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Entwicklungsländer: Helfen – aber wie?

Eine Reise nach Äthiopien, wo Karlheinz Böhms Organisation „Menschen für Menschen“ mit deutschen Spendengeldern neue Schule baut. Eine Reportage von Markus Huth

“Menschen helfen Menschen” in Äthiopien: Bildung gegen Armut (Pressefoto)

Eine in Lumpen gekleidete Frau kommt ans Auto. „Seid großzügig, habt Mitleid, wir leiden Hunger“, sagt der kleine Junge, der die blinde Alte durch den Verkehrsstau führt. Sie würden sich mit einigen äthiopischen Birr zufriedengeben, umgerechnet ein paar Eurocent. Aber Bettlern sollte besser nichts gegeben werden, sie gewöhnen sich dadurch nur an Almosen, sagen Mitarbeiter von „Menschen für Menschen“ – Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe. Seit mehr als 30 Jahren kämpft die Stiftung gegen die Armut in Äthiopien.

Erst am Sonntag eröffnete sie eine von acht deutschen Städten gespendete Schule im Osten des Landes. Albstadt, Castrop-Rauxel, Herzogenrath, Kiel, Koblenz, Meiningen, Neuburg und Pfaffenhofen hatten rund 200.000 Euro gesammelt. Am meisten gaben die Kieler Bürger mit 80.000 Euro.

Von der Kunst des richtigen Helfens

Helfen ja, aber wie? Die Frage beschäftigt Entwicklungshelfer schon immer. In letzter Zeit hat die Kritik an ihrer Arbeit jedoch zugenommen. Die Afrika-Kennerin und Journalistin Linda Polman rechnet in ihrem Buch „Die Mitleidsindustrie“ (2012) mit der ausländischen Hilfe für Krisengebiete ab: Wenn Hilfsorganisationen Notleidende versorgten, verlängerten sie Hunger und Kriege nur. Machthaber strichen Teile der Hilfslieferungen ein oder verdienten an Einfuhrzöllen.

Unter einer Wolke aus Smog liegt die „Neue Blume“, wie die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba übersetzt heißt. Es stinkt nach Abgasen. Blechbuden liegen im Schatten von Bürotürmen und Hotels. Vor einem steht der Geschäftsführer von „Menschen für Menschen“ (MfM), Axel Haasis. Er ist aus München angereist, um die neue Schule zu eröffnen und Projektgebiete zu inspizieren. Haasis kennt die Kritik an Hilfsorganisationen. Bei einigen sei sie berechtigt, sagt der 44-Jährige.

„Aber was mich stört ist, wenn Kritiker unsere Arbeit schlecht machen, ohne sie zu kennen“, fügt er hinzu. Weder verteile seine Stiftung einfach nur Almosen, noch führe sie Zölle oder Güter an den äthiopischen Staat ab. Die Organisation sei eine der wenigen in Äthiopien – es gibt hier rund 300 internationale Nichtregierungsorganisationen – die ihre Güter selbst transportiert und nicht an eine staatsnahe Spedition übergibt. MfM setze vielmehr auf „integrierte ländliche Entwicklung“. Das heißt: Die Helfer arbeiten gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung an der Verbesserung von Wasserversorgung, Landwirtschaft und Bildung. Derzeit ist MfM damit in zehn äthiopischen Landkreisen aktiv.

Eine Ärztin operiert in der Krankenstation im Dorf Tegora das Auge eines Patienten. (Foto: Maja Hitij/dapd)

Wir begleiten Haasis nach Norden ins Projektgebiet Midda in der Provinz Nord-Shoa. Hier leben überwiegend Christen. Auf der fünfstündigen Fahrt begegnen uns auf dem Land nur wenige Autos. Dafür umso mehr Esel, Rinder und Ziegen. Kinder winken lachend und rufen: „Ferengi, Ferengi!“ – Ausländer, Ausländer! Verfolgt von aufgewirbeltem Staub schaukelt sich unser Jeep ins Hochland. Midda liegt in 2.800 Meter Höhe, umgeben von grünen Tälern. Die Regenzeit ist gerade vorbei. Doch schon in einigen Wochen wird hier alles vertrocknen.

Vor zehn Jahren zählte die Region zu den ärmsten Äthiopiens. 87 Prozent der Menschen hatten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Wie überall im Land nahm die Bevölkerung rasant zu, heute leben hier 100.000 Menschen.

Mikrokredite stärken Frauen

Seitdem haben rund 90 lokale Mitarbeiter von MfM – fast alles Äthiopier – 172 Wasserstellen, 29 Schulen und neun Gesundheitsstationen geschaffen sowie 20 Millionen Bäume gepflanzt, wie uns der Projektmanager von Midda berichtet. Beinahe alle Kinder hätten nun Zugang zu Schulen. Auch die Anbaumethoden der Bauern seien verbessert worden. Im kommenden Jahr will die Stiftung aus dem Landkreis abziehen.

Auch das Leben von Aberash Desef aus dem Dorf Tegora wurde durch die Hilfe besser. Wir sitzen mit ihr in einer Hütte, es riecht nach Weihrauch und Kaffee. Sie arbeitet als Buchhalterin in einem Frauenverein, der von MfM geförderte Mikrokredite an Frauen vergibt. „Früher hat mich mein Mann wie Vieh behandelt. Aber seit ich zu unserem Einkommen beitrage, behandelt er mich mit Respekt“, berichtet sie. Um Geld betteln muss sie nun nicht mehr, das mache sie stolz.

Wir verlassen Midda in Richtung Südosten, fahren zum 1.000 Kilometer entfernten Landkreis Jarso in der muslimischen Oromo Region. Haasis will dort die von seiner Stiftung gebaute Schule im Ort Anano Mitae eröffnen. Die Landschaft hier ist trocken und steinig. Immer wieder herrscht in der Gegend Hunger.

Hüttenmädchen will Pilotin werden

Bei einer Städtewette bei „Wetten, dass ..?“ 2011 hatten die Bürger von 23 Städten drei Millionen Euro für 14 Schulen gesammelt. In Anano Mitae wurde am Sonntag nun die erste von ihnen eröffnet. Dafür sind Kiels Fernsehwettpate, TV-Koch Mike Süsser, sowie der Bürgermeister von Pfaffenhofen, Thomas Herker (SPD), angereist.

Freudenschreie, Gesang, Dankesreden: Vor der zwischen Bergen liegenden Schule werden die Gäste aus Deutschland mit einem Volksfest empfangen. Früher mussten die Kinder hier in einem verrottenden Holzbau ohne Strom und Toilette lernen. Nun werden mehr als 1.000 Schüler in Betonbauten mit sanitären Anlagen und stabilen Schreibtischen unterrichtet. An einem sitzt die achtjährige Rihanna Jamal. Sie geht in die zweite Klasse und träumt davon, später einmal Pilotin zu werden.

Beim Anblick von Hütten ohne Strom, Vieherden und Schotterstraßen klingt Rihannas Traum utopisch. Doch Äthiopien hat sich in den vergangenen Jahren wirtschaftlich rasant entwickelt. Er glaube, sagt Haasis, dass Äthiopien in 20 Jahren keine Entwicklungshilfe mehr benötige und sogar zum hart umkämpften Absatzmarkt werde. Bis es soweit ist, wolle er weiter dafür kämpfen, dass die Äthiopier sich ein gutes Leben erarbeiten können, anstatt betteln zu müssen.

(dapd)

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