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Ab nach Amerika: Vanessa Low erfindet sich neu

Die unterschenkelamputierte Sprinterin wollte bereits ihre Karriere beenden – jetzt ist sie heiß auf Medaillen. Von Sandra Degenhardt

Vanessa Low (Archivfoto: dpa)

Vanessa Low (Archivfoto: dpa)

Die Bahn, auf der Vanessa Low in Oklahoma City trainiert, ist alt, hat viele Risse. Der Kraftraum ist nicht mehr als eine Garage, eine Indoor-Anlage gibt es nicht. Anders als in Deutschland ist das Umfeld für die paralympischen Athleten in der Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates wenig professionell. Doch genau das spornt die doppeloberschenkelamputierte Leichtathletin umso mehr an. „Wir haben sehr spärliche Rahmenbedingungen. Aber gerade diese Umstände liebe ich“, erzählt die 24-Jährige.

Dass hartes Training unter schwierigen Bedingungen Erfolg bringen kann, will Low bei der Leichtathletik-EM der Sportler mit Handicap diese Woche im walisischen Swansea beweisen. Dort gewann sie am Dienstag über die 100 Meter die Silbermedaille vor ihrer Auswahlkollegin Jana Schmidt.

Ein neues Leben in Amerika

Bis vor einem Jahr trainierte Low noch in Leverkusen bei der früheren Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius. Doch im November 2013 packte sie ihre Koffer und startete in ein neues Leben in Amerika. Denn nach den mit den Plätzen vier und sechs enttäuschenden Paralympics in London stand sie am Scheideweg. „Ich war nicht allein über meine Platzierung enttäuscht, sondern mehr über meine Leistungsentwicklung der vergangenen Jahre. Nach Rücksprache mit meiner damaligen Trainerin hatte ich bereits beschlossen, dass ich keine Zukunft im Leistungssport habe und wollte meine Karriere beenden.“

Vanessa Low mit ihren "Union Jack"-Prothesen bei den Paralympics 2012 in London (Foto.  Julian Stratenschulte/dpa)

Vanessa Low mit ihren „Union Jack“-Prothesen bei den Paralympics 2012 in London (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Bei einem Besuch bei ihrer Freundin Katrin Green und deren Mann Roderick in den USA kam der Spaß am Sport zurück. „Ich habe meine komplette Denkweise geändert. Es ging nicht mehr nur darum zu gewinnen, sondern Spaß am Training und in der Trainingsgruppe zu haben und an sich und sein Leistungsvermögen zu glauben“, sagt die willensstarke Blondine. Für die EM ist sie gerüstet. „Mit meinem Trainerwechsel hatte ich ein schwieriges Jahr 2013; 2014 lief dafür hervorragend, und da sind zwei Medaillen ein absolutes Muss.“

Ziel: Paralympics 2016 in Rio de Janeiro

Mit Silber im 100-Meter Sprint hat sie ihr erstes Ziel erreicht, nun will sie noch im Weitsprung Edelmetall. Fernziel sind die Paralympics in Rio de Janeiro 2016: „Ich wäre kein Athlet, wenn ich nicht eine Medaille gewinnen wollte. Und sicherlich trainiert man auch keine 30 Stunden die Woche, um Dritte zu werden.“

Roderick Green, einst selbst Paralympics-Teilnehmer und mit der deutschen Paralympics-Siegerin Katrin Green verheiratet, ist nicht nur Trainer, sondern Freund und Mentor zugleich. „In Deutschland wurde mir erfolgreich beigebracht und verinnerlicht, dass ich eine Behinderung habe und dadurch Grenzen habe. Hier konnte ich lernen, dass dies absoluter Blödsinn ist. Ich habe einen Körper, ich trainiere, also bin ich ein Athlet. Da gibt es nach oben keine Grenzen“, sagt Low und streicht die mentale Komponente bei der Leistungsentwicklung besonders heraus: „Innerer Wille und Glaube an sich ist etwas, was man genau wie seinen Körper trainieren muss.“

Gott gab eine Antwort

2006 verlor sie bei einem Unfall an einem Bahnübergang beide Beine, lag zwei Monate im Koma. Der Sport, schon immer sehr wichtig für sie, half der gelernten Mediengestalterin zurück ins Leben. „Ich habe mir mein Leben sicher anders ausgemalt. Man kann mein Leben ganz gut so beschreiben: Es ist nicht so verlaufen wie geplant, aber das ist in Ordnung. Tatsächlich ist es nicht nur in Ordnung, sondern wunderschön. Ich würde nichts ändern wollen“, sagt sie.

Die Frage nach dem „Warum ich?“ hat sie für sich so beantwortet: „Nachdem ich einige Jahre mit meinem Schicksal lebe, bin ich zu einer Antwort gekommen: Gott gibt seine schwersten Aufgaben seinen stärksten Soldaten. Ich glaube, dass ich diese Aufgabe bekommen habe, weil ich sie meistern und hoffentlich auch andere inspirieren kann, mit ihren Aufgaben klarzukommen.“

(dpa)

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