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Agilando: Der (etwas andere) Tango für Körper und Gedächtnis

Sich zur Musik bewegen – dafür gibt es keine Altersgrenze. Viele Tanzschulen bieten spezielle Programme für Senioren an. Von Sophia Weimer

Hier sind Senioren unter sich und können die Schritte in ihrem eigenen Tempo lernen. (Foto: dpa)

Hier sind Senioren unter sich und können die Schritte in ihrem eigenen Tempo lernen. (Foto: dpa)

Wenn Brunhilde Schlüter die Musik hört, muss sie sich einfach bewegen. Seit fast zehn Jahren tanzt die heute 79-Jährige in einer Gruppe für Senioren. Derzeit üben sie in der Tanzschule in Bielefeld Cha-Cha-Cha. Allerdings ohne Partner. Männer seien beim Tanzen Mangelware, erzählt Schlüter. So tanzen die Frauen jede für sich die Schritte – aber in einer synchronen Choreographie als Gruppe.

Früher tanzte Schlüter gemeinsam mit ihrem Mann. Als er zu krank dafür war, schlug er ihr vor, allein zu gehen. Vor ihrer ersten Stunde hatte sie einige Zweifel: Geht das überhaupt ohne Partner? Macht mein Körper das noch mit? Und kann ich mir die ganzen Schritte noch merken?

Doch viele Tanzschulen in ganz Deutschland bieten ein spezielles Programm für Senioren an, „Agilando“. Es richtet sich an Menschen ab 50 Jahren und wurde in der Tanzschule Kalkbrenner, die Schlüter besucht, entwickelt. Heute sagt sie, das Tanzen sei ihr Lebenselixier.

Mehr Frauen als Männer

Viel mehr Frauen als Männer sind auch in den Gruppen des Bundesverbands Seniorentanz dabei. Das sei kein Problem, jeder könne ohne Partner kommen, sagt Christiane Raschke. Sie ist Referentin und Tanzlehrerin in dem Verband. Auch dort werden Tanzkurse speziell für ältere Menschen angeboten.

Die Gruppen treffen sich beispielsweise in Räumen von Kirchengemeinden oder der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Neben Standardtänzen trainieren die Teilnehmer Folklore und Squares. Auf Schmerzen oder Erkrankungen werde Rücksicht genommen. „Wer zum Beispiel nicht hüpfen kann, der macht dann stattdessen schwingende Schritte.“

„Definitiv kein Heiratsmarkt“

Beim Paartanz gleiten oft zwei Damen übers Parkett. Sie sind den Männern zahlenmäßig beim Tanzen überlegen. (Foto: Bundesverband Seniorentanz/Frank Steltner)

Beim Paartanz gleiten oft zwei Damen übers Parkett. Sie sind den Männern zahlenmäßig beim Tanzen überlegen. (Foto: Bundesverband Seniorentanz/Frank Steltner)

Beim Paartanz gleiten oft zwei Damen gemeinsam übers Parkett. „Auch Männer kommen allein, selbst wenn sie eine Frau zu Hause haben“, erzählt Raschke „Das ist definitiv kein Heiratsmarkt.“ Freundschaften entstünden aber oft, sagt sie. „Beim Tanzen funktioniert das Kennenlernen sehr gut – in lockerer Atmosphäre.“

Diese Erfahrung hat auch Brunhilde Schlüter gemacht – jeden Mittwoch nach der Stunde in der Bielefelder Tanzschule sitzen die Frauen noch bei einem Kaffee zusammen. „Und in den Ferien, wenn kein Tanzen ist, treffen wir uns zum Frühstücken.“ Auch im Theater waren sie schon gemeinsam.

Erst zum Arzt, dann aufs Parkett

Diesen sozialen Vorteil kennt auch Andreas Simm, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie. „Viele alte Menschen sind allein und haben wenig familiäre Unterstützung. Durch das Tanzen kommt man in Kontakt und kann sich wieder unter Gleichen austauschen.“ Gesund sei es für fast jeden. Wie bei allen anderen Sportarten sollte man aber langsam beginnen, dann häufiger tanzen und erst später intensiver trainieren.

Außerdem empfiehlt der Experte einigen potenziellen Tänzern, sich zuerst von einem Arzt untersuchen zu lassen. „Dazu gehören Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz oder orthopädische Patienten mit sehr großem Übergewicht“, sagt Simm, der Forschungsdirektor in der Herz- und Thoraxchirurgie an der Uniklinik Halle-Wittenberg ist.

Größte Herausforderung: Koordination

Brunhilde Schlüter erzählt, dass sie früher oft unter Rückenschmerzen litt. Die Bewegung tue ihr jetzt richtig gut. Vor dem Tanzen wärmen sich die Teilnehmerinnen mit einer halben Stunde Gymnastik auf. Wenn mal jemand nicht ganz fit ist, macht er trotzdem mit, erzählt sie. „Man kennt ja seinen Körper und bewegt sich so, wie man es schafft.“

Die größte Herausforderung für die älteren Teilnehmer sei aber die Koordination, weiß Facharzt Andreas Simm. Es kann sehr frustrierend sein, wenn sich ein Tänzer die Schritte einfach nicht so schnell merken kann wie die anderen Teilnehmer. Er empfiehlt Senioren deshalb, in speziellen Gruppen mit anderen Älteren zusammen zu tanzen, so wie Brunhilde Schlüter es macht.

Nicht nur der Körper wird trainiert

Außerdem müsse der Kursleiter die Folgen langsam und Schritt für Schritt vermitteln. Daneben helfe es, beim Üben für eine ruhige Umgebung zu sorgen. „Senioren haben ein gestörtes Richtungshören und können oft akustisch nicht folgen“, sagt Simm. Und der letzte Tipp des Experten: Die Folgen mit den einzelnen Namen der Figuren aufschreiben und zu Hause üben. Wer sich immer wieder neue Schrittfolgen merkt, trainiert beim Tanzen nicht nur den Körper, sondern auch sein Gedächtnis.

Und Tanz ist Ausdauertraining. Das wirke sich positiv auf das Herz- und Kreislaufsystem aus, sagt Simm. „So kann man mit entsprechendem Training den Blutdruck senken.“ Außerdem verbessere sich mit der Zeit die Balance. „Und das führt letztlich dazu, dass die Sturzgefahr reduziert wird.“

„Richtig beschwingt nach Hause“

Sich die Schritte und Folgen zu merken – das sei reine Kopfarbeit, weiß auch Brunhilde Schlüter. „Man muss sich natürlich ein bisschen Mühe geben. Aber es macht einfach Spaß.“ Am Anfang sei es anstrengend – aber wenn es funktioniere, dafür umso schöner.

Nach ihren anfänglichen Bedenken möchte die 79-Jährige, die zusätzlich zum Tanzen einmal in der Woche zur Gymnastik geht, die Bewegung zur Musik in der Gruppe nicht missen. „Selbst, wenn man vorher nicht frei im Kopf war, geht man richtig beschwingt nach Hause“, schwärmt sie. „Ich brauche das. So lange ich es eben kann, möchte ich das beibehalten.“

(dpa/tmn)

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