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Aktion Inklusion: „Viele Eltern sind frustriert“

Seit 2009 haben Kinder mit Behinderung laut UN-Konvention einen Rechtsanspruch darauf, eine Regelschule besuchen zu können. Doch mit der Umsetzung hapert es noch in Deutschland. Warum ist das so? Interview mit Aktion Mensch-Chef Martin Georgi.

Martin Georgi (Foto: Aktion Mensch)

Zusammen leben und zusammen lernen: Für viele Kinder mit Förderbedarf und einer körperlichen oder geistigen Behinderung ist das noch ein Traum. Erst etwa ein Viertel dieser Kinder drückt gemeinsam mit allen anderen die Schulbank, das Gros besucht weiterhin spezielle Förderschulen. Martin Georgi, Vorstand der Aktion Mensch, sieht beim Thema Schulische Inklusion in Deutschland zwar eine grundsätzlich positive Entwicklung, aber auch noch viele Probleme.

Wie weit ist Inklusion bei uns bereits fortgeschritten?

Das hängt davon ab, wo man hinschaut. In den Kindergärten ist das Angebot bundesweit schon fast flächendeckend. Anschließend geht mittlerweile ein Viertel aller Kinder mit Förderbedarf in eine Regelschule. Aber das betrifft vor allem die Grundschulen, bei den weiterführenden Schulen kann man die Beispiele für schulische Inklusion fast an einer Hand abzählen.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Noch weit hinten, in Island liegt die Quote bei 96 Prozent, in Malta bei 94 Prozent. Allerdings gibt es auch in Deutschland große Unterschiede von Bundesland zu Bundesland: In Schleswig-Holstein oder Bremen etwa lernt schon mehr als die Hälfte der Kinder mit Förderbedarf in Regelschulen. In Hessen oder Niedersachsen sind es aber nur 17 und 11 Prozent. Hinzu kommt, dass die Länder einen „besonderen Förderbedarf“ auch unterschiedlich definieren – zum Teil bewerten sie Verhaltensauffälligkeiten oder leichte körperliche Behinderung unterschiedlich.

Was sind die Gründe dafür?

Bildung ist bei uns eben Ländersache. Hier müsste es vom Bund aus klare Ziele und Zeitpläne als Vorgaben für die Umsetzung geben. Darüber hinaus sind auch noch viele Fragen offen: Wir leisten uns bisher ein eigenständiges Sonderschulwesen, das einen hohen Standard hat, aber auch sehr teuer ist. Trotzdem gelingt es den Förderschulen meist nicht, den Kindern den Anschluss ins Berufsleben zu ermöglichen. Das System ist nicht durchlässig genug.

Was muss getan werden?

Das Fachwissen dieser Schulen und Lehrer darf durch inklusive Bildungsangebote natürlich nicht verloren gehen. Man könnte diese Lehrer zum Beispiel auch in den Klassen der Regelschulen einsetzen. Aber dazu müssten die rechtlichen Bedingungen eindeutig sein, damit auch die Schulleiter mitmachen und Inklusion nicht mehr als Bedrohung oder Belastung, sondern als Chance für alle sehen.

Was sagen die Eltern?

Viele sind frustriert. Oft dauert ein Rechtsverfahren, um sein Kind an einer nahe gelegenen Regelschule unterzubringen, jahrelang – bis zum Urteil wäre das Kind längst aus der Schule. Trotzdem nimmt inzwischen die Zahl der Eltern zu, die dieses Recht einfordert. Und häufig lenken die Schulen auch schon vor der Klageeinreichung ein. Übrigens ist es nicht immer der Fall, dass Eltern unbedingt eine Regelschule wünschen, manchmal ist ein spezielles Förderzentrum für das Kind geeigneter. Aber es geht um das Recht auf Wahlfreiheit und das Recht der Kinder auf eine ihnen gemäße Schulform.

(Das Interview führte Andrea Barthélémy von dpa)

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