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Ziemlich bester Freund und ziemlich beste Freunde

Der geistig behinderte Hartmut Freund ist einer der besten Tischtennisspieler Europas. Das war ein langer und kein einfacher Weg. Auf ROLLINGPLANET erzählt sein Bruder Norbert die ungewöhnliche Geschichte eines Mannes, der für manche wie eine Gummiwand ist.

Hartmut Freund beim DBS-Lehrgang in Lobbach bei Heidelberg, zu dem ihn unlängst Bundestrainer Wieland Speer eingeladen hatte. (Foto: Peter Krippendorf)

enn mein Bruder Hartmut Freund Tischtennis spielt, weiß er nie, wie es steht und wer Aufschlag hat. Aber nach jedem Ballwechsel weiß er genau, wer den Punkt gemacht hat. Und wenn er gepunktet hat und der Ballwechsel besonders schön war, jubelt er, macht Luftsprünge oder ballt die Faust. Hartmuts Behinderung ist manchmal sogar von Vorteil. Da er den Spielstand nicht kennt, ist er gegen Ende eines Satzes meist weniger nervös als seine nichtbehinderten Gegenspieler.

Diese haben allerdings große Vorteile in puncto Taktik und Strategie. Das ist einer der Gründe, weshalb im Tischtennis – wie generell in allen Ballsportarten – die geistige Behinderung die Ausübung des Sports viel stärker beeinträchtigt als in vielen anderen Sportarten. Während es beim 100-Meter-Lauf – vereinfacht ausgedrückt – „nur“ darum geht, so schnell wie möglich geradeaus zu rennen, muss ein Tischtennis-Spieler hochkomplexe Denkleistungen vollbringen. So muss er sich auf ganz unterschiedliche Spielstrategien, Aufschläge und Beläge seiner Gegner einstellen. Wer hier Defizite hat, muss versuchen, diese mit Ballgefühl, Intuition und Talent auszugleichen. Ein bisschen kann auch der Coach helfen. Das setzt aber voraus, dass der Sportler dessen Ratschläge versteht.

Im Hobbyraum fing es an

ngefangen hatte es vor rund 37 Jahren im Hobbyraum des Elternhauses in Bietigheim-Bissingen unweit von Stuttgart. Mein Bruder war sieben, ich neun Jahre alt. Wir waren gerade umgezogen, meine Eltern hatten eine Platte gekauft. Ich konnte schon ein wenig spielen und brachte es ihm bei. Es machte ihm tierisch Spaß, er wurde immer besser. Seit 1985 spielt er in einem Nichtbehindertensportverein, seit 2007 auch im Behindertensportverein, der BRSG Bietigheim-Bissingen. Letzteres ergab sich eher zufällig, als mein Vater irgendwann mitbekam, dass die BRSG in derselben Halle trainiert wie der damalige Nichtbehindertensportverein meines Bruders. Er wurde von den körperbehinderten Sportlern der BRSG mit offenen Armen aufgenommen. Bis heute ist er in diesem Verein der einzige Tischtennis-Sportler mit einer geistigen Behinderung.

Ganz einfach war es dennoch nicht, im Behindertensport Fuß zu fassen. Denn damals wurde die Wettkampfklasse 11 (geistige Behinderung) zunächst weder in Württemberg noch auf der nationalen Ebene des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) ausgespielt.

Unterstützer gesammelt

aher sammelte ich ab 2010 Unterstützer für die Austragung einer deutschen Meisterschaft in dieser Wettkampfklasse. Knapp 200 Menschen, viele geistig behinderte Sportler und ihre Betreuer, aber auch Tischtennis-Größen wie Timo Boll, Hans Wilhelm Gäb, Jörg Roßkopf, Christian Süß, Jiaduo Wu und Kristin Silbereisen, Promis wie der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die Sportreporter-Legende Manfred „Manni“ Breuckmann sowie die Schauspieler Irene Fischer und Joachim Hermann Luger aus der Fernseh-Serie „Lindenstraße“ ließen sich in meine Unterstützer-Liste eintragen. Hinzu kam, dass etwa zeitgleich das Internationale Paralympische Komitee beschloss, dass Tischtennis in der Wettkampfklasse 11 paralympisch wird. Schließlich wurde die deutsche Meisterschaft im März 2011 ausgetragen – und Hartmut gewann, ohne dabei auch nur einen einzigen Satz abzugeben.

Der Tischtennis-Bundestrainer des DBS, Wieland Speer, nominierte ihn später für die Europameisterschaft in Split, wo er im Oktober vorigen Jahres seinen bisher größten Erfolg feierte. Er schaffte durch einen kaum für möglich gehaltenen Sieg gegen den damaligen Weltranglistenvierten Haro Cesar Monteagudo aus Spanien den Einzug ins Viertelfinale. Hartmut war bei dieser Europameisterschaft eindeutig der Sportler mit der schwersten geistigen Behinderung. Seine ansteckende Spielfreude, aber auch der Kontrast zwischen der für jedermann erkennbaren Schwere der Behinderung und seinem hohen Leistungsniveau machten ihn im Laufe der Titelkämpfe zum regelrechten Publikumsliebling in der Spaladium Arena von Split.

Neue Trainerin Szilvia Kahn

nfang 2012 wurde sein Training beim Plüderhausener Bundesliga-Coach Momcilo Bojic intensiviert, der zugleich Spielertrainer von Hartmuts Nichtbehindertensportverein, dem TTC Bietigheim-Bissingen ist. Mittlerweile hat auch die ehemalige Bundesliga-Spielerin und Senioren-Europameisterin Szilvia Kahn Hartmut unter ihre Fittiche genommen. Bei ihr trainiert er neuerdings dreimal pro Woche. Oft spielt er auch in zwei weiteren Nichtbehindertensportvereinen, dem TSV Schmiden und der KSG Gerlingen. Zweimal pro Woche ist Hartmut meistens im Behindertensport aktiv: einmal bei der BRSG Bietigheim-Bissingen und einmal bei Andreas Escher, dem Leistungssport-Koordinator Tischtennis des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbands (WBRS). Escher hatte Hartmut im vergangenen Jahr in seinen Leistungskader aufgenommen.

Seit diesem Jahr nimmt Hartmut an Weltranglistenturnieren teil. Bei Turnieren in Ungarn, Italien und Frankreich gewann er mit Kemal Gayfullin aus Russland zweimal Gold und einmal Silber im Team-Wettbewerb. Im Nichtbehindertensport spielt er jetzt erstmals in der Kreisliga, nachdem er in der letzten Saison in der Kreisklasse A und im Jahr davor Kreisklasse B gespielt hatte. Zur Einordnung: Unterste Spielklasse ist die Kreisklasse D. Bei der Bezirksrangliste im Nichtbehindertensport landete er kürzlich in seiner Achtergruppe auf dem ersten Platz. Es gelingt ihm auch immer wieder einmal, gegen klassenhöhere Gegner – etwa solche aus der Bezirksklasse oder der Bezirksliga – zu gewinnen, weil er gegen diese mit seinem gefürchteten Block- und Konterspiel nahe an der Platte oftmals regelrecht über sich hinauswächst. „Er spielt wie eine Gummiwand und erkennt einfach jeden Schnittwechsel“, sagte einmal TTC-Trainer Momcilo Bojic.

Nie war er so gut wie heute

artmut ist jetzt 44 Jahre alt. Und noch nie war er so gut wie heute. Natürlich wäre das ohne das intensive Training nicht möglich. Dieses Training wiederum und die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen wären ohne Sponsoren wie die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen, den Tischtennis-Ausrüster Contra und die Firma Sporlastic Orthopaedics, nicht finanzierbar. Er hat bei Wettkämpfen und Lehrgängen wegen des hohen Betreuungsaufwands viel höhere Ausgaben als Sportler ohne geistige Behinderung. Hinzu kommt, dass sein Einkommen bescheiden ist: Er erhält nur eine kleine Erwerbsminderungsrente – aufgrund einer früheren Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Hartmut lebt bei den Eltern. In einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeitet er nicht. Früher habe ich das ein wenig bedauert. Jetzt ist es von Vorteil, da das intensive Training nur schwer mit der Tätigkeit in einer Werkstatt vereinbar wäre. Im Grunde ist er jetzt von „Beruf“ Tischtennis-Sportler – natürlich ohne dass er damit Geld verdienen würde. Der Vater fährt ihn immer zum Training und betreut ihn. Obwohl ich in Saarbrücken wohne, sehen wir uns regelmäßig und spielen noch heute häufig im Hobbyraum. Nicht zuletzt begleite ich ihn mit meinem Vater zu Lehrgängen des DBS und des WBRS, zu Weltranglistenturnieren sowie Titelkämpfen im In- und Ausland.

Wie etwa zur Europameisterschaft von INAS, dem Weltverband für Leistungssportler mit einer intellektuellen Behinderung, Ende des Monats in La Roche-sur-Yon (Frankreich) oder einen Monat später zum Weltranglistenturnier in San Diego (USA). Bei diesen Wettkämpfen wird Hartmut mit dem Saarländer Tobias Thomas zum ersten Mal überhaupt ein deutsches Team bilden. Sportlich betreut werden die beiden dort von DBS-Bundestrainer Wieland Speer, der den Tischtennis-Sport von Menschen mit einer geistigen Behinderung in den vergangenen Jahren sehr gefördert hat.

Überforderung? Nein: Spaß

ürzlich fragte mich ein Bekannter, ob wir Hartmut nicht vielleicht überfordern. Aus Sicht eines Außenstehenden eine berechtigte Frage. Tatsache ist jedoch: Wenn Hartmut an der Platte ist, ist er in seinem Element. Selbst wenn er einmal vor dem Training oder Spiel schlecht gelaunt ist, ist das meist wie verflogen, sobald er sich auf den kleinen Zelluloid-Ball konzentriert. Es ist ja nicht so, dass man ihn zum Training zwingen würde. Im Gegenteil: Es macht ihm einfach unheimlich Spaß.

Der Autor

Norbert_Freund_SaarbrueckenSie sind nicht nur Brüder, sondern auch beste Freunde: Autor Norbert Freund (46) ist gesetzlicher Betreuer von Hartmut (44).

2010 sammelte Norbert Freund prominente Unterstützer wie Timo Boll, Hans Wilhelm Gäb, Jörg Roßkopf und viele andere, damit es im Tischtennis eine Deutsche Meisterschaft in der Wettkampfklasse 11 (geistige Behinderung) gibt (siehe auch Bericht rechts).

Norbert Freund ist Redakteur der „Saarbrücker Zeitung“. Außerdem ist er im Bundesvorstand der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (Gewerkschaft Verdi). Seine Aufgabenschwerpunkte und Themen in dieser Funktion sind Tarifpolitik, politische Lobbyarbeit im Bereich des Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrechts, Tarifflucht, prekäre Beschäftigung und Outsourcing.

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