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Abenteuerliche Forderung: Eltern sollen behinderte Säuglinge töten dürfen

Dafür plädieren zwei bislang unbekannte Wissenschaftler – ihre Begründung: Kindsmord sei auch nichts anderes als eine Abtreibung.

(Foto: sabrina gonstalla/pixelio.de)

Für originelle Geistesblitze waren sie in der breiten Öffentlichkeit bisher nicht bekannt – das dürfte sich nun ändern: Alberto Giubilini, Philosoph an der Universität Mailand (Italien), und Francesca Minerva, Ethikwissenschaftlerin an der Monash University in Melbourne (Australien), waren nicht nur originell, sondern vermutlich auch nicht ganz bei Sinnen, als sie gemeinsam ein Essay schrieben: Mütter und Väter sollen das Recht haben, ihren wenige Tage alten Säugling töten zu lassen, finden die zwei Autoren.

Behinderte Babys sind keine Menschen, sondern ein finanzielles Problem

Neugeborene und Föten seien gleich zu bewerten, da beiden „noch die Fähigkeiten fehlen, die ein moralisches Recht auf Leben rechtfertigen.“ Ein Baby habe genau wie ein Fötus noch keinen „moralischen Status als Person“.

Deshalb sei das Töten eines Babys auch nichts anderes als eine Abtreibung im Mutterleib. „Sind die Umstände nach der Geburt so, dass sie eine Abtreibung gerechtfertigt hätten, dann sollte die Abtreibung auch nach der Geburt noch möglich sein“, zitiert „Focus Online“ die Wissenschaftler.

Guibilini und Minerva fordern, dass Eltern das Leben ihres Babys beenden lassen dürfen, wenn sie sich überfordert fühlen und „wirtschaftliche, soziale oder psychologische Umstände“ es ihnen unmöglichen machten, sich um ihr Kind zu kümmern. „Ein Kind zu haben, kann für manche Frauen eine unerträgliche psychische Belastung bedeuten.“ Beispielsweise wenn der Partner die werdende Mutter in der Schwangerschaft verlasse oder sich nach der Geburt herausstelle, dass das Baby behindert ist. Vor allem finanzielle Probleme würden dabei eine Rolle spielen.

Viel Empörung in England, wenig in Deutschland

Das Downsndrom etwa werde nur in 64 Prozent der Fälle pränatal diagnostiziert. „Wird die Behinderung nicht erkannt, haben Eltern keine andere Wahl als das Baby zu behalten, obwohl sie das vielleicht nicht gemacht hätten, wenn sie von der Behinderung gewusst hätten“, sagen Guibilini und Minerva. Zuletzt hatte in Deutschland ein neuerTrisomie 21-Test zu scharfen Protesten von Eltern von Downysndrom-Kindern geführt (ROLLINGPLANET berichtete: Umstrittener Trisomie 21-Test kommt im zweiten Quartal 2012)

Ihre abenteuerlichen Thesen vertreten die beiden nicht in irgendeinem abseitigen Blättchen, sondern im Fachmagazin „Journal of Medical Ethics“ – dass solch ein Manuskript überhaupt veröffentlicht wird, findet ROLLINGPLANET, ist der eigentliche Skandal.

Mit ihren Thesen lösen die Wissenschaftler vor allem in England große Empörung aus, in Deutschland hat man davon noch relativ wenig mitbekommen. „Folgen wir dieser Argumentation, dann ist es uns in Zukunft auch egal, wenn eine Mutter ihr Kind mit eine Decke erstickt“, sagt Trevor Stammers, Direktor am St. Mary´s University College in London.

Die Diskussion hatten wir doch schon mal

Manche erinnern sich noch daran: Der australische Philosoph und Ethiker Peter Singer sorgte 1984 mit seinem Buch „Praktische Ethik“ für Aufruhr. Er argumentierte aus moralischen Gründen dafür, dass Eltern zusammen mit den zuständigen Ärzten über das Weiterleben eines Säuglings entscheiden sollten, das mit einer unheilbaren Krankheit oder Behinderung zur Welt kommen würde.

Behindertenverbände verurteilten seinerzeit die Position Singers scharf und fühlten sich an die „Euthanasie“ im Dritten Reich erinnert. Als Faschist konnte man Singer jedoch nicht verurteilen: Er ist Jude, seine Familie musste vor Hitler flüchten, er verlor mehrere Verwandte im Holocaust.

Die Thesen von Guibilini und Minerva seien noch viel schlimmer als die von Singer, schreibt Robert Parzer in seinem „Aktion T4 Blog“ (entdeckt via kobinet). Unter der verschleiernden Tarnbezeichnung „Euthanasie“ – zu deutsch: schöner Tod – führte die NS-Regierung ab Oktober 1939 ein Programm zur systematischen Tötung behinderter Kinder sowie geistig behinderter oder psychisch kranker Erwachsener durch. Die Organisation fiel in die Verantwortung der „Reichsarbeitsgemeinschaft für Heil- und Pflegeanstalten“, die ihre Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin hatte. Aus Gründen der Geheimhaltung sprach man von der „Aktion T4“.

Parzer kommentiert:

Die Argumentation, dass jemand getötet werden darf, dessen Betreuung für den Betreuenden zu teuer ist, muss jedoch auf einer viel breiteren Basis als religiösen Überzeugungen, die man teilen kann oder nicht, erfolgen. Sie ist letztlich nichts Anderes als die extreme Weiterführung der Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche mit Versatzstücken angeblich rationalen ökonomischen Denkens. Der Herausgeber des Journal, Julian Savulescu, nannte die Kritik am Artikel bezeichnenderweise “Opposition gegen liberale Werte”. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft liberale Werte noch etwas Anderes beinhalten werden als die Tötung Neugeborener aus ökonomischen Gründen.

Ganzen Kommentar auf „Aktion T4 Blog“ lesen

Der Schriftleiter „Journal of Medical Ethics“, Julian Savulescu, sagte den Tageszeitungen „Daily Telegraph“ und „The Guardian“, die beiden Autoren hätten nach Erscheinen des Beitrags mehrere Morddrohungen erhalten. Bei der Zeitschrift sei per E-Mail eine Fülle von Beschimpfungen eingegangen. ROLLINGPLANET fragt: Ist das so verwunderlich, Herr Savulescu?

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