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Achtung, Feuer: Müssen behinderte Menschen sterben, weil nicht genug Geld da ist?

Nach der Brandkatastrophe von Titisee-Neustadt rückt ein buchstäbliches lebenswichtiges Thema in den Fokus. ROLLINGPLANET sprach unter anderem mit dem Geschäftsführer des Bundesverbandes Technischer Brandschutz.

Feuerwehrmâ€nner gestern in Titisee-Neustadt (Foto: Patrick Seeger/dpa)

ROLLINGPLANET hat bereits mehrfach über das Thema Brandschutz und behinderte Menschen berichtet: „Brandschutz in Lagerhallen ist besser als in Pflegeeinrichtungen“, zitierten wir im September die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz-Stiftung.

Diese hat heute angesichts der Katastrophe in Titisee-Neustadt nachgelegt: Soziale Einrichtungen sollten innerhalb der nächsten vier Jahre mit Sprinkleranlagen ausgerüstet werden. „Was für die deutschen Flughäfen gilt, muss gerade für Einrichtungen der Pflege- und Behindertenfürsorge gelten“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der “Neuen Osnabrücker Zeitung”. Menschen mit Behinderungen hätten keine Chance, sich selbst zu retten.

Der Pflegeexperte der Union im Bundestag, Willi Zylajew (CDU), wies Forderungen nach schärferen Vorgaben zurück, forderte aber Aufklärung. „Die Brandschutzvorschriften für Pflege- und Behinderteneinrichtungen sind ausgesprochen hoch, somit absolut ausreichend und werden meist auch korrekt eingehalten.“

Die Reaktion von Zylajew ist typisch, wenn es um die Frage Brandschutz und Behinderte geht. So wies die Deutsche Bahn den Verdacht, dass das Projekt Stuttgart 21 im Falle eines Feuers eine Todesfalle für Rollstuhlfahrer sein könnte, wie ROLLINGPLANET im Oktober schrieb, zurück („entbehrt jeder sachlichen Grundlage“). Auch der neue Flughafen in Berlin-Schönefeld bietet gehbehinderten Menschen möglicherweise nur eingeschränkte Fluchtmöglichkeiten – was in der Hauptstadt ebenfalls von den Bauherren dementiert wird.

In diesem Zusammenhang sollte einmal mehr auch das nur teilweise gelöste Problem des Notrufs für hörgeschädigte Menschen erwähnt werden, wie beispielsweise bereits hier geschehen: Notfallfax muss bleiben – aber mobile Lösungen sind erforderlich, oder Kommt die „Expertengruppe Notrufe“ für gehörlose Menschen voran?

Titisee-Neustadt: „Keine Versäumnisse“

Nach den 14 Todesopfern in der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt hat das Thema Brandschutz mehr Brisanz denn je. Hätte eine Sprinkleranlage, wie von der Deutsche Hospiz-Stiftung gefordert, die Katastrophe verhindern können? Baden-Württembergs Landesinnenminister Reinhold Gall ist skeptisch – und warnt vor vorschnellen Bewertungen. Noch stehe die Brandursache nicht fest.

Es gebe derzeit keine Erkenntnisse darüber, dass Bestimmungen zum Arbeits- und Brandschutz nicht eingehalten worden seien, sagte Gall am Dienstag in Stuttgart. Er gehe auch davon aus, dass die Besonderheit der Einrichtung und ihrer Mitarbeiter im Baugenehmigungsverfahren berücksichtigt wurden. Die Einrichtung habe zwar keine Sprinkleranlagen gehabt. „Diese waren aber auch nicht vorgeschrieben“, sagte Gall.

„Stand jetzt kann ich nicht sagen, dass eine Sprinkleranlage dieses Schadensausmaß hätte minimieren können.“ Der Minister ergänzte: „Ich denke, es kommt in erster Linie darauf an bei solchen Ereignissen, dass das Thema Rettungswegekonzeption stimmt, dass geübt und gelernt wird, wie verhält man sich in solchen Situationen.“ Wenn die Ermittlungsergebnisse vorlägen, werde man mit Fachleuten darüber sprechen, ob andere Vorkehrungen in Behindertenwerkstätten nötig seien.

Was kostet so eine Sprinkleranlage?

In einem Gespräch mit ROLLINGPLANET widerspricht Dr. Wolfram Krause, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Brandschutz e.V. und dementsprechend auch Lobbyist, Innenminister Gall und betont, dass eine Sprinkleranlage die Katastrophe „nicht vollständig verhindert“ hätte, jedoch die Folgen „wesentlich geringer“ ausgefallen wären.

Bei Löschanlagen werde vor allem noch an große, teure industrielle Anlagen gedacht. Sie dienen vor allem dazu, Sachschäden zu verhindern. Für den sogenannten „Care Homes“-Bereich mit Einrichtungen für ältere oder behinderte Menschen gebe es inzwischen aber spezielle Lösungen, die vor allem für den Personenschutz vorgesehen sind.

Während in nordeuropäischen Ländern wie Schweden oder auch in Schottland solche Anlagen sehr viel weiter verbreitet seien und gesetzlich stärker reglementiert würden, beginne in Deutschland gerade ein Umdenken. Nordrhein-Westfalen, so Krause, sei der Vorreiter, hier gebe es bereits entsprechende Richtlinien. „In fünf Jahren“, so hofft der Geschäftsführer, „sind solche Vorschriften in Deutschland kein Thema mehr.“

Eine Sprinkleranlage in der Behindertenwerkstatt Titisee-Neustadt hätte Krause zufolge schätzungsweise zwischen 30.000 und 50.000 Euro pro Stockwerk gekostet.

Keine Vorwürfe an die Behindertenwerkstatt

Die Behindertenwerkstatt im Schwarzwald war nach Einschätzung des Deutschen Feuerwehrverbands gut auf den Brandfall vorbereitet. Die Sicherheitsvorkehrungen seien optimal gewesen, die Rauchmelder hätten schnell angeschlagen, sagte Vizepräsident Hartmut Ziebs. Den Tod von 14 Menschen habe das aber nicht verhindern können. Der Brand habe sich wahrscheinlich rasend schnell entwickelt. „Es gibt Brände, da haben Sie einfach keine Chance.“

Der Einrichtung könne man keinen Vorwurf machen, da sie die erhöhten Brandschutz-Anforderungen für Behindertenwerkstätten erfüllt habe. Besonders die Rettungswege müssten so gestaltet sein, dass auch Rollstuhlfahrer sie selbstständig benutzen könnten, erläuterte Ziebs. Dazu gehörten auch breitere Türen und deutlich kürzere Fluchtwege. Während diese in Industriebauten bis zu 50 Meter lang sein dürften, würden in Behinderteneinrichtungen kürzere Strecken angestrebt.

Soweit möglich, würden Werkstätten ein- oder zweigeschossig gebaut. In mehrgeschossigen Einrichtungen müsse es spezielle Aufzüge geben, die im Brandfall auch genutzt werden dürfen. „Das ist nicht einfach, aber technisch möglich.“ Die Rauchmelder seien direkt zur Feuerwehr durchgeschaltet.

Besonders wichtig aber seien die Mitarbeiter, die in Titisee-Neustadt grundsätzlich richtig reagiert hätten. Sie müssten regelmäßig üben, wie man Behinderte im Notfall aus dem Gebäude bringt. „Das haben sie dort auch gemacht – zum Glück – sonst wären vielleicht noch mehr Menschen ums Leben gekommen.“

Nicht jeder geistig Behinderte erkenne die Gefahr eines Brandes oder verstehe die Alarmsirenen. Daher brauche man im Grunde für jeden Behinderten einen Betreuer, der ihn im Notfall rausführt. „Das kostet eine wahnsinnig lange Zeitspanne, bis man alle raus hat.“

“Es fehlt Geld für besseren Brandschutz“

Behindertengerechte Rettungswege sind Experten zufolge jedoch bei Einrichtungen in Deutschland Mangelware. „In jedem Theater, in jedem Kino, in fast jedem Gebäude ist es so, dass die Rettung von Menschen mit Behinderung, insbesondere von Rollstuhlfahrern oder von gehbehinderten Menschen, schwierig und im Grunde genommen nicht geregelt ist“, sagte der Vorsitzende des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland (ABiD), Ilja Seifert, der Nachrichtenagentur dapd. Im Bereich der Flucht- und Rettungswege gebe es noch großen Handlungsbedarf, fügte der behindertenpolitische Sprecher der Linken hinzu.

Die Behinderten, die die Brandkatastrophe in der Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt überlebt haben, müssen Seifert zufolge nun eine spezielle psychologische Betreuung erhalten. „Dort werden jetzt Psychologen gebraucht, die sich in die Psyche von Menschen mit Behinderung hineinversetzen können.“

Die Psychologen müssten in der Lage sein, auch mit Menschen kommunizieren zu können, die man als „geistig behindert“ bezeichne. „Diese Menschen drücken sich anders aus als allgemein üblich. Dafür braucht es Experten, die diese Sprache sprechen“, sagte Seifert. Denn es gebe in Behindertenwerkstätten auch Menschen, die nicht sprechen könnten oder – für Ungeübte – nur schwer zu verstehen seien. „Die psychologische Betreuung kann nicht einfach darin bestehen, dass der Psychologe diesen Betroffenen nur etwas erzählt.“ Der Psychologe sollte auch hinhören können und dafür müsse man der Sprache dieser Menschen mit Behinderung mächtig sein.

Einige Behindertenwerkstätten in Hessen müssen nach Ansicht der Landes-Behindertenbeauftragten Maren Müller-Erichsen beim Brandschutz nachrüsten. Die Träger stöhnten aber unter hohen Kosten, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Die Politik könne da kaum helfen. „Es gibt im Sozialministerium fast keine Mittel“, sagte die Beauftragte, deren Stelle beim Innenministerium angesiedelt ist. Nach ihrer Einschätzung könne am ehesten der Landeswohlfahrtsverband (LWV) mit Krediten unterstützend wirken.

Die Rettung von Rollstuhlfahrern in Brandfällen sei extrem schwierig, erläuterte Müller-Erichsen. „Das ist ein Riesenproblem.“ Arbeite ein Behinderter im dritten Stock eines Gebäudes und sei nicht mobil, gebe es zum Beispiel Komplikationen. Denn der Fahrstuhl dürfe im Brandfall nicht benutzt werden.

Gehe es um die Frage, wie Menschen gerettet werden könnten, „brauchen wir mehr Ideen“, sagte Müller-Erichsen. Zwar hätten die Werkstätten wie in der Altenhilfe auch hohe Auflagen von Feuerwehr und Brandschutz. Doch viele Einrichtungen müssten nachbessern.

Müller-Erichsen ist auch Aufsichtsratsvorsitzende der Lebenshilfe Gießen. In Mittelhessen gebe es dort zum Beispiel nur ebenerdige Werkstätten. Da sei die Rettung von Menschen leichter zu organisieren, sagte sie.

Wie die Werkstätten reagieren

Der stellvertretende Geschäftsführer der EVIM Gemeinnützige Behindertenhilfe GmbH in Wiesbaden, Eugen Krauter, forderte mehr Sensibilität für das Thema Sicherheit. Schulungen, Rettungskonzepte und Brandschutz müssten vor allem in den Einrichtungen für behinderte Menschen neu thematisiert werden. Es müsse trotz genereller Konzepte geprüft werden, ob die Betroffenen ebenso wie Betreuer ausreichend auf einen Notfall vorbereitet und die Vorgaben auf einem aktuellen Stand seien, sagte Krauter.

Behindertenwerkstätten betonten nach der Feuerkatastrophe im Schwarzwald, ausreichend Fürsorge zu tragen. In den Einrichtungen der Praunheimer Werkstätten in Frankfurt werde zum Beispiel regelmäßig mit den Behinderten und ihren Betreuern für den Ernstfall trainiert, hieß es. „Wir haben automatische Brandschutztüren und einen klaren Notfallplan. Im Ernstfall ist unser Haus in drei bis fünf Minuten leer. Das üben wir einmal im Jahr“, sagte Holger Moeller, der Leiter der Werkstatt für behinderte Menschen Praunheim.

Der Landeswohlfahrtsverband Hessen reagierte „mit Entsetzen“ auf die Brandtragödie im Schwarzwald. „14 Tote auf einen Schlag, das ist schon eine Katastrophe größeren Ausmaßes“, sagte der Erste Beigeordnete Andreas Jürgens (Grüne). Der 56-Jährige ist seit der Geburt gehbehindert und sitzt im Rollstuhl. „Menschen mit eingeschränkter Mobilität haben in solchen Fluchtsituationen immer große Nachteile.“

Er habe aber „keine Hinweise“ darauf, dass in den hessischen Behindertenwerkstätten der Brandschutz verbessert werden müsse. „Der Brandschutz wird sehr ernst genommen. Die Aufsichtsbehörden achten darauf.“ Doch auch Jürgens gibt zu bedenken: „Auf solch eine Katastrophe kann man nicht hundertprozentig vorbereitet sein.“

(Anne-Katrin Einfeldt/dpa/dapd/RP)


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1 Kommentar

  • Ulrike Schmidt

    Warum wird jemand von der HOSPIZ-Stiftung zu Themen sog. „behinderter“ Menschen befragt?

    „Behindert“ = fast tot, siechend, leidend?

    Was hat ein Sterbendenbegleiter mit sog. „Behinderten“ zu tun – außer natürlich in dem Fall, dass es sich bei beiden Gruppen um Ausgesonderte handelt.

    DANN natürlich hätte man auch einen Altenseelsorger befragen können. Alte gehören auch nicht „dazu“.

    27. November 2012 at 23:06

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