. (…) Anfragen nach barrierefreie Wohnraum werden bislang oft auf das bereits größtenteils ausgebaute Schammatdorf im Trierer Süden verwiesen. Wenig hilfreich, findet der Beirat. “Das kann ja nicht das Ziel sein, das so etwas nur auf eine Ecke in der Stadt konzentriert wird.” Poser wird konkreter: “Wir wollen keine “Ghettoisierung” von Menschen mit Behinderung, wir wollen auch in Bezug auf das Wohnen am Leben in der Stadt teilhaben.”
    http://www.lokalo.de/artikel/37360/Mangelware-barrierefreier-Wohnraum

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