„24 Wochen“: Die Grenzen des Tabubruchs

Diagnose Down-Syndrom mit Herzfehler und ein später Schwangerschaftsabbruch – das Feuilleton feiert den Spielfilm als Tabubrecher. Zu Recht? Von Susanne Schultz

Bjarne Mädel und Julia Jentsch in „24 Wochen“ (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Bjarne Mädel und Julia Jentsch in „24 Wochen“ (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Als einziger deutscher Wettbewerbsbeitrag und mit bekannten Schauspieler_innen besetzt erhielt 24 Wochen von Anne Zohra Berrached auf der diesjährigen Berlinale große Aufmerksamkeit (ROLLINGPLANET berichtete: Will ich ein Kind mit Behinderung?). Die Geschichte spielt unter deutschen Kulturschaffenden mit Haus und Garten und verlässt dieses Ambiente auch an keiner Stelle. Die sonst auf der Berlinale so vielfältig naherückende restliche Welt bleibt ausgesperrt. Sie ist eine kalauernde, feministisch angehauchte Kabarettistin, er ihr Manager, sie haben bereits ein Kind.

Die Geschichte fängt höchst voraussetzungsvoll an – mit der ärztlich verkündeten Diagnose Trisomie 21, der wohl eine Amniozentese vorausging. Das Paar begibt sich auf einen hektischen, überdrehten Erfahrungstrip zum Theater Ramba Zamba, bei dem die Schauspieler_innen mit Down-Syndrom tanzend und emotional zugewandt erlebt werden, aber keine Zeit bleibt, eine Person genauer kennenzulernen. Daraufhin entscheiden sich die beiden euphorisch für das Kind. Das Umfeld verhält sich ambivalent bis unterstützend. Bei einem weiteren Arztgespräch kommt die Diagnose Herzfehler hinzu – realitätsnah eingebettet in den Talk über Risiken, möglicherweise nötige Operationen, Schicksal und eigene Entscheidungen. Das Blatt wendet sich.

Ambivalente Botschaften

 Julia Jentsch spielt in „24 Wochen“ die Hauptrolle als Astrid (Foto: ZDF/Friede Clausz)

Julia Jentsch spielt in „24 Wochen“ die Hauptrolle als Astrid (Foto: ZDF/Friede Clausz)

Der Film ist sehr nah an der Protagonistin und auch an ihrem Mann angelegt, an deren unterschiedlichen Reaktionen auf medizinische Settings, an deren familiärem Umfeld, an deren Zerwürfnissen, Zweifeln und Versöhnungen. Umso mehr bleibt die Änderung in der Haltung der Frau, die sich alleine um die Informationen zum Abbruch kümmert und auch alleine in die Klinik fährt, ein wohl bewusst unerklärt gelassener Sprung in der Geschichte. Diesen Sprung vollzieht auch der Partner nicht nach (wenn er ihn auch später akzeptiert).

Ein Tabubruch ist „24 Wochen“ zum Ende hin insofern, als die Kamera auch beim medizinischen Eingriff selbst nah, aber nicht voyeuristisch, dran bleibt: Die „nicht-direktive“ Begleitung durch die Hebamme, die sinngemäß sagt: Nur du kannst entscheiden, niemand darf urteilen, aber auch: Vielleicht will sich das Kind ja, wo es sich gerade so stark bewegt, verabschieden; die lange Nadel mit dem todbringenden Mittel in das Herz des Fötus; die eingeleitete Geburt; das tote Kind im Handtuch, zum Verabschieden in die Arme gelegt.

Zurückgelassen werden wir mit diesem Horror und der Botschaft, die der Partner der Protagonistin am Ende formuliert: Es ist in Ordnung, du konntest es eben nicht. Aber: Da sind auch noch die fast manipulativ immer wieder sehr kurz eingeblendeten Bilder eines Fötus in der klassischen Bildsprache der Medizin und des Lebensschutzes, so als ob wir in einen lichtdurchfluteten Bauch eintauchten und den Fötus von ganz nah sähen.

Übliche Leerstellen

Insgesamt bleibt der Film so im üblichen Deutungsrahmen, den die Bioethik zum Thema Abtreibung allgemein anzubieten hat: Auf der einen Seite die einsame ethische Entscheidung der Frau, auf der anderen Seite das optisch aus dem Bauch herausgelöste Kind. Das Besondere dieser Situation, in der sich die Schwangere und ihr Partner erst auf ein Kind freuen und es dann aufgrund seiner Eigenschaften doch nicht bekommen, geht verloren.

Völlig außen vor bleibt wieder einmal: Warum wurde der Test überhaupt gemacht und warum wurde gerade auf Trisomie 21 getestet? Warum ist es medizinisch normalisiert, dass gerade diese Eigenschaften legitimieren, die Existenz in Frage zu stellen – um einen Preis, den der Film sehr drastisch schildert? Dabei – und dies ist ein Pluspunkt des Films – werden durchaus Ansätze gezeigt, Normalisierung in Frage zu stellen: Das Kind, das das Paar schon hat, erscheint aufgrund seiner Kleidung und Spiele zunächst als Junge, wird aber nach und nach mit einer Spange im Haar und einem nebenbei an es adressierten „sie“ zum Mädchen.

Als ich in die Filmvorführung gehe, steht ein junger Mann im Anzug in meiner Reihe auf, damit ich zu meinem Platz komme. Als ich ihn ansehe, kategorisiere ich ihn als „Downie“ – so die im Film angebotene Bezeichnung. Als ich nachher mit Tränen in den Augen das Kino wieder verlasse, ist der Mann schon aufgestanden. Ob und wenn ja, wie er über den Film geweint hat, weiß ich nicht; seine Perspektive und seine Emotionen bleiben jedenfalls auch im Drama „24 Wochen“ ein Tabu.

24 Wochen, Deutschland 2016, 102 Min. Von Anne Zohra Berrached, mit Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf, Emilia Pieske, Maria Dragus.

Susanne Schultz ist Politologin und forscht an der Goethe-Universität Frankfurt zu Demografiepolitik in Deutschland. Sie ist unter anderem Mitherausgeberin von „Sie nennen es Leben. Wir nennen es Arbeit. Biotechnologie, Reproduktion und Familie im 21. Jahrhundert“, edition assemblage. Dieser Beitrag ist zuerst auf der Seite Gen-ethisches-Netzwerk.de (Berlin) erschienen; wir danken für die freundliche Genehmigung, ihn auf ROLLINGPLANET zu veröffentlichen.
Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN