Rollingplanet | Portal für Behinderte und Senioren

Banner-Schottland-fuer-alle

News & Berichte

Marcel Nuss: Freiheitskämpfer für Selbstbestimmung und Menschlichkeit

Von einem Mann, der nicht in ein Pflegeheim abgeschoben werden wollte und Perspektiven aufzeigt, die durch persönliche Assistenz möglich sind.

Marcel Nuss (Foto: Nëmme Mat Eis!)

Der Franzose Marcel Nuss, 57, lebt im Pflegebett und mit Beatmungsgerät. Er war am vergangenen Samstag Gastredner auf einer Konferenz, die von dem Verein „Nëmme Mat Eis!“ (Nur mit uns!) für selbstbestimmtes Leben in Hesperange (Luxemburg) organisiert wurde. Pressesprecher Sascha Lang bedauerte: „Leider hatte die Presse sehr wenig Interesse an dieser Veranstaltung.“ Das ist umso bedauerlicher, weil Nuss seit Jahren für die Rechte von Menschen mit Behinderung kämpft. Im folgenden veröffentlicht ROLLINGPLANET den Bericht von „Nëmme Mat Eis!“, der zwar vor allem von Frankreich und Luxemburg handelt, jedoch eine Diskussion und Forderungen beschreibt, die auch für Betroffene in Deutschland essentiell sind.

“Grundlegendes Umdenken erkämpfen“

„Da beim ersten Mal meine Bemühungen nicht ausreichten, beschloss ich, zum zweiten Mal in den Hungerstreik zu treten. Dort sind mir dann etwa zehn Mitstreiter gefolgt“.

Diese Worte kommen nicht etwa von einem historisch allseits bekannten Freiheitskämpfer wie Mahatma Ghandi oder Nelson Mandela, sondern von Monsieur Marcel Nuss, 57, der in Frankreich nun seit Jahrzehnten mit schwersten Beeinträchtigungen samt Pflegebett und Beatmungsgerät lebt und am letzten Samstag auf Einladung der Organisation Nëmme Mat Eis! und der Abteilung Behinderter Arbeitnehmer des OGB-L im Centre Culturel Nicolas Braun in Hesperange referierte.

„Als 2001 meine Frau nach 23 Jahren Ehe beschloss, sich von mir scheiden zu lassen, hatte ich die Wahl: Entweder würde ich bis ans Ende meiner Tage in einer Einrichtung verkommen, oder ich musste von der Regierung ein grundlegendes Umdenken erkämpfen.“

So spricht sich der Freiheitskämpfer aus Frankreich dann auch gegen das in Luxemburg übliche und laut Nëmme Mat Eis! Vorsitzendem Patrick Hurst in der Pflegeversicherung verankerten Modell des „aidant informel“ aus. „Eine Rollentrennung ist äußerst wichtig in der Familienbeziehung. Die Ehefrau muss die Ehefrau und die Kinder müssen Kinder bleiben. Die Unterstützung erledigen die Assistenten“, so Marcel Nuss später.

Hoffen auf die UN-Behindertenrechtskonvention

Möglich wurde dies in Frankreich durch ein umfassendes Rahmengesetz vom 11. Februar 2005, das Menschen mit Behinderung eine gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen ermöglichen soll. Ein solches Gesetz in Luxemburg gibt es leider noch immer nicht. Umso stärker ruhen alle Hoffnungen auf der vor einem Jahr durch Luxemburg ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention. Wie jedoch Patrick Hurst in seiner Aufführung des „Ist“-Zustands in Luxemburg darstellte, ist auch der vor einigen Monaten von der Regierung verabschiedete Aktionsplan alles andere als zufriedenstellend: „Es fehlen klare rechtliche Grundlagen“, so Hurst. „Gäbe es welche, müssten beispielsweise gehörlose Menschen nicht mehr jedes Mal aufs Neue eine Anfrage machen und hoffen, dass diese gewährt wird (…), um bei einer wichtigen Veranstaltung Deutsche Gebärdensprachen-Verdolmetschung zu bekommen.“

Claudia Monti von der Menschenrechtskommission CCDH zeigte eine andere Schwachstelle im Ratifizierungsgesetz auf: Sie bedauerte in ihrem Vortrag, dass der Gesetzgeber bei der Umsetzung des Artikels 33.2 der Behindertenrechtskonvention den Schutz der Grundrechte der Menschen mit Behinderung nicht ausreichend abgesichert hatte. So sei zwar die Mediatorin für diese Aufgabe des Schutzes eingesetzt, jedoch sei sie nur für den öffentlichen Bereich zuständig. Für Menschenrechtsverletzungen im Privatbereich müsse aber noch eine Lösung gefunden werden.

Ein Arbeitgeber mit allen Verpflichtungen

Zurück zur Situation in Frankreich und dem Leben von Marcel Nuss in der realen Praxis: Unterstützt wird Herr Nuss von einem Team von fünf Assistenten, die sich in Zeitabständen von zirka 48 Stunden zu zweit ablösen und ihm so ein ganzheitliches Leben ermöglichen. Ihm steht dafür ein Stundenkontingent von 32 Stunden am Tag in Form eines monatlichen und bedarfsangepassten persönlichen Budgets von 11.000 Euro zur Verfügung, mit denen er diese fünf Personen entlohnt.

Marcel Nuss betont aber deutlich, dass er auf keinen Fall Arbeitsplätze vernichtet oder die ihm anvertrauten Gelder in den Wind schießt. Im Gegenteil, er sieht sich als Arbeitgeber, mit allen Verpflichtungen, die dies beinhaltet: Löhne, Steuern, Sozialabgaben usw. Einzig die Abrechnungs- und Buchführungsarbeiten werden von einem Verein übernommen.

„Was ist das für ein verdammtes Leben, in einer Einrichtung leben zu müssen, wo einem vorgeschrieben wird, man müsse um neun im Bett liegen und zu dieser und jener Zeit zur Toilette gehen“, sagte er. Später fügt er hinzu: „Für die Einrichtung sind wir eine Arbeitslast – welchen Platz haben wir da noch in der Gesellschaft?“ In seinen weiteren Ausführungen zeigt er die Perspektiven auf, die ihm durch persönliche Assistenz eröffnet wurden: als Mitarbeiter einer „Départements“-Verwaltung und sogar eines französischen Ministeriums.

Auch mit Assistenz ein vollwertiger Bürger

„Mit Assistenz ist man ein vollwertiger Bürger, mit Potential, jeder gemäß seiner Fähigkeiten.“ Dies betonte auch Joël Delvaux, Vorstandsmitglied von Nëmme Mat Eis und Leiter der Abteilung behinderter Arbeitnehmer beim OGB-L, der sich in seinem Vortrag auf das Thema Arbeit konzentriert. Nicht nur, dass der offene Arbeitsmarkt für viele Menschen mit Behinderungen ohne Jobcoaching und Arbeitsassistenz verschlossen bleibt, auch für die, die es dann trotz allem schaffen, bleibt die Situation schwierig. „Wäre Assistenz auf dem Arbeitsplatz vorhanden, so könne man dann auch mal Überstunden machen wenn man das will oder der Betrieb das erfordert. Außerdem hätte man dann auch die Möglichkeit, am sozialen Leben am Arbeitsplatz teilzuhaben und könne sich nach Dienstschluss zum Beispiel ein zwischenmenschliches Gespräch mit Kollegen gönnen.“

Luxemburg ist trotz seines Wohlstands, darin waren sich alle Redner einig, noch Lichtjahre von dem Konzept Autonomes Leben entfernt. Laut Marcel Nuss sieht die Politik ganz offenbar nur Kosten, die kurzfristig entstehen, und vergisst dabei den langfristigen Gewinn, der von einer inklusiven Politik ausgeht.

Fehlende Bildung, fehlende Selbstbestimmung

Eine der Wurzeln des Problems liegt nach Ansicht von Marcel Nuss auch klar im Bildungsbereich: Laut Statistiken erreichen in Frankreich selbst heutzutage 80 Prozent der Kinder mit einer Behinderung nicht einmal die mittlere Reife. Daher hätten sie oft nicht die nötigen Mittel und Kompetenzen, um sich für mehr Selbstbestimmung starkmachen zu können.

Marcel Nuss betont jedoch, dass es nicht darum gehe, Einrichtungen „abzuschaffen“, im Gegenteil, er kenne Leute, die sich dort aufgehoben fühlten. Ziel ist es jedoch, zumindest eine Wahlfreiheit zu schaffen und im Allgemeinen die Lebensqualität zu steigern und mehr Menschlichkeit zu erlangen. In diesem Wunsch nach mehr Lebensqualität und der Wahrung von Würde in Einrichtungen wurde er in der anschließenden Diskussionsrunde bestätigt vom Moderator der Veranstaltung, Rigobert Rink, welcher nach einem Unfall seine ehemalige Arbeit als Pfleger beenden musste und nun als Heimbewohner die andere Seite der Medaille am eigenen Leib erfährt.

Print Friendly

Stichworte

Diesen Artikel mit anderen teilen

Über Rollingplanet

Wir sind seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, und in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, seit Januar 2012 online, ist Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein inklusives, von Menschen mit und ohne Behinderung ehrenamtlich irealisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Wenn Sie noch mehr ROLLINGPLANET wollen, empfehlen wir Ihnen unseren Newsletter (hier kostenlos registrieren) mit zusätzlichen Gewinnspielen und anderen Extras.

2 Kommentare

  1. Julia Riedmann31. Oktober 2012 at 23:20Antworten

    wirklich sehr berührend und beeindruckend, even oder vielleicht besonders für normalos wie mich

  2. Anna4. November 2012 at 11:35Antworten

    Verständnisfrage:
    “…fünf Assistenten, die sich in Zeitabständen von zirka 48 Stunden zu zweit ablösen und ihm so ein ganzheitliches Leben ermöglichen. Ihm steht dafür ein Stundenkontingent von 32 Stunden am Tag in Form eines monatlichen und bedarfsangepassten persönlichen Budgets von 11.000 Euro zur Verfügung, mit denen er diese fünf Personen entlohnt.”

    2 Assistenten bleiben 49 Std. bei dem Arbeitgeber, schlafen dort oder nicht oder stehen zu zweit an seinem Bett???

    32 Std. am Tag- hat ein Tag nicht nur 24 Stunden

    11.000€ für 5 Assistenten, macht bei einem Durchschnittsmonat und bei einem 24 Std-Tag = 2.200€ pro Assistent pro Monat und 15,27€ Stundenlohn für einen Assistenten. Brutto?? Netto 1.442,62 €, also 10€/std. Fachpfleger für Beatmung bekommt man dafür? Super. In welchem Bundesland?

Was ist Ihre Meinung?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

ny7

Das sind wir

ROLLINGPLANET ist Deutschlands führendes Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung, Senioren und Freunde. Tagesaktuell, unabhängig, kritisch. Und geil aufs Leben.

ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, ehrenamtlich realisiert von Menschen mit und ohne Behinderung. Seit 1. Januar 2012. Weitere Infos: Über uns

Tipp

Tipp-PfeilWenn Sie sich weiter unten auf dieser Seite befinden und wieder schnell nach oben kommen wollen: Einfach auf das schwarze Kästchen mit dem Pfeil – rechts unten am Bildschirm – klicken.
  • A A A


  • Abzocke und Schläge: Blinde beklagen schlechte Hundeausbildung

    • Abzocke und Schläge: Blinde beklagen schlechte Hundeausbildung

    Wie Sie vermeiden, Blinde in Lebensgefahr zu bringen

    • Wie Sie vermeiden, Blinde in Lebensgefahr zu bringen

    Was steckt hinter dem Trend “Sick Selfies”?

    • „Sick Selfies“: Jetzt gehört nicht mal mehr Mitleid allein uns Behinderten

    Alleine auf eine Party gehen ist doof

    ziemlich-beste-begleiter-bigteaser
    Werbebanner der Firma Rehability
    Druck

    Neueste Parkplatzschweine

    • Polizei auf Behindertenparkplatz: Ist das bayerische Inklusion?
    • Falschparker/in: WI-AQ 8615
    • Falschparker/in: COE-G 614
    • Falschparker/in: BOR-ZV 583
    • Falschparker/in: BOR-XA 319
    • Falschparker/in: AH-PA 153
    • Falschparker/in: COE-KR 698
    • Falschparker/in: COE-JK 40

    Barrierefreie Hotels

    • Erstes Embrace-Hotel in der Schweiz
    • Verein „Ohne Barrieren“ eröffnet Hotel Sportforum in Rostock
    • Hotel am Kurpark (Bad Herrenalb)
    • Refugium am See (Teupitz)
    • Hotel Hanseatic Rügen & Villen (Ostseebad Göhren)
    • „So wie Du“ und nicht so wie die meisten Hotels
    • Alling: Lichtblick Hotel