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Gefährlicher Medikamenten-Mix für Senioren

Wie reagiert man als Angehöriger? Der Badezimmerschrank ist voll, und auch auf dem Nachttisch stehen allerlei Fläschchen und Dosen: Bei älteren Menschen sieht es manchmal aus wie in einer Apotheke. Das kann gefährlich werden.

Randvoll gefüllte Medikamentenschatullen von Senioren sollten Angehörige misstrauisch machen. Denn nehmen ältere Menschen einen umfangreichen Mix an Medikamenten ein, drohen gefährliche Wechselwirkungen. „Bei mehr als fünf Medikamenten potenzieren sich die Wechselwirkungen“, sagte Prof. Gerd Glaeske, Arzneimittel-Experte an der Universität Bremen. Dem Pharmazeuten zufolge nehmen 40 Prozent der Frauen und 35 Prozent der Männer über 65 Jahren sogar neun Wirkstoffe oder mehr in Dauertherapie ein.

Das Problem bestehe insbesondere darin, dass Senioren häufig mehrere Ärzte haben: Sie verschreiben zwar aus ihrer Sicht die richtigen Medikamente – nur vom gesamten Mix wissen sie nichts. „Zusammen ergeben die Medikamente einen unheilvollen Cocktail“, warnte Glaeske. Hinzu kommen Medikamente, die Senioren sich quasi selbst verschreiben: Mittelchen, die es ohne Rezept in der Apotheke gibt. Kein Fachmann behält im Blick, was genau die älteren Patienten einnehmen.

Wenn der Mix krank statt gesund macht

Prof. Gerd Glaeske (Foto: privat)

Die Folge: Oft helfen die Medikamente nicht, sondern der Mix macht die Senioren krank. Angehörige können problematische Wechselwirkungen an bestimmten Anzeichen erkennen: „Verwirrung, Schläfrigkeit, Unkonzentriertheit – das können Folgen sein“, erklärte Glaeske. Auch plötzliche Teilnahmslosigkeit bei früher sehr kommunikativen Menschen sei ein Warnzeichen. Diese Veränderungen sollten Betroffene und Angehörige deshalb nicht vorschnell als normale Begleiterscheinungen des Alterns abtun.

Glaeske rät, als Angehöriger zusammen mit dem Älteren eine Liste aller Medikamente anzufertigen, „nicht nur mit den Namen, auch mit der Dosierung.“ Denn oft ist die Dosierung bei Senioren zu hoch: Ihre Körper bauen die Arzneimittel langsamer ab – sie wirken dadurch länger.

Mit der Liste geht es dann in die Apotheke. „Apotheker haben eine Software, bei der man alle Medikamente eingeben kann und sieht, ob Kombinationen vielleicht nicht passen.“ Danach sollte der Senior einen Arzt auswählen, der von nun an die Medikamenteneinnahme koordiniert. „Das sollte der Arzt machen, zu dem man am häufigsten geht.“

Einfach Placebo unterjubeln?

Schwieriger wird es, wenn ältere Menschen ihren Mix an Medikamenten aus Gewohnheit nicht ändern wollen. „Wenn dann die Angehörigen anfangen rumzunörgeln, dann glauben sie ihnen nicht“, sagte Glaeske. Er empfiehlt, Experten zu Wort kommen zu lassen. Sie leisten oft bessere Überzeugungskraft – besonders dann, wenn sie gedruckt sind: „Ich kann zum Beispiel Zeitungsartikel vorlegen.“

Heimlich Medikamente auszutauschen, sieht Glaeske kritisch: „Wenn ich zum Beispiel das Schlafmittel gegen ein Placebo tauschen will, sollte ich das nie selbst tun, sondern immer mit einem Arzt absprechen.“ In Einzelfällen gebe es eventuell einen Grund für die Heimlichkeit, aber den Angehörigen sollte klar sein: „Damit führt man die älteren Menschen hinters Licht.»

(Gespräch: Lea Sibbel, dpa)

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