7 Sportler mit Behinderung, die das Publikum besonders verzücken

Extreme begeistern – das gilt auch für die vielen Lebensgeschichten, die es bei den Paralympics in Rio de Janeiro zu bewundern und zu bestaunen galt.

1. Ibrahim Hamadtou (Ägypten)

Der Tischtennis-Spieler verlor als Zehnjähriger bei einem Zugunglück beide Arme. Aber er wollte weiter spielen. Den Schläger hält der 43-Jährige mit dem Mund, genauer: mit einem künstlichen Gebiss. Denn seine Zähne fielen ihm wegen seiner Spezialtechnik aus. Den Ball wirft er mit dem rechten Fuß zum Aufschlag in die Luft. „Das Beste in meinem Leben ist meine Frau, die mir alles bedeutet. Das zweite ist Tischtennis. Das ist wie die Luft, die ich zum Atmen brauche“, sagt der Familienvater. In Rio schied er bereits in der Gruppenphase aus, war aber trotzdem begeistert: „Ich
bin einfach froh, dass ich hierherkommen konnte.“

2. Morteza Mehrzadselakjani (Iran)

Mit 2,47 Metern ist er der größte Athlet in der Geschichte der Paralympics – und spielt Volleyball doch nur im Sitzen. Vor fünf Jahren fing der 29-Jährige mit dem Sport an. Seither änderte sich sein Leben. „Ich war allein und deprimiert. Aber
der Sport hat mein Leben verändert.“ Ging er vorher aus dem Haus, wurde er wie ein Außerirdischer angestarrt. Jetzt will jeder ein Foto mit ihm. Mit seiner Abschlaghöhe von 1,93 Metern beim 1,15 Meter hohen Netz ist er nicht zu blocken. Aber gesundheitlich geht es dem Iraner nicht gut. Er wächst weiter, weil unentwegt Wachstumshormone ausgeschüttet werden. Mit dem Iran erreichte er das Finale, das am heutigen Sonntag mit 3:1 gegen Bosnien und Herzegowina gewonnen wurde.

3. Mariyappan Thangavelu (Indien)

Der Sieg im Hochsprung ist für den in extremer Armut aufgewachsenen 21-Jährigen wie ein Jackpot. Er bekommt von der Regierung umgerechnet 99.500 Euro. Mit seiner Mutter und zwei Geschwistern lebt er in einem Haus, das kleiner ist als sein Zimmer im Athletendorf. Auf dem Weg zur Schule überfuhr ihn einst ein Bus: sein rechtes Bein wurde unterhalb des Knies zertrümmert. Seine Mutter nahm für die Behandlungen einen Kredit auf, den sie immer noch abbezahlt. Der 1,68 Meter große Thangavelu übersprang 1,89 Meter, obwohl sein Anlauf ein einbeiniges Anhüpfen ist. Nach seinem Karriereende will er sich seinen rechten Fuß amputieren lassen.

4. Hans-Peter Durst (Deutschland)

Hans-Peter Durst hält triumphierend den abgebrochenen Sattel in die Kamera. (Foto: dpa)

Hans-Peter Durst hält triumphierend den abgebrochenen Sattel in die Kamera. (Foto: dpa)

Der 58-Jährige ist der Sieger ohne Sattel. Dass er das Zeitfahren gewann, obwohl er sich auf 14,5 der 15 Kilometer nicht mehr hinsetzen konnte, zählt zu wohl verrücktesten Geschichten der Rio-Paralympics. Den abgebrochenen Sattel seines Dreirades klemmte der 58-Jährige, der mit Gleichgewichtsstörungen lebt, „in den Hintern ein, um eine gewisse Stabilität zu kriegen“. Anschließend scherzte er: „Ich habe schon zwei Kinder. Ein neues würde diese Situation jetzt wohl nicht mehr hergeben.“ Zwei Tage später fuhr er im Straßenrennen zu seinem zweiten Gold. „Vielleicht war der Schmerz im Hintern noch ein treibendes Mittel.“

5. Matt Stutzman (USA)

„The Armless Archer“ – der Bogenschütze ohne Arme. Der 33-Jährige wurde ohne Arme geboren. Bis 2011 hatte er von den Paralympics noch nie was gehört, bis er in Las Vegas auf einem Turnier angesprochen wurde. Den Bogen hält er mit seinem rechten Fuß. Seit Silber in London ist er ein Star. „Es ist verrückt, alle wollen ein Foto.“ Wegen einer Verletzung am „Schussfuß“ musste er vor Rio pausieren. Er sprang aus einem Flugzeug, schoss dann einen Pfeil ab, um den Adrenalinkick im Stadion zu simulieren. An einer Medaille schoss er in Rio dennoch weit vorbei. Im kommenden Jahr will er keine Para-Events bestreiten, sondern im normalen Weltcup teilnehmen.

6. Tao Zheng (China)

Er verlor als Kind durch einen elektrischen Schlag beide Arme. Dennoch stieg er zu einem der erfolgreichsten Schwimmer seines Landes auf. Er gewann schon in London Gold über die 100 Meter Rücken und wiederholte in Rio seinen Triumph mit neuem Weltrekord von 1:10,84 Minuten. Der 25-Jährige beißt beim Start in ein Handtuch, das ihm ein Betreuer reicht, weil er sich nicht festhalten kann. Mit einer Kombination aus Beinbewegungen wie beim Schmetterling und Freistil schwimmt er schneller als Kontrahenten mit Armen. Schon in London war er einer der Publikumslieblinge, der viele inspirierte. Das Video, das ROLLINGPLANET oben zeigt, wurde auf YouTube bereits 5,7 Mio. mal angeschaut.

7. Marieke Vervoort (Belgien)

Vor Rio sorgte sie für Schlagzeilen, weil sie sich angeblich nach den Paralympics mittels aktiver Sterbehilfe das Leben nehmen wollte. „Wenn es in meinem Leben mehr schlechte als gute Tage gibt, dann habe ich die Sterbehilfedokumente. Aber diese Zeit ist noch nicht gekommen“, sagt die 37-Jährige in Brasilien. Die Rollstuhlfahrerin leidet an extremen Muskelschmerzen, fällt vor Schmerzen schreiend auch schon mal in Ohnmacht. Sie bekommt vermehrt epileptische Anfälle, sieht nur noch zu 20 Prozent. Dennoch fuhr die London-Siegerin über die 400 Meter zu Silber. „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich diesen Moment noch erlebe.“

(dpa)

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