Abenteuer Behinderung

Was gibt es schon zu verlieren? Deine Behinderung? Deinen Körper? Dein Leben? Lächerlich! Von Walter B.

Foto: Joshua Zader (CC-Lizenz via Flickr)

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Als Mensch mit Behinderung bist du auserwählt – zu deinem Guten wie zum Schlechten. Du bist auserkoren, etwas Anderes, Besonderes zu sein. Als Rollstuhlfahrer ist das augenfällig. Aber es gilt für alle Behinderungsarten. Das Schicksal hat dich zu einem Leben im Sonderstatus verdonnert – ein Leben lang. Es gibt kein Entrinnen. Erst viel später wirst du herausfinden, dass dies – ebenso wie eine Last – auch ein Geschenk ist.

Und es liegt ganz in deinen Händen, etwas daraus zu machen: zum Beispiel eine Heldengeschichte mit dramatischen Momenten und deren Auflösung in Gelassenheit. Oder du entwickelst anhand deiner Behinderung eine tiefgründige Narrenfreiheit, inszenierst also eine Komödie. Warum nicht? Wenn die Lage schon ernst ist, warum soll man sie auch noch ernst nehmen?

Und Freiheit ist immer gut – innere Freiheit. Behinderte wären dazu prädestiniert: Wenn du dich ein Leben lang mit deinen Beschränkungen herumgeschlagen hast – zugegeben ein Kampf, den auch Nichtbehinderte ausfechten müssen –, so kannst du der Ernüchterung und Verzweiflung nur entgehen, indem du innere Freiheit entwickelst, eine Freiheit wider die schier erdrückende Macht der äusseren Tatsachen, eine Narrenfreiheit eben. Und dann wird es plötzlich spannend, das Behindertsein – eine sportliche Herausforderung. Und du bekommst Chancen noch und noch, über dich selbst hinauszuwachsen. Blinde fangen dann zu malen an – Taube zu musizieren. Und Rollstuhlfahrer gehen auf ausgedehnte Reisen jenseits der ausgetretenen Touristenpfade. Behindertsein wird zur Tugend, zum Segen – zum Abenteuer.

Denn was spricht gegen das „Jetzt erst recht“, wenn du eine Behinderung hast? Was gibt es schon zu verlieren? Deine Behinderung? Deinen Körper? Dein Leben? Lächerlich! Als Behinderter bist du zur Gelassenheit aufgerufen, zum Spiel mit der Wirklichkeit, zur Narretei. Alles andere ist absurd – und ungesund.

Walter BDer Autor wurde 1956 in Basel geboren. Zwei Jahre später erkrankte er an Kinderlähmung und ist seither Rollifahrer. Zwar im Heim aufgewachsen, aber trotzdem kein Heimkind. Zwar ein Mensch mit Körperbehinderung, aber trotzdem nicht behinderter als die anderen auch. Walter B. veröffentlicht regelmäßig auf ROLLINGPLANET. Seine Artikel finden Sie auch auf seinem Blog WALTER BS TEXTEREIEN

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5 Kommentare

  • Ulrich Ahrendt

    narretei?

    27. September 2015 at 13:18
  • Verena Petra Margarete Lustig

    Naja wenn man das chronische erschöpfungssyndrom hat hat man viel zu verliere bzw kann nicht reisen.

    27. September 2015 at 13:45
  • Christiane Woelke

    Ist er ins Meer gegangen? Wie der König von Bayern? 😀

    27. September 2015 at 16:25
  • Ulrich Joachim Vogel

    Immer nur Bekleiperson mit Rollstuhl in “ der bayerische Verfassung “ von “ den Freitstaat Bayern “ .

    27. September 2015 at 17:23
  • Renate Oltrogge

    Aber wir kranken brauchen auch Hilfe und Unterstützung
    Gerade vom Staat
    Wir haben keinen an der Seite der mit uns läuft und hilft

    27. September 2015 at 20:33

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