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Orientierungslos im Gemeindesaal

Wie fühlt es sich an, nichts zu sehen? In Ludwigshafen konnten Sehende das ausprobieren – bei einem „Gottesdienst im Dunkeln“. Von Isabell Scheuplein

Gottesdienst einmal anders (Originalfoto: leAcronym/pixelio.de, verfremdet: RP)

Es ist stockdunkel, die Finsternis scheint undurchdringlich. Wie groß der Raum ist, wie viele Menschen sich in ihm aufhalten und wo genau – was sich normalerweise auf den ersten Blick klären lässt, muss nun offen bleiben. Die Stimmen der Sitznachbarn weisen sie als Frauen aus, mehr ist nicht auszumachen. Dann beginnt der „Gottesdienst im Dunkeln“ in einem Gemeindesaal in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz).

Diakonin Heike Kühner ist seit ihrer Geburt blind. „Mein Sehnerv hat sich nicht richtig entwickelt“, berichtet sie. Mit der Gebetsstunde will sie ihren Besuchern ein Gefühl dafür vermitteln, wie es ist, ohne Augenlicht zu leben. „Ich will den Menschen die Probleme zeigen, aber auch, dass man trotzdem gut leben kann.“ Es ist bereits der dritte Gottesdienst, den sie im Dunkeln feiert.

Ist Behinderung eine Strafe?

Ein wenig Licht stiehlt sich nun doch durch die geschlossenen Rollläden und macht allmählich einzelne Umrisse erkennbar. Kühner liest ihre Predigt mit den Fingern von einem Ausdruck mit Blindenschrift ab. Es geht um die Frage, ob Behinderung eine Strafe ist. Liedtexte sagt sie vor, damit sich die Besucher die Zeilen merken und mitsingen können.

Der Gottesdienst gehört zur „Woche des Sehens“, die bundesweit auf die Situation von Blinden und Sehbehinderten aufmerksam machen will. Wie viele von ihnen in Deutschland leben, ist unklar, denn sie werden in keiner Statistik erfasst. Zwischen 650 000 und 1,2 Millionen Menschen sind es nach Angaben der Organisatoren. Auch in Mannheim (Baden-Württemberg) wird diese Woche im Dunkeln gebetet, in anderen Städten werden Menüs oder Kaffee und Kuchen in lichtlosen Räumen angeboten.

Sehbehinderte sind in Deutschland meist älter als 65 Jahre, denn schuld ist häufig eine Augenerkrankung. Eine Besucherin des Gottesdiensts in Ludwigshafen hat altersbedingte Makula-Degeneration und weiß, dass ihre Augen über die Jahre unweigerlich immer schlechter werden. „Das ist traurig, aber man kann viel lernen“, sagt sie. „Ordnung ist wichtig, alles muss an seinem Platz liegen, damit man es findet.“

Eine Erfahrung – aber nicht der Alltag

Inzwischen wisse sie auch, wie man Treppen möglichst gefahrlos hinabsteigen kann. Auch ein sprechendes Blutdruck-Messgerät, eine sprechende Waage und ein Vergrößerungsgerät für Bücher hat sich die alte Frau schon zugelegt. Im Nachbarraum des Gemeindesaals will sie sich nach weiteren Helfern umsehen. Unter anderem gibt es dort noch auszuprobieren: Einen sprechenden Wecker, einen Kalender in Blindenschrift und eine spezielle Computertastatur.

Wie Blinde zurechtkommen, fragt sich auch die sehende Gottesdienstbesucherin Christel Götz nach der Aktion. „Das war eine interessante Erfahrung“, sagt sie. „Aber wie der Alltag zu bewältigen ist, davon haben wir ja gar keine Vorstellung.“

(dpa)

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