""

„Aktion Gebärdensprache“: Szenen, Stimmen, Stimmungen

Am Freitag, 14. Juni 2013, demonstrierten gehörlose und hörende Menschen in Berlin – eine der größten Kundgebungen von Menschen mit Behinderung seit langem. ROLLINGPLANET mit den 14 wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Ereignis.

1. Wer organisierte den Aktionstag und die Demo?

Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. (Webseite) mit Sitz in Berlin. Er ist der Rechtsnachfolger des 1927 gegründeten Reichsverbandes der Gehörlosen Deutschlands (REGEDE) und wurde im vergangenen Jahr 85 Jahre alt. Im dem Dachverband haben sich 26 Verbände zusammengeschlossen.

Die Demo begann um 14 Uhr am Platz der Republik in Berlin und endete um zirka 18 Uhr in der etwa drei Kilometer entfernten Friedrichstr. 12 beim Gehörlosenzentrum Berlin. Auf dem Weg dorthin verteilten die Demonstranten 20.000 Handzettel mit ihren Forderungen.

2. Das waren/sind die wichtigsten fünf Ziele der Aktion

Erstens: ein barrierefreies Notruf-, Warn- und Informationssystem wie aktuell beim Hochwasser
Zweitens: bilinguale Förderung in den Schulen
Drittens: freier Zugang zu allen Bildungsstätten
Viertens: gleichberechtigter Informationszugang durch Dolmetscher und Untertitel
Fünftens: barrierefreier Zugang in Krankenhäusern, bei der Polizei, Rechtsanwälten, Familienberatungen, Finanzberatungen, Theater, Kunst, Kultur, Sportstätten und viele andere alltägliche Bereichen.
(Quelle: Aktionstag-Koordinatorin Katja Fischer)

3. Was war der Anlass für die Demo?

Vor 25 Jahren, am 17. Juni 1988, beschloss das Europäische Parlament, dass die jeweilige nationale Gebärdensprache als vollwertige Sprache in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft anerkannt werden soll. Erst 2002 erhielt der Beschluss in Deutschland gesetzliche Anerkennung – der jedoch unter anderem von zahlreichen Behörden und Bildungseinrichtungen immer noch ignoriert wird.

4. Welches Land könnte Vorbild sein?

Unter anderem in Neuseeland ist die Gebärdensprache seit 2006 Amtssprache. „Das wäre ein Traum“, sagte die 33-Jährige Gebärdensprachdolmetscherin Daniela Unruh (München), deren Mann selbst gehörlos ist, in einem Interview mit der SZ. „Es müssen nur alle wollen.“

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“: zu abstrakt für Gebärdensprache? Kein bisschen. Hier gebärdet Unruh Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes.

5. Wie wichtig war die Veranstaltung für Betroffene?

Sehr wichtig, wie Katja Fischer, Koordinatorin des Aktionstages, in einem Interview mit Aktion Mensch erklärte: „Für uns läuft das Fass gerade über. Irgendwann muss die Diskriminierung und Respektlosigkeit gegenüber der Gebärdensprache aufhören. Sie muss von der Gesellschaft und vor dem Gesetz endlich als eigene Sprache und Kultur anerkannt werden. Das Ziel der Demo ist es, die Politiker wachzurütteln.“

Wie wichtig die Veranstaltung für Betroffene war, zeigt auch das Beispiel des bekannten gehörlosen Aktivisten Marco Strauß, der sich entschied, bei der Demo mitzumachen – trotz Beerdigung seines Opas: „Für mich war es nicht einfach, trotzdem habe ich mich für die Demo in Berlin entschieden“. Zu groß sei die Diskriminierung von vielen Gehörlosen, als dass er die Aktion nicht mit seiner Anwesenheit unterstützen wolle.

Der Aufwand der Aktivisten, nach Berlin zu kommen, war teilweise enorm – so konnten am Freitagmorgen 141 Gehörlose aus Hamburg nicht ihren ursprünglich geplanten Zug nach Berlin nehmen, der laut der Deutschen Bahn überfüllt war. Wohl nicht nur hier mussten die Anreisenden einige Mühen und Kosten auf sich nehmen.

6. Wie viele Aktivisten kamen?

Laut Polizeischätzungen nahmen 7.000 bis 8.000 Menschen an der Demo teil – die Veranstalter hatten im Vorfeld mit etwas mehr als 4.000 gerechnet. Damit konnte eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Menschen mobilisiert werden. In Deutschland leben den Angaben zufolge 80.000 bis 100.000 Gehörlose. Eine ähnliche große Veranstaltung liegt lange zurück – 1993 gingen in Hamburg rund 3.000 Menschen für die Gebärdensprache auf die Straße.

Zum Vergleich: Bei den Demos zum 5. Mai, dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, finden sich alljährlich trotz massiver Unterstützung von „Aktion Mensch“ gerade einmal zwischen 1.000 und 2.000 Aktivisten ein, stellvertretend für acht Millionen Betroffene.

7. Wie war es aus der Sicht von Menschen, die hören können?

Die Mitarbeiter des Berliner Hauptbahnhofs waren offensichtlich schwer beeindruckt und retweete bereits um 9 Uhr Julia Probst (gehörlose Bundestagskandidatin der Piraten, mit weißem T-Shirt und rotem Halstuch beim Marsch dabei): „Gänsehaut PUUUR! Der ganze Hauptbahnhof Berlin ist voller Gehörlosen, die zum Bundestag laufen!“

Ulrike Pohl, ebenfalls Bundestagskandidatin (für die Berliner Piraten), ist seit Kindestagen Rollstuhlfahrerin, kann hören und war „total beeindruckt von den Menschen und der Stimmung dort: aufmerksam, aufgeschlossen, international, laut, fordernd, bunt, rappend…“

Ulrike Pohl, geschoben von Miriam Seyffarth (Foto: Cornelia Otto)

Ulrike Pohl, geschoben von Miriam Seyffarth (Foto: Cornelia Otto)

Der Frankfurter Martin Kliehm, nachdem er wieder zu Hause war: „Zurück in der Welt der Hörenden – fühlt sich irgendwie laut an…“

8. Wie verlief die Pressekonferenz vor dem Ereignis?

Pressekonferenz, stehend: Rudolf Sailer, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes (Foto:  Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.)

Pressekonferenz, stehend: Rudolf Sailer, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes (Foto: Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.)

Am Donnerstag fand im Vorfeld zur Demo eine Pressekonferenz statt, die absolut enttäuschte: Laut Taubenschlag kamen nur zwei Journalisten.

Klaus Vater, ehemaliger stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, moderierte. Anwesend waren für die Veranstalter unter anderem Rudolf Sailer, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes, Cornelia von Pappenheim, Referentin für Medien und Organisation, sowie Katja Fischer und Kilian Knörzer, KoordinatorInnen des Aktionstags.

In seinen einleitenden Gebärden erläuterte Sailer die politischen Aspekte des Themas. Er berief sich auch auf den Artikel 3 des Grundgesetztes und das darin verankerte Diskriminierungsverbot, wodurch auch Gehörlose vor Benachteiligungen geschützt werden müssen.

Cornelia von Pappenheim berichtete im Anschluss über real existierende Barrieren und konkretisierte dies anhand einiger Beispiele: „Wie soll politische Teilhabe ermöglicht werden, wenn die Kostenübernahme für DolmetscherInnen nicht gesichert ist?“ Auch im Krankenhaus und bei der wichtigen Kommunikation mit Ärztinnen und Ärtzen sei die Kostenfrage noch unklar und Patienten dürften nicht noch damit belastet werden, um ihr Recht auf Gebärdensprache kämpfen zu müssen. Theoretisch bestünden gesetzliche Regelungen, mit der konkreten Umsetzung in die Praxis gebe es jedoch Schwierigkeiten.

9. Wie berichtete die Presse vor dem Ereignis?

Eher kurz und nicht ganz bei der Sache. Deutschlands größte Nachrichtenagentur dpa verlegte die Demo kurzerhand von Freitag auf Donnerstag und brachte am Donnerstag, 11.17 Uhr, folgende Kurzmitteilung mit einer hochgeschraubten Erwartung an Teilnehmern, die offiziell so nie verkündet worden war:

„Für eine bessere Anerkennung der Gebärdensprache hat der Deutsche Gehörlosen-Bund (DGB) für Donnerstag zu einer Demonstration aufgerufen. Die Veranstalter erwarten für den Zug durch Berlin-Mitte rund 10.000 Teilnehmer. Demonstrationsbeginn ist um 14 Uhr vor dem Reichstag, Ziel ist ein Gehörlosenzentrum in der Friedrichstraße. Dort ist gegen 17 Uhr eine Kundgebung geplant. Der DGB fordert unter anderem mehr bilinguale Unterrichtsangebote, Einblendungen im Fernsehen und Dolmetscherbudgets. Obwohl die nationalen Gebärdensprachen seit 25 Jahren gesetzlich anerkannt seien, stoße man noch immer auf Barrieren, hieß es.“

10. Wie berichtete die Presse nach dem Ereignis?

Wohlwollend, aber nicht ganz vorurteilsfrei (siehe Video von „Spiegel Online“) bis gar nicht (keine Nachricht bei „Bild“ und dpa).

Dazu Sarah-Luise Weßler auf Facebook: „Wie schade, dass der Film mit diesem ’negativen‘ Statement endet! Es kann Jahre dauern, die DGS zu lernen…als wenn Kinder gleich sprechen könnten oder wir andere Sprachen innerhalb von 4 Wochen lernen würden….Meiner Meinung nach ist die DGS viel schneller und leichter zu lernen, weil sie viel intuitiver ist. So kann ich nur jedem Mut machen und sagen, wann immer ihr den Wunsch verspürt oder es gerne lernen wollt. MACHT ES, ES LOHNT SICH AUF JEDEN FALL!“

11. Welchen Fehler begeht die Presse fast immer, wenn sie über Gebärdensprache berichtet?

Auch in den Berichten zum Aktionstag und zur Demo taucht immer wieder das aus Sicht der Betroffenen falsche Wort „Gebärdendolmetscher“ auf. Korrekt müsste es heißen: „Gebärdensprachdolmetscher“ – weil die Gebärdensprache eine eigene Sprache und Kultur ist und nicht nur aus Gebärden besteht. „Gebärdensprachdolmetscher“ will aber beispielsweise dpa partout nicht schreiben (obwohl ROLLINGPLANET dpa schon einmal darauf hingewiesen hat).

12. Welchen Politiker hat der Aktionstag inspiriert?

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, kündigte an, die Gebärdensprache lernen zu wollen. Laut Julia Probst hat er das aber bereits vor zwei Jahren angekündigt.

13. Ach so, weil wir gerade bei Politikern sind…

„Gehörlose sind sehr direkt“, erklärt Unruh die Kultur der Gehörlosen. Für Hörende sei das oft ungewohnt. Von dieser Direktheit zeugen auch die Namensgebärden: Sie entsprechen oft markanten äußeren Merkmalen oder Charaktereigenschaften. Theodor Waigels Namengebärde verweise etwa auf seine üppigen Augenbrauen. „Das soll aber nicht verletzend sein.“

Von Adolf Hitler bis Angela Merkel – eine kleine Bildergalerie auf der taz zeigt Politikernamen in Gebärdensprache.

14. Wie geht es jetzt weiter?

Derzeit läuft – darauf weist unter anderem Martin Zierold, Deutschlands erster gehörloser Abgeordneter (für die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte), hin – auf der Plattform Avaaz eine an Bundeskanzlerin Angela Merkel gerichtete Online-Petition für die Förderung von Bilingualität und Gebärdensprache.

Weitere ROLLINGPLANET-Berichte zum Thema Gebärdensprache finden Sie in den Links unten.

Für gehörlose und schwerhörige Menschen
Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN