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4190 Mal gefällt mir: Zoltan Dominic Grasshoff und der Traum von Toleranz

Er hat die „Kälte Nothilfe“ gegründet und wünscht sich eine Welt ohne Geld: ROLLINGPLANET-Interview mit einem Menschen, der Gutes tun will.

Vor zwei Wochen sorgte der Tod der Schwerbehinderten Rosemarie F. in Berlin für Aufruhr: Die 67-Jährige musste von Amts wegen trotz schwerer gesundheitlicher Probleme ihre Wohnung verlassen – Zwangsräumung wegen Mietschulden. Kurz darauf starb sie in einer Hilfsunterkunft, die ihr von der „Kälte Nothilfe“ zur Verfügung gestellt worden war. „Kälte Nothilfe“-Initiator Zoltan Dominic Grasshoff erhob in einem Video schwere Vorwürfe: „Für mich ist das Mord, Mord durch die Staatsgewalt“ (ROLLINGPLANET berichtete).

In der Hauptstadt führten in den vergangenen Monaten steigende Mieten, soziale Kälte sowie Zwangsräumungen immer wieder zu Protesten und Straßenblockaden, zu denen auch Grasshoff aufruft.

Am morgigen Freitag (26. April) wird Rosemarie F. begraben. Aus diesem Anlass sprach ROLLINGPLANET mit Grasshoff. Der 38-Jährige („ich habe eine katholische Schulbildung“) war bereits mit 20 Jahren Unternehmer, ehe er „irgendwann das Pokern“ im Internet entdeckte. Eigenen Angaben zufolge zockt er so erfolgreich, dass er davon leben kann. Seine Eltern betreiben eine Fahrschule für Behinderte. Im ROLLINGPLANET-Interview spricht er über Humanität und Engagement. Lothar Epe und Dieter Wessels stellten die Fragen.

Zoltan Dominic Grasshoff: „Wir wollen die Gesellschaft verändern“

Zoltan Dominic Grasshoff (Screenshot aus dem obigen Video)

Zoltan Dominic Grasshoff (Screenshot aus dem obigen Video)

Was gibt es Neues zum Fall von Rosemarie? Liegen inzwischen die Ergebnisse der angekündigten Obduktion vor?

Rosemarie wurde nicht obduziert. Ihre Leiche wurde inzwischen freigegeben. Die Beerdigung ist am Freitag, 26. April 2013, um 11 Uhr auf dem Jerusalem-Friedhof in Berlin-Kreuzberg. Wir würden uns wirklich freuen, wenn möglichst viele Gleichgesinnte vorbeikommen würden, um Solidarität mit ihr zu bekunden.

In Deinem Video, in dem Du den Tod von Rosemarie bestätigt, kündigst Du an, „dem Staat zeigen, wo es langgeht“ und dass Du bereit bist, „radikalere Maßnahmen zu ergreifen“ und rufst Mitstreiter auf. Da entstehen bei uns Assoziationen zu der Radikalisierung von Protest, die zur Gründung der RAF geführt hat – oder übertreiben wir jetzt maßlos?

Mein Auftritt im Internet war sehr emotional, weil mich die Geschichte mit Rosemarie derart betroffen gemacht hat, dass ich seit längerem wieder geweint habe. Und ich war sehr wütend. Natürlich müssen alle Aktionen nach Recht und Gesetz zugehen. Wir wollen mit unseren Aktionen die Gesellschaft verändern. So radikal wie möglich, aber auch nicht auf illegale Weise.

Wie hat die Presse auf den Tod von Rosemarie reagiert?

Das fand ich sehr interessant. Die einzigen, die einigermaßen sachlich und objektiv über unsere Aktion berichtet haben, war die Springer Presse. Das hat mich schon sehr erstaunt. Bei den anderen, also den eher linken Blättern wie zum Beispiel die „taz“ oder „Neues Deutschland“ war das im Grunde alles nur Wischiwaschi.

Was ist falsch daran, dass der Besitzer einer Wohnung einen Mieter raushaben will, der seine Miete nicht bezahlt?

Daran ist zunächst mal nichts falsch, wenn der Mietpreis nicht zu hoch ist und bezahlbar bleibt. Und wenn, sagen wir mal, er nach einem Rückstand von drei Monatsmieten reagiert, ist es grundsätzlich auch in Ordnung. Aber ich bin der Meinung, dass man Alte, Kranke und behinderte Menschen nicht einfach auf die Straße setzen darf. Das muss gesetzlich so geregelt sein, dass sie davor geschützt sind.

Rosemarie hätte aber doch gar nicht auf die Straße gemusst. Sie verweigerte laut Medienberichten jeglichen Kontakt zum Sozialamt. Kann man den Staat immer für alles verantwortlich machen – selbst wenn Betroffene keine Hilfe akzeptieren?

Rosemarie hat sich ja helfen lassen. Von uns jedenfalls. Aber sie war aufgrund der Erfahrungen, die sie mit staatlichen und anderen Institutionen gemacht hat, inzwischen so weit, dass sie von dort keine Hilfsangebote mehr angenommen hat. Was sie brauchte, war echte Zuwendung und Fürsorge, und die hat sie von uns bekommen.

Was waren die Motivation und der Auslöser, dass Du 2010 die „Kälte Nothilfe“ gegründet hast?

Einerseits ist es sicher so, dass ich einfach was zurückgeben wollte. Ich war nie krank, mir ist es immer gut gegangen. Andererseits hat es etwas mit einem Schlüsselerlebnis zu tun, das ich vor vielen Jahren einmal hatte… na ja, sagen wir einmal, da habe ich mich ziemlich allein gelassen und dreckig gefühlt.

Inwiefern?

Das möchte jetzt hier nicht erzählen, weil es den Rahmen des Interviews sprengen würde.

"Wärme mit Herz" heißt das Motto der Initiative

„Wärme mit Herz“ heißt das Motto der Initiative

Wie viele Mitstreiter seid Ihr? Wie finanziert Ihr Eure Wärmestube?

Wir treffen uns in der Regel mindestens fünf Mal in der Woche. Insgesamt sind wir bestimmt über 200 Leute, die daran irgendwie aktiv beteiligt sind. Und wenn wir uns treffen, sind natürlich nicht immer alle Leute dabei, das sind mal mehr, mal weniger. Aber irgendwie kommen immer ein paar Neue dazu.

Alles ist privat finanziert, es gibt keine externen Spenden oder Sponsoren. Und wenn es nötig wird, finanziere ich den Rest aus eigener Tasche.

Wohin soll sich die „Kälte Nothilfe“ entwickeln?

Wir versuchen seit einiger Zeit für unsere Stiftung eine Gemeinnützigkeit zu erreichen. Das würde uns schon helfen. Aber die hat man uns bisher verweigert. Wir bleiben aber dran und versuchen, noch mal mit den zuständigen Stellen das Gespräch zu suchen.

Wie sieht mit einem eingetragenen gemeinnützigen Verein aus?

Nein, das kommt für uns nicht in Frage. Mit dieser ganzen Vereinsmeierei will ich nichts zu tun haben.

Ihr seid Euren Worten zufolge die erste freie Hilfsorganisation und Wärmestube in Deutschland, die über Facebook organisiert wird. In den Zeiten der virtuellen Netzwerke ist es bekanntlich einfach, „Gefällt mir“ zu sagen. Auf Eurer Seite haben bisher 4190 User „Gefällt mir“ geklickt. Wie viele Menschen bleiben hängen, die dann auch wirklich tatkräftig das Projekt unterstützen? Wie sind Deine Erfahrung mit Facebook – wie sozial ist das soziale Netzwerk wirklich?

Alle Leute, die mitmachen, haben wir über Facebook rekrutiert. Und das sind ja inzwischen über 200, mir fehlt da aber mittlerweile ein bisschen der Überblick. Und da wir inzwischen so viele sind, die hier aktiv machen, kann man auch sagen, dass Facebook als soziales Netzwerk durchaus funktioniert.

Klar, ich habe auch meine Vorbehalte, was Facebook betrifft. Die Datensicherheit ist nicht gewährleistet und so weiter. Aber die Rekrutierung von Freiwilligen funktioniert jedenfalls erstaunlich gut.

A propos Vermieter: Eurer für die Wärmestube muss eine gewisse Toleranz haben – da wird nicht jeder Hausbesitzer zustimmen, wenn er erfährt, dass in seinen Räumlichkeiten eine solche Initiative errichtet werden soll. Mit wem habt Ihr es zu tun?

Unser Vermieter ist die Gesobau. Da hält es sich mit der Toleranz aber ziemlich stark in Grenzen. Die Gesobau ist der größte Wohnungsgeber in Berlin mit über 100.000 Wohnungen.

Wir hatten die Wohnung erst auf Probe für sechs Wochen. Dann wurde das auf sechs Monate verlängert, danach auf ein Jahr. Und schließlich wurde uns wegen eines Mietrückstandes von zirka 200 Euro gekündigt.

Wir haben uns aber geweigert auszuziehen. Und alle Gespräche mit der Gesobau, die wir geführt haben, um doch noch einen neuen Vertrag zu bekommen, sind gescheitert.

Also seid Ihr zur Zeit Wohnungsbesetzer?

Ja, so ungefähr. Inzwischen haben wir einige Gespräche mit Berliner Politikern vereinbart, die uns dabei helfen sollen, ein Haus oder Gebäude als Alternative zu finden. Auch Herr Gysi hat sich angesagt.

Wir wollen eine Lösung finden, bei der wir ein Euro Miete zahlen und die anfallenden Nebenkosten. Schließlich machen wir hier die Arbeit, für die eigentlich alle zuständig sind. Deswegen finden wir es mehr als richtig, dass die Allgemeinheit sich auch an den Kosten beteiligt.

Wenn ihr denn zum Beispiel mit polizeilicher Gewalt geräumt werdet, wie geht’s dann weiter?

Dann werden wir uns irgendwo auf einem öffentlichen Platz mitten in Berlin niederlassen, mit Zelten, transportabler Küche und so weiter und werden unsere Arbeit dort unter diesen Bedingungen fortsetzen, bis man uns eine entsprechende Bleibe zur Verfügung stellt.

Selbst Menschen, die beispielsweise der „Tafel“ nahestehen, sagen, dass in Deutschland niemand obdachlos sein muss, es gebe ausreichend Hilfe und Essen auch für die Notbedürftigsten. Was meinst Du dazu?

Sagen wir mal so: Essen und Hilfe sind sicher genug da. Man kann irgendwo einen Container hinstellen und die Leute so mit Essen versorgen, mit Kleidung oder auch mit Schlafplätzen.

Was die Betroffenen da aber in aller Regel nicht bekommen, ist Zuwendung. Die bekommen sie von uns. Wir kümmern uns nicht nur um Essen, Kleidung und Schlafplätze, sondern geben ihnen auch das, was sie neben diesen Dingen am dringendsten brauchen. Sie bekommen von uns das Gefühl, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen sind, dass sie gemocht werden.

Eine Besonderheit Eurer Wärmestube im Berliner Stadtteil Wedding besteht darin, dass Gäste auch Tiere mitbringen dürfen. Das ist deutschlandweit einzigartig?

Unser gesamtes Projekt ist in Deutschland einzigartig. Wir würden uns aber wünschen, dass es in Deutschland möglichst viele von diesen Projekten geben würde.

Wir sind ja auch ein Magazin für Menschen mit Behinderung. Ist Eure Wärmestube barrierefrei?

Nein, ist sie sicher nicht, da wir leider im ersten Obergeschoss im Hinterhaus sind. Aber im Grunde sind wir froh, dass wir es unter den gegebenen Umständen überhaupt anbieten können. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anbieten, dass meine Eltern seit 40 Jahren eine integrative Fahrschule betreiben, in der Behinderte den Führerschein machen können.

Dein Traum von einer humanen Welt?

Ich wünsche mir eine Welt ohne Geld, eine Welt mit wesentlich mehr Toleranz. Wo jeder sich mehr um den anderen, den einzelnen kümmert.

Vielen Dank für das Gespräch!

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1 Kommentar

  • Renate

    Bewundernswertes Engagement, das ist gelebte Solidarität. Meine Hochachtung, weiter so.

    24. Mai 2013 at 03:16

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