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Beauty für Blinde

Blinde Frauen sind vor allem eines: Frauen. Sie schminken sich, tragen Schmuck – und kreieren sogar ihren eigenen Duft. Ein Besuch in einem Parfümseminar für sehbehinderte Nicht-Divas.

René Koch in seinem Salon in Berlin mit einem Cocktailshaker, den er zum Mischen des Puders verwendet. (Foto: Florian Schuh/dpa)

Als Milijana Promnitz die kleinen Duftfläschchen auf dem Glastisch vor sich erfühlt, ist sie überwältigt. „Wie viele Düfte es doch gibt“, wundert sich die 63-Jährige und lacht. Dabei hat sie bereits 20 Parfüms zu Hause. Nun kommt ein eigenes hinzu: Im Kosmetikstudio von Starvisagist René Koch kreieren Promnitz und sechs weitere Frauen unter der Anleitung der Parfümdesignerin Nanne Bailey ihren eigenen Duft.

Seit 2010 entwickelt Koch, dem sich schon Weltstars wie Claudia Schiffer, Jodie Foster oder Hildegard Knef anvertrauten, ein spezielles Schminkprogramm für schwer sehbehinderte und blinde Frauen. Alles begann mit einer E-Mail der blinden Susanne Emmermann, die ihm damals schrieb: „Sie können etwas Farbe in unser Leben bringen – und vielleicht bekommen Sie auch ein Blind Date.“

Koch war berührt und startete ein Selbstexperiment: Er setzte sich bei absoluter Dunkelheit in sein Studio und schminkte sich selbst: „Ganz so schlecht war das Ergebnis nicht“, stellte er fest. Darum lud er Emmermann und weitere blinde Frauen in sein Wilmersdorfer Kosmetik-Studio ein. Die Kurse waren ein großer Erfolg – und jetzt gibt es ein neues Thema.

Expertinnen der schönen Düfte

Anlässlich des Tages des weißen Stockes, des Weltblindentages am morgigen Montag, hat Koch blinde und sehbehinderte Frauen in sein prunkvolles Studio im altbürgerlichen West-Berlin eingeladen, wo er ihnen vor kurzem bereits das Schminken beigebracht hat. Heute werden die Teilnehmerinnen zu Expertinnen der schönen Düfte.

Die Frauen entwickeln ein sogenanntes Duft-Orchester aus Kopf-, Herz- und Basisnote. Das ist schwerer als gedacht. 120 Varianten lernen sie innerhalb von drei Stunden kennen, von Obstdüften über schwerere Gerüche bis hin zum Duft „Zuckerwatte“. Parfümexpertin Bailey gibt die Hintergrundinfos. „Das ist die Familie Chypre blumig.“ Aha. Besser erklärt es eine Teilnehmerin: „Das riecht schwer und herb.“ Beim Duft „Orientalisch süß“ warnt Gastgeber Koch die Frauen: „Passt damit auf, meine Damen. Das ist flüssiges Gold.“

Was auffällt: Fast alle Frauen sind dezent geschminkt, einige haben ihre Haare gefärbt, Schmuck aufgelegt. Extravagant oder divenhaft, wie es René Koch von berühmten Kundinnen wie etwa Hildegard Knef oder Zarah Leander kannte, ist keine der blinden Frauen. Wobei gerade Extravaganz eines bringen würde, was Blinden häufig fehlt: Aufmerksamkeit. Gerade auch deshalb veranstalten Blindenorganisationen und Menschen wie René Koch Aktionen zum Tag des weißen Stockes: Sie wollen, dass Blinde gesehen werden.

Riechen Blinde besser als Sehende?

Milijana Promnitz hat einen süßen Moschusduft als Kopfnote ausgewählt. Sie mischt ihn mit Maiglöckchen und Flieder. Reinreden lässt sich die 63-Jährige nicht. „Den Duft bestimmt sie“, sagt ihr Mann Karl-Heinz. Tipps nimmt Milijana Promnitz aber entgegen. „Ich will ja meinem Mann gefallen, der soll mich schließlich gut riechen können.“ Sie lacht. Er sagt: „Parfüm bringt Frische ins Leben.“

Parfümexpertin Bailey geht derweil um den Tisch, um die Wahl der Frauen zu notieren. Ob die blinden Damen besser riechen als Sehende? „Sie wählen auf jeden Fall geschulter aus.“ Ein Vorteil der Blindheit: „Die Frauen sind nicht abgelenkt von irgendwelchen Namen auf den Flaschen.“

Hannah Reuter, Doktorandin der Sprachwissenschaft mit nur zweieinhalb Prozent Sehstärke, zerbricht sich gerade den Kopf über den Namen ihres Parfüms. Sie hat Holz- und Moosdüfte als Kopfnote gewählt. „Deshalb passt eigentlich ein Waldname.“ Sie bevorzugt in der Regel süße Dufttöne: „Ein bisschen blumig darf’s schon sein.“ Wenn sie tanzen geht, nimmt die 29-Jährige aber auch gern schwerere Düfte. Gemeinsam mit anderen blinden Frauen geht sie häufig zum Tango. Das begeistert René Koch: „Und dazu muss noch der tangotypische rote Kussmund her, toll.“

Lieblich-leicht statt schwerer Alltag

Während Hannah Reuter bei Koch bereits gelernt hat, wie sie sich schminkt, ist Milijana Promnitz zum ersten Mal im Studio von René Koch. Die 63-Jährige weiß mittlerweile, wie ihr Duft heißen soll: „Milijana“, so wie sie selbst. Der Name wird auf ein Parfümflakon geschrieben, der Duft ist lieblich-leicht: „Ich liebe es leicht und fröhlich – das Leben ist schon schwer genug.“ Milijana Promnitz sieht gar nichts mehr – null Prozent Sehvermögen. „Schwarzblind, wie man so schön sagt.“ Sie lacht schon wieder. Dass sie ein fröhlicher Mensch ist, glaubt man ihr wie keiner Zweiten.

Schmink- oder Parfümseminare werden nach Kochs Vorbild mittlerweile in vielen deutschen Städten angeboten, von Hamburg bis München, von Saarbrücken bis Leipzig.

(Steffen Trumpf/dpa/RP)

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