5 Jahre Bufdis – eine Bilanz

Vor fünf Jahren entstand der Bundesfreiwilligendienst. Eine Erfolgsgeschichte? Von Simon Ribnitzky

Bufdi im Einsatz: Thomas Volk schiebt einen Gehbehinderten in einen Transporter. (Foto: Andreas Gebert/dpa)

Bufdi im Einsatz: Thomas Volk schiebt einen Gehbehinderten in einen Transporter. (Foto: Andreas Gebert/dpa)

Hühner gackern, Ziegen blöken, Schafe meckern. Lautstark hallen die Tierstimmen über das Gelände der Jugendfarm Pfingstweide in Ludwigshafen. Dominik Veil steigt über das Gatter, greift sich etwas Stroh und ist sofort von einer Gruppe hungriger Schafe umringt. „Die Arbeit mit den Tieren macht Spaß und ich kann hier viel selbst entscheiden und mir die Arbeit einteilen“, sagt der 23-Jährige, der auf der Jugendfarm seit September einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) absolviert.

Veil ist einer von rund 40.000 „Bufdis“, die derzeit in ganz Deutschland ihren Freiwilligendienst leisten – in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Behindertenwerkstätten oder eben Einrichtungen der Jugendhilfe wie die Tierfarm in Ludwigshafen.

Bufdis statt Zivis

Als die Politik vor fünf Jahren die Wehrpflicht abschaffte, fiel für junge Männer auch deren Ersatz – der Zivildienst – weg. Obwohl es mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) bereits einen Freiwilligendienst für beide Geschlechter gab, wurde der BFD ins Leben gerufen. Um das freiwillige Engagement weiter zu stärken, hieß es.

Veil war vor seinem BFD länger arbeitslos, eine Tischlerlehre hat er abgebrochen. „Der BFD ist super für mich, um wieder in die Arbeitswelt reinzukommen“, erklärt er. Doch die Motivationen für einen Freiwilligendienst können ganz unterschiedlich sein. „Viele machen das nach der Schule, wollen etwas Neues kennenlernen“, sagt Bundessprecherin Sondes Jriou, die selbst einen BFD in einer Pflegeeinrichtung in Karlsruhe macht.

„Die Leute sind viel motivierter“

Anders als der Zivildienst ist der BFD aber auch für ältere Teilnehmer offen. Sie können den Dienst auch in Teilzeit leisten. „Wir hatten hier schon eine Mutter, die für ihren BFD immer nachmittags bei uns war“, erzählt Pferdewirtin Sabine Kippenhahn von der Jugendfarm in Ludwigshafen. Durch diese Öffnung zeigt sich für Kippenhahn auch der größte Vorteil des BFD gegenüber dem bisherigen Pflichtdienst. „Die Leute sind viel motivierter – schließlich kommen sie freiwillig.“

Eine Erfahrung, die bei großen Trägern wie dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ähnlich gesehen wird. „Die Freiwilligen nehmen bewusster am BFD teil“, sagt DRK-Experte Matthias Betz. Ein großer Teil der BFDler engagiere sich zudem nach dem Dienst ehrenamtlich oder hauptamtlich weiter beim DRK. Der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler ergänzt: „Durch die Freiwilligkeit des Dienstes ist hier die Chance gegeben, junge Menschen für soziale Berufsfelder zu begeistern.“

Das Bundesfamilienministerium zieht deshalb eine positive Bilanz nach fünf Jahren BFD. „Freiwilliges Engagement ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält“, erklärte ein Sprecher.

Ein Ziel – zwei Systeme

Der 23-Jährige Bufdi Dominik Veil auf dem Gelände der Jugendfarm Pfingstweide in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) in einem Stall mit Schafen. (Foto: Simon Ribitzky/dpa)

Der 23-Jährige Bufdi Dominik Veil auf dem Gelände der Jugendfarm Pfingstweide in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) in einem Stall mit Schafen. (Foto: Simon Ribitzky/dpa)

Doch all das trifft auch auf den seit 50 Jahren bestehenden Freiwilligendienst zu, das FSJ. AWO und DRK hätten sich deshalb lieber einen Ausbau des FSJ-Programms gewünscht als einen zweiten Dienst. „Wir bedauern die Schaffung eines Parallelsystems und setzen uns für eine Gleichbehandlung beider Formate ein“, sagt Stadler von der AWO. Auch DRK-Experte Betz hält BFD und FSJ für „beinahe identisch“. Den Freiwilligen sei es deshalb meist völlig egal, welchen der beiden Dienste sie leisten.

Positiv gesehen wird das BFD-Sonderprogramm in der Flüchtlingshilfe. Das Ministerium hat dafür zusätzliche Plätze geschaffen – für Deutsche, aber auch für Flüchtlinge selbst. Rund 3.000 Stellen in diesem Bereich sind besetzt, fast ein Drittel davon mit Flüchtlingen. Auch beim DRK werde das Angebot gut angenommen, sagt Betz. Er wünscht sich allerdings, dass künftig auch Geflüchtete mit einer Duldung an dem Programm teilnehmen dürfen.

Dominik Veil steht bei den Eseln Benedikt und Käthe und bürstet ihr Fell. Tierpflege, füttern und Ställe sauber machen – das beschäftigt ihn die meiste Zeit. „Ist nicht unbedingt abwechslungsreich“, gibt er zu. Spaß mache es trotzdem jeden Tag. „Ich habe hier vor allem die Chance, mich selbst kennenzulernen.“ Auch nach seinem Freiwilligendienst würde Veil im Bereich der Tierpflege gern weiterarbeiten. „Wenn nicht hier, dann klappt es ja vielleicht woanders.“

Der Bundesfreiwilligendienst
Der Bundesfreiwilligendienst ist der Nachfolger des Zivildienstes. Der größte Unterschied zum Pendant der einstigen Wehrpflicht: Das BFD-Angebot richtet sich an alle – Frauen und Männer, Junge und Alte, Deutsche und Ausländer. Seit Juli 2011 können sie eine Zeit lang in Krankenhäusern oder Behindertenheimen, aber auch im Bildungs-, Sport- oder Kulturbereich mitarbeiten und sich so für eine menschenfreundliche Zivilgesellschaft einsetzen. Geld gibt es für mindestens 35.000 Plätze, derzeit sind nach Angaben des Familienministeriums rund 40.000 BFD-Teilnehmer im Dienst. Etwa 13.000 davon sind älter als 27 Jahre, rund 400 älter als 65.
Seit Dezember 2015 gibt es die Möglichkeit, einen BFD in der Flüchtlingshilfe zu absolvieren. Das Familienministerium finanziert dafür 10.000 zusätzliche Plätze. Das Angebot richtet sich an Deutsche, die bei der Flüchtlingsbetreuung helfen wollen – aber auch an Flüchtlinge selbst. Bislang wurden dem Ministerium zufolge rund 3.000 BFD-Vereinbarungen in diesem Bereich geschlossen, fast ein Drittel davon sind Flüchtlinge.
Der Dienst dauert in der Regel ein Jahr. Für ihre Arbeit erhalten die „Bufdis“ ein Taschengeld von bis zu 372 Euro, manche Träger stellen zusätzlich auch Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung.

(dpa)

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