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60 Jahre im Krankenhausbett: Hannelore Setter ist tot

Seit sie 19 war, lag sie wegen einer Rheuma-Erkrankung fast bewegungsunfähig in einer Klinik im Münsterland. Sie liebte das Leben. Von Stefanie Krampe

Nach ihrem Tod: Bis vergangenen Mittwoch lag ein Foto von Hannelore Setter im St.-Josef-Stift in ihrem ehemaligen Zimmer auf der Bettdecke. (Foto: Caroline Seidel/dpa)

Nach ihrem Tod: Bis vergangenen Mittwoch lag ein Foto von Hannelore Setter im St.-Josef-Stift in ihrem ehemaligen Zimmer auf der Bettdecke. (Foto: Caroline Seidel/dpa)

Im Krankenhaus liegt niemand gern – schon ein paar Tage wegen eines entzündeten Blinddarms sind manch einem zu viel. Hannelore Setter hat gut 60 Jahre im Krankenhaus verbracht, nahezu bewegungsunfähig und ohne echte Unterbrechung. Sie ist dennoch nicht an ihrem Schicksal verzweifelt. Ein einmaliger Fall in Deutschland, wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft bestätigt. Am vergangenen Mittwoch wurde ihr Zimmer ausgeräumt.

Setter litt an chronischer Polyarthritis, einer Entzündung, die alle Gelenke ihres Körpers betraf und zu deren Versteifung führte. Mit 18 Jahren war die gebürtige Wiedenbrückerin mit dem entzündlichen Gelenkrheuma in die Sendenhorster Fachklinik für Orthopädie und Rheumatologie (Nordrhein-Westfalen) eingeliefert worden. Setter, die nie in einer eigenen Wohnung lebte, hat die Klinik – außer zu seltenen Ausflügen mitsamt Bett – nie mehr verlassen.

Heute nicht mehr vorstellbar

Ein schwerer Fall wie dieser ist heute nahezu undenkbar, sagt Ute Heuermann, die Oberärztin, die die Kranke etwa 20 Jahre lang betreute. „Bei ihr ist die Krankheit sehr heftig verlaufen, und die Behandlungsmöglichkeiten, die wir heute haben, waren vor 60 Jahren noch nicht bekannt.“ Im Regelfall verlassen Rheuma-Patienten die Sendenhorster Klinik nach etwa elf Tagen, in besonders seltenen Fällen sind es mal drei oder vier Wochen.

Am 10. Oktober ist Hannelore Setter 79-jährig gestorben. Zu ihrer Beerdigung kamen Hunderte Trauernde aus ganz Deutschland ins beschauliche Sendenhorst, wie die „Westfälischen Nachrichten“ berichteten. Sie alle gehörten zu einem großen Freundeskreis, den sich Hannelore Setter aufgebaut hatte.

Stille, wahre Freunde

Sie hat, schätzt das Krankenhaus, gut 1500 Mitpatienten kommen und gehen sehen – zu mehreren Hundert von ihnen hielt sie Kontakt. Ihre offene Art, das zugewandte Wesen: Das beschreiben alle, die sie kannten. „Hannelore Setter hat jedes Jahr etwa 400 Weihnachtskarten verschickt“, sagt Elisabeth Hölscher, Leitung der Station A 1, auf der Setter in den letzten Jahren lebte. „Und auch mehr als 400 Weihnachtskarten bekommen.“

Das St. Josef-Stift Sendenhorst (Foto: rvt Raumluft-Technik)

Das St. Josef-Stift Sendenhorst (Foto: rvt Raumluft-Technik)

Sie schrieb mit der verkrümmten Hand, konnte aber auch mit Hilfe einer speziellen Computermaus Mails versenden und im Internet surfen. Seit gut zehn Jahren besaß sie einen PC, finanziert von Freunden, die darum wenig Aufhebens machten. Auch die Kosten für den Krankenhausaufenthalt waren gedeckt, wie das Krankenhaus bestätigt. Einzelheiten dazu unterliegen dem Datenschutz.

Das Zimmer mit der Nummer 158

Viele ihrer Freunde – ehemalige Mitpatienten, Krankenschwestern, Ärzte – besuchten die Rheumakranke auch immer wieder in „ihrem“ Zimmer mit der Nummer 158: Blumen auf der Fensterbank, eine kleine Stereoanlage, der Ohrensessel in der Ecke und ein Fernseher, „der nie vor acht Uhr abends eingeschaltet werden durfte“, wie Hölscher erzählt.

Dafür war Setter offenbar ihre Zeit zu schade. Sie malte, stickte, rätselte lieber. Wie sie das schaffte, das ist den Mitarbeitern des St. Josef-Stifts immer noch ein Rätsel. Hannelore Setter konnte die Arme nur noch ein bisschen bewegen – gerade so weit, dass die Gabel in den steifen Händen den Mund erreichen konnte.

Das war "ihr" Zimmer 158, in dem Hannelore Setter 60 Jahre lang fast bewegungsunfähig lebte (Foto: Caroline Seidel/dpa)

Das war „ihr“ Zimmer 158, in dem Hannelore Setter 60 Jahre lang fast bewegungsunfähig lebte (Foto: Caroline Seidel/dpa)

„Ihre Allgemeinbildung war phänomenal“

Die ehemalige Stationshelferin Elfie Bloch, seit gut vier Jahren in Rente, kam immer noch regelmäßig, frisierte die sehr auf eine gepflegte Erscheinung bedachte Hannelore Setter und brachte frische Wäsche. Auch Hildegard Flüchter besuchte Setter nach einem freiwilligen Sozialen Jahr vor 39 Jahren regelmäßig mit ihrem Ehemann Wilfried.

Sie verbrachten ganze Nachmittage in Zimmer 158, spielten Scrabble, hörten Musik und unterhielten sich mit der bewegungslosen Frau im Gipsbett, die geistig überaus mobil war. „Hannelores Allgemeinbildung war phänomenal. Sie hat sich über Bücher und das Internet immer weiter gebildet“, sagt Wilfried Flüchter.

Hin und wieder gab es Ausflüge – mit Bett

Immer wieder ermöglichte ihr auch jemand einen Ausflug. Ins Café gegenüber, nach Lourdes in Frankreich, mit Hilfe der Feuerwehr ins Sauerland. Einmal hat sie Weihnachten bei Familie Flüchter verbracht. „Das war nicht ganz einfach“, erzählt Wilfried Flüchter, „denn Hannelore musste ja in ihrem Bett transportiert werden. Nicht alle Türen bei uns zu Hause waren breit genug.“

Die Oberärztin erinnert sich, dass Hannelore Setter den Großteil des Tages damit verbrachte, Menschen am Telefon zuzuhören und ihnen zu helfen. „Sie war fast wie eine Telefonseelsorgerin“, sagt Heuermann. Mancher Chefarzt, erzählt Krankenhaus-Geschäftsführer Werner Strotmeier, „schob gerne knütterige Patienten auf ihr Zimmer – nach zwei Stunden mit Hannelore Setter waren sie mit sich und ihrer Situation wieder im Reinen.“

Sie richtete andere Menschen auf

Und das nicht, weil Setter auf ihr schlimmes Schicksal hinwies, sondern weil sie ihr Leben trotz der Erkrankung lebenswert fand. „Sie hatte die Gabe, Menschen in Ausnahmesituationen wieder aufzurichten“, sagt Wilfried Flüchter.

In ein Pflegeheim wollte Hannelore Setter nie verlegt werden, „sie genoss den Trubel auf der Station“, sagt Strotmeier. Und das Krankenhaus entsprach ihrem Wunsch. Sie war für viele – auch Krankenschwestern – „Freundin und Mutterersatz in einer Person“, so Strotmeier, „sie gehörte zur Familie“.

Hannelore Setter hatte Rituale, die den Tag strukturierten, erzählt Elisabeth Hölscher. Eines war, jeden Morgen am Kalender mit den Sinnsprüchen ein Blatt abreißen zu lassen. Auch am 10. Oktober, dem Todestag von Hannelore Setter. Das Motto jenes Tages lautete: „Frieden kannst Du nur haben, wenn Du ihn gibst.“

(dpa)


Zum Themenschwerpunkt Rheuma
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4 Kommentare

  • Hiltraud Haupt

    Starke Frau ,traurig!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    25. Oktober 2013 at 18:36
  • Willi Schroeder

    Ihre Krankenkasse freut sich und feiert 🙂

    25. Oktober 2013 at 18:54
  • Jan Kajnath

    Eine schöne Geschichte mit einem Ausgang wie ihn sich wohl viele, wenn nicht alle von uns, wünschen. Wir müssen alle sterben und wenn dann viele Freunde kommen um trauern, dann geht sie nie so ganz. Starke Frau und ein Vorbild an Größe und Lebensfreude! Zu schade das ich sie nicht kennenlernen könnte!

    26. Oktober 2013 at 01:30

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