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Ab sofort bin ich mein eigener Chef: Sehbehindert und selbstständig – wie geht das?

Wie für viele Menschen mit Behinderung ist es für Blinde sehr schwierig, einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden. Die eigene Firma kann eine Alternative zur Festanstellung sein. Domingos de Oliveira gibt Einsteigern Tipps.

Jeton mit der Aufschrift Big Blind für den Einsatz beim Pokerspiel

Ob Pokerspiel oder Existenzgründung: Risiko ist immer dabei (Foto: RKB /cl/pixelio.de)

Um 12 Uhr mittags aus dem Bett kriechen, sich im Pyjama an den Computer setzen und dafür auch noch bezahlt werden, wer träumt nicht davon? Mit einem eigenen Unternehmen oder als Einmannfirma kann das die Realität sein – aber um es vorweg zu nehmen: Es könnte mehr Arbeit auf einen zukommen, als einem lieb ist.

Leider gibt es für Menschen mit Behinderung, die eine Existengründung wagen, wenig spezielle Unterstützung. Wer bei einem Unternehmen fest beschäftigt ist, hat zum Monatsende regelmäßig sein Gehalt auf dem Konto, erhält mehr oder weniger problemlos die von ihm benötigte Hilfstechnik und Assistenz, und der Arbeitgeber bekommt einen Zuschuss zum Lohn seines neuen Angestellten. Wer sein eigener Chef sein möchte, muss sich selbst um alles kümmern.

Vorher empfiehlt sich ein Businessplan

Natürlich gibt es am Anfang vieles zu beachten. Wer klug ist, macht sich vorher einen Businessplan und beantragt Leistungen wie die technischen Hilfsmittel oder eine Assistenz. Wer mutig oder ungeduldig ist, setzt seine Idee einfach in die Tat um und vermeidet die schwerfällige Sozialbürokratie. In manchen, aber nicht allen Fällen, kann das klappen – das hängt allerdings davon ab, wie groß das eigene finanzielle Polster ist, wie umkämpft das geplante Geschäftsfeld ist und wie hoch die Investitionen für Anschaffungen sind.

Firmenschild kfw

Die KfW bietet Gründungskapital - aber der relativ komplizierte Antragsweg ist nicht jedermanns Sache

Aber so groß die Verlockung auch sein mag, es ohne Förderprogramme, Kredite oder Zuschüsse zu schaffen: Ein Businessplan ist immer sinnvoll – und oft die schwierigste Herausforderung für einen Gründer, der sich schon euphorisch im Pyjama oder mit der ersten Million sieht und keine Lust verspürt, sich mit nüchternen Zahlen zu beschäftigen.

Ein guter Businessplan kennt mindestens zwei Szenarien: Das „expected scenario“, also die „erwartete“ Geschäftsentwicklung. Wichtig ist jedoch auch ein „worst scenario“, das einem verdeutlicht, wie viel man investieren muss oder verlieren kann, wenn alle Annahmen schlechter ausfallen als geplant. Beide Szenarien kann man nur erstellen, wenn man sich über alle wichtigen Fakten klar geworden ist – um nur die wichtigsten zu nennen: Wer ist meine Zielgruppe? Wer sind meine Wettbewerber? Wie viel kann ich verlangen (Honorar/Preise)?

Das geringste Risiko hat man als Heimarbeiter, der keine Geschäftsräume finanzieren muss und klein anfängt. Als Autor, Journalist oder Berater braucht man oft nicht mehr als einen Computer und einen Internetzugang. Für einen Physiotherapeuten oder Rechtsanwalt sieht die Sache natürlich schon wieder ganz anders aus. Blinde Frauen könnten sich als Discovering hands für die Krebsfrüherkennung anbieten – praktischerweise entstehen hier keinerlei Investitionen für Arbeitswerkzeuge. Aber auch hier dürfte ein zeitlicher oder finanzieller Aufwand anfallen für die Ausbildung oder die spätere Werbung, Kundinnen zu finden.

Dringend empfohlen: Experten

Zwei Schilder. Eins führt nach links zum Finanzamt, eins nach rechts zum Steuerberater

Auch für blinde Exitenzgründer gilt: Am Finanzamt führt kein Weg vorbei - ein guter Steuerberater ist deshalb viel wert (Foto: Thorben-Wengert/pixelio.de)

Ohne Beratung durch einen Steuerberater und den Austausch mit anderen Fachleuten sollte man nicht loslegen. Dabei sollte man sich nicht nur mit Gleichgesinnten und begeisterungsfähigen Menschen – die für jede Idee wichtig sind – umgeben. So lästig und unangenehm auch Zauderer und Skeptiker sind: Als Sparringpartner sind sie hilfreich, um seine eigenen Vorstellungen und Annahmen zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen.

Im Idealfall findet man eine Tätigkeit, die einem Spaß macht und muss nur noch jemanden suchen, der einen dafür bezahlt. So viel Glück hat man selten. Deshalb sollte man immer mehrgleisig fahren. Das heißt, man sollte zumindest eine Fähigkeit oder ein Produkt haben, von der man sicher ist, dass man damit genügend Geld verdienen wird. Und erst dann mit den riskanteren Vorhaben oder Projekten beginnen. Um Abhängigkeiten zu vermeiden, ist es ratsam, darauf zu achten, dass ein einzelner Kunde maximal 30 Prozent des Umsatzes ausmacht.

Selbst und ständig beschreibt den Freelancer recht gut. Entweder bearbeitet er gerade einen Auftrag oder er akquiriert neue Aufträge. Nebenbei muss er Marketing betreiben, sich fortbilden, sich um das Finanzielle kümmern und den eigenen Burnout verhindern. Insofern ist die Selbstständigkeit für einen Blinden nicht wesentlich anders als für einen Sehenden.

Sonnen- und Schattenseiten

Wer den Schritt gewagt hat, sollte nicht nur Spaß an dem haben, was er tut, sondern viel Durchhaltevermögen besitzen. Kein Betriebsrat und keine Gewerkschaft schützen den Freelancer vor der 16-Stunden-Schicht. Häufig fließen Freizeit und Beruf nahtlos ineinander über. Wer zu Hause arbeitet, führt selten einen Stundenzettel – und betrügt sich oftmals selbst, wenn es darum geht, Einsatz und Ertrag gegenüber zu stellen. Es gibt keinen bezahlten Urlaub, normalerweise keine Zuschüsse zur Renten- und Krankenversicherung und keine Lohnfortzahlung bei Krankheit.

Es gibt keinen Mitleidsbonus für Blinde. Wer die Arbeit nicht rechtzeitig oder nicht in der angeforderten Qualität abliefert, wird Schwierigkeiten haben, einen neuen Auftrag zu bekommen, niemand fragt, ob die Assistenz krank war oder der Computer nicht funktioniert hat.

Als Blinder sollte man in zweifacher Hinsicht selbstbewusst sein, wenn man sich selbständig machen möchte. Man muss sich seiner Stärken und Schwächen bewusst sein. Aufgaben, die man wegen der Blindheit oder mangels Kenntnis nicht selber erledigen kann, sollten entweder an eine andere Person delegiert werden, oder man kann sie eben nicht übernehmen. Auf der Habenseite könnten jedoch „Kernkompetenzen“ stehen, die blinde Menschen für sich reklamieren können: Seien es die oben erwähnten „Discovering hands“, Wissen über Technologie für sehbehinderte Menschen oder beispielsweise als Journalist das Thema „Leben mit einem Handicap“.

Außerdem muss man in der Lage sein, einem Sehenden selbstbewusst gegenüber zu treten. Die meisten Sehenden halten einen Blinden zunächst einmal für hilfsbedürftig, wenn er ihnen mit dem Blindenstock entgegentritt. Der erste Eindruck ist nur schwer zu beseitigen, oft hat man nur wenige Sekunden, um sein Gegenüber von der eigenen Kompetenz zu überzeugen.

Spielraum für eigene Ideen

Taschenrechner, Geldscheine und ein Chart

Das wünscht sich jeder Unternehmer: Bilanz mit Gewinn (Foto: Thorben-Wengert/pixelio.de)

Es reicht auch nicht, eine gute Idee oder besondere Begabung zu haben. Man muss sich auch gut verkaufen können.

Außerdem muss man sich als Blinder bewusst sein, dass man für viele Aufgaben länger braucht als ein Sehender. Mit dem Auto schnell irgendwo hinfahren geht nicht.

Es ist hilfreich, sich sehr gut mit Computern und der Hilfstechnik auszukennen, häufig muss man sich in neue Programme und ungewohnte Aufgaben einarbeiten.

Das Schöne an der Selbstständigkeit ist, dass man die Möglichkeit hat, eigene Ideen umzusetzen und sich die Zeit wenigstens teilweise nach eigenem Gusto zu organisieren. Das kann man als normaler Angestellter natürlich auch manchmal, aber Selbstständige sind es im wahrsten Sinne des Wortes gewohnt, selbstständig und mit besonders großem Verantwortungsgefühl ihre Projekte durchzuziehen, während Angestellte den Rahmen ihres Unternehmens selten verlassen.

Viele Freelancer oder Firmengründer haben Dutzende Ideen, welches Projekt sie (als nächstes) starten könnten. Wenn einem der erwähnte Sparringpartner fehlt, braucht man schon sehr viel Eigendisziplin, um sich einzugestehen, dass viele dieser Vorhaben nicht realistisch sind – wenn erst mal die Euphorie weg ist.

Die Selbstständigkeit ist nicht für jeden Menschen geeignet, vermutlich sogar nur für eine Minderheit. Es ist keine gute Idee, diesen Zustand als Übergang zur Festanstellung zu verstehen. Natürlich kann man parallel nach Jobs suchen, während man seine eigenen Kunden betreut, dennoch sollte man immer so handeln, als ob die eigene Firma auf Dauer angelegt ist. Ansonsten ist die Gefahr hoch, dass man sowohl die Selbstständigkeit als auch die Jobsuche nur halbherzig betreibt und am Ende weder das eine noch das andere hat.

Der Autor ist sehbehindert, selbstständig, unter anderem IT-Experte und freut sich über Aufträge: www.oliveira-online.net

Lesen Sie nächste Woche auf ROLLINGPLANET: Wie blinde Firmeninhaber von der Umsatzsteuerbefreiung nach § 4 Nr. 19 Buchstabe a UStG profitieren können – und die Erfolgsgeschichte eines sehbehinderten Unternehmers, der auch dank dieses Paragrafen innerhalb eines halben Jahres 200 Kunden gewann.


Zum Themenschwerpunkt Blinde und sehbehinderte Menschen


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