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Aktion Mensch: Sind 14 Prozent genug?

Nach dem Abgang von Martin Georgi muss sich die Organisation um eine weitere Personalie kümmern.

Eines von drei Anzeigenmotiven aus der aktuellen Inklusionskampagne von Aktion Mensch

Eines von drei Anzeigenmotiven aus der aktuellen Inklusionskampagne von Aktion Mensch

In seiner vierjährigen Amtszeit als Vorstand hat Martin Georgi die Aktion Mensch als Inklusionsmotor positioniert (ROLLINGPLANET berichtete: Langfristig geplant war das nicht: Aktion Mensch-Chef Martin Georgi geht).

Ob der jährliche Europäische Protesttag am 5. Mai zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (der wurde, fast könnte man es vergessen, 1992 auf Initiative des Vereins Selbstbestimmt Leben ins Leben gerufen), Umfragen zur Barrierefreiheit, „Ziemlich beste Freunde“ in einer Leichte-Sprache-Version oder das „überall dabei“-Filmfestival und der Deaf-Slam-Wettbewerb „BÄÄM!“ – wenn in der vergangenen Zeit über Inklusion gesprochen wurde, war Aktion Mensch oft die treibende Kraft oder der schnellste Beifahrer.

Inklusion bleibt strategischer Fokus

Nach dem überraschenden Abgang von Georgi zum Monatsende wird das Bonner Imperium „selbstverständlich“ seinen Fokus „Inklusion“ beibehalten, wie Deutschlands größte Soziallotterie – sie unterstützt monatlich bis zu 1.000 Projekte – gegenüber ROLLINGPLANET betonte:

„Die Vision einer inklusiven Gesellschaft ist Kern der Aktion Mensch-Unternehmensstrategie. Beide Vorstände (Anm.d.Red.: gemeint ist neben Georgi der ab Mai alleinige Chef Armin von Buttlar) vertreten das gleichermaßen, die Veränderungen im Vorstandsbereich haben daher auch keine programmatischen Veränderungen zur Folge.“

Was ist eigentlich Inklusion? Die Erfinder des Slogans „Das Wir zählt“ beantwortet die Frage auf ihrer Webseite so: „Inklusion bedeutet die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung an allen gesellschaftlichen Prozessen – und zwar von Anfang an.“

275 Mitarbeiter und zwölf Azubis

ROLLINGPLANET hat sich aus Anlass von Georgis Ausscheiden gefragt: Wie konsequent ist Aktion Mensch, wenn es um ihr eigenes Haus geht. In der Redaktion sind wir uns nicht einig: 14 Prozent – ist das viel oder viel zu wenig?

14 Prozent – das ist der aktuelle Anteil schwerbehinderter Mitarbeiter bei Aktion Mensch, die 275 Mitarbeiter und zwölf Auszubildende beschäftigt. In der wichtigen Presseabteilung sind vier feste Mitarbeiter tätig, ein Spitzenjournalist mit Behinderung sucht man dort vergeblich. „Je nach Projekt kommen weitere freie Mitarbeiter dazu. Auch in diesem Team gibt es Mitarbeiter mit Schwerbehinderung“, heißt es allerdings. Auch Führungspositionen, so beteuert Aktion Mensch, seien mit Schwerbehinderten besetzt.

14 Prozent – das ist weitaus mehr als die meisten großen Arbeitgeber vorweisen können (im Jahr 2009 lag die bundesweite Beschäftigungsquote von Menschen mit Schwerbehinderung in Wirtschaft und Verwaltung bei 4,5 Prozent). Oder ist es viel zu wenig, wenn man den Anspruch der Aktion Mensch zugrunde legt und „gleichberechtigte Teilhabe“ als 50 Prozent verstehen kann oder sollte?

Einer weiß die Antwort: 14 Prozent – das ist eine stolze Zahl, lobte Georgi sich im Dezember vergangenen Jahres: „Wer Inklusion von der Gesellschaft fordert, muss sich selbst an seinen eigenen Maßstäben messen lassen.“ Man könnte also auch sagen: Das Wirzehn gewinnt.

Wer wird Nachfolger/in von Pilawa?

Jörg Pilawa ist (noch) Botschafter von Aktion Mensch (Foto: dpa)

Jörg Pilawa ist (noch) Botschafter von Aktion Mensch (Foto: dpa)

Demnächst wird man sich übrigens um eine weitere Personalie kümmern müssen, die für das Alltagsgeschäft der Loseverkäufer belanglos ist, für das Klappern in der Öffentlichkeit aber eine wichtige Rolle spielt.

Anfang kommenden Jahres braucht die 1964 von der ZDF initiierte Organisation ein neues Promi-Gesicht. Das Aushängeschild Jörg Pilawa – der im November 2011 als Botschafter Nachfolger von Thomas Gottschalk wurde und sonntags die „5-Sterne-Gewinner“ präsentiert – kehrt ab 2014 zum Konkurrenzsender ARD zurück, das ZDF reagierte pikiert. Kandidaten für den oder die nächste/n Botschafter/in mögen zwar in der Lotterie sein, eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen, wie Aktion Mensch auf ROLLINGPLANET-Anfrage mitteilte.

(RP)

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