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Regional

„Bei der Teilhabe Blinder ist zu wenig passiert“

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband feiert heute sein 100. Jubiläum: Ein Interview mit Verbandspräsidentin Renate Reymann.

Finger ertasten die Louis-Braille-Schrift (Foto: dapd)

Braunschweig 1912: Auf dem zweiten Blindentag wird der Grundstein für den eigenen Angaben zufolge heute ältesten Selbsthilfeverband Deutschlands gelegt, den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV, siehe auch Chronik ganz unten).

An diesem Freitag ab 11 Uhr feiert die Organisation in Berlin ihr 100. Jubiläum. Zum Festakt wird auch Bundespräsident Joachim Gauck erwartet. Wenngleich der Verband auf eine lange Tradition zurückblicken kann, stoßen Blinde heute noch auf viele Hürden, wie Verbandspräsidentin Renate Reymann im Interview erklärt: „Es sind die Barrieren in den Köpfen, und es ist häufig auch das fehlende Wissen der Arbeitgeber, welche Art der Unterstützung und Leistung sie erhalten können, wenn sie blinde oder überhaupt behinderte Menschen einstellen.“

Probleme bereiteten aber auch Arbeitsplätze, die für Blinde ungeeignet seien, und fehlende finanzielle Mittel. Die 61-Jährige forderte die Politik auf, mehr für die Gleichstellung behinderter Menschen zu tun. Zu oft bleibe die Politik in “blumigen Wortwolken” stecken.

Interview mit Renate Reymann

Renate Reymann

Seit 100 Jahren kämpft Ihr Verband für die Gleichstellung blinder und sehbehinderter Menschen. Hat sich seitdem genügend verbessert?

Es ist natürlich nie genug geschehen. Bei der beruflichen Teilhabe etwa ist einfach zu wenig passiert. Wenn ich es nur an der Statistik festmache: Vor 100 Jahren ungefähr waren 22 Prozent der blinden Menschen im berufsfähigen Alter, die außerhalb von Anstalten lebten, berufstätig – häufig mit ganz geringem Einkommen. Heute sind es zirka 30 Prozent. Das ist also keine besonders große Steigerung. Dort müssen wir also unbedingt noch mehr tun.

Auf welche Hindernisse stoßen Menschen mit Sehbehinderungen im Berufsleben?

Es sind die Barrieren in den Köpfen und es ist häufig auch das fehlende Wissen der Arbeitgeber, welche Art der Unterstützung und Leistung sie erhalten können, wenn sie blinde oder überhaupt behinderte Menschen einstellen. Und es ist die mangelnde Barrierefreiheit am Arbeitsplatz. Häufig sorgen auch fehlende finanzielle Mittel dafür, dass blinde und sehbehinderte Menschen doch nicht das erreichen können, was sie gerne möchten.

Was müsste geschehen, damit sich die Situation verbessert?

Wenn ich als Arbeitgeber befürchte, dass ich mir vielleicht einen Rucksack von Problemen ins Haus hole, dann finde ich auch genügend Gründe, zu sagen: ‘Das geht gar nicht, dass ich den Betroffenen eine Chance gebe.’ Es braucht also Menschen, die wollen, dass wir eine Berufschance bekommen.

Was könnte die Politik noch machen, um die Gleichstellung blinder und sehbehinderter Menschen voranzutreiben? Ein Gleichstellungsgesetz gibt es ja eigentlich bereits.

Die Politik könnte selbst dazu beitragen, in ihrem Tun und in ihrem Handeln Barrieren abzubauen. Wir lassen zu, dass manche Unternehmen nicht einmal die festgesetzte Quote von schwerbehinderten Menschen – bei Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen liegt sie bei fünf Prozent – erfüllen. Die Politik redet gerne über die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und über Inklusion und dann bleibt sie in diesen blumigen Wortwolken stecken.

Die Inklusion ist ein gutes Stichwort. Mit ihr ist unter anderem gemeint, dass Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam in eine Schule gehen. Vor Kurzem kritisierten Sie, dass es zu wenige Lehrer für Kinder mit Sehbehinderungen gibt. Woran liegt das?

Einmal hängt es damit zusammen, dass wir in Deutschland lediglich fünf Hochschulen haben, an denen man diesen sonderpädagogischen Studiengang belegen kann. Und zum anderen landen nicht alle, die diese Ausbildung abgeschlossen haben, auch in diesem Arbeitsfeld. Ich denke, wenn wir auf dem Weg zur inklusiven Bildung weiterkommen wollen, dürfen auch die Schulen nicht ausbremsen. Was wir häufig feststellen ist, dass Barrierefreiheit mit der Rollstuhlgerechtigkeit gleichgesetzt wird. Kinder mit Sinnesbehinderungen haben aber ganz andere Bedürfnisse als Menschen, die in ihrer Mobilität beeinträchtigt sind.

Ist die Inklusion dann überhaupt umsetzbar?

Es gibt schon sogenannte Leuchtturmschulen oder -projekte, wo das möglich ist. Wir meinen aber, dass in den Schulgesetzen unbedingt die Wahlmöglichkeit erhalten bleiben muss, solange die Inklusion nicht umgesetzt ist. Denn es kann durchaus sein, dass ein Kind gar nicht von Klasse Eins an in eine Regelschule gehen kann. Vielleicht braucht das Kind noch einmal Sonderunterricht, um die Blindentechniken zu erlernen. Wenn an einer Regelschule ein Lehrer ist, der diese sonderpädagogische Ausbildung hat, würde es das sehr viel einfacher machen. Es könnten beispielsweise Lehrer mobil eingesetzt werden, die die Lehrer an der Regelschule unterstützen.

Das Gleichstellungsgesetz gibt es immerhin schon seit zehn Jahren. Wie erklären Sie sich, dass die Gleichberechtigung behinderter Menschen nur langsam vorankommt?

Neulich, in einem anderen Interview, wurde ich gefragt: Warum wollen sich denn blinde Frauen schminken? Da habe ich zurückgefragt: Warum will sich denn eine sehende Frau schminken? Das sind so ganz einfache Dinge, an denen ich erkenne: Wir Betroffene haben noch unheimlich viel zu tun, um die Barrieren in den Köpfen zu beseitigen und zu zeigen, dass blinde und sehbehinderte Menschen ein genauso normales Leben führen möchten wie alle anderen.

(Das Interview führte dapd-Korrespondentin Hanna Hauck)

Chronik

Um1920: Versammlung des Reichsdeutschen Blindenverbands (Foto: DBSV)

1806: Die erste deutsche Blindenanstalt wird in Berlin eröffnet.

1825: Die Blindenschrift von Louis Braille wird eingeführt (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht:
Louis Braille: Der viel zu frühe Tod eines lächelnden Träumers).

1912: Der Reichsdeutsche Blindenverband wird auf dem zweiten Blindentag in Braunschweig gegründet. Damit ist der Grundstein für den heutigen Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband gelegt.

1933 – 1945: Wie andere behinderte Menschen leiden auch Blinde unter den Nationalsozialisten. So wird im Dritten Reich etwa die Zwangssterilisation von Menschen zugelassen, die aus erblichen Gründen blind sind.

1949: Der Deutsche Blindenverband wird in Meschede als Nachfolgeorganisation des Reichsdeutschen Blindenverbandes gegründet.

1957: In der DDR wird der Allgemeine Deutsche Blindenverband gegründet. 1973 wird er in Blinden- und Sehschwachen-Verband der DDR umbenannt.

1959: Weiße Gehstöcke für Blinde werden als Erkennungszeichen im Straßenverkehr festgelegt.

1981: Das Bundessozialgericht erkennt Blindenführhunde als Hilfsmittel an.

1990: Landesvereine der Blinden- und Sehbehindertenhilfe werden in den neuen Bundesländern gegründet.

1994: Das Grundgesetz wird um die Rechte von Behinderten erweitert. Zu Artikel 3 wird folgender Satz hinzugefügt: “Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.”

2001: Der Welt-Braille-Tag wird erstmals am 4. Januar gefeiert.

2002: Das Behindertengleichstellungsgesetz tritt in Kraft.

2006: Die UN-Behindertenrechtskonvention wird verabschiedet.

(Quelle: Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband)

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