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Alessandro Zanardi: „Ich bin bereit“

Für BMW ist die DTM die wahre Formel 1. Der Ausstieg der Münchner Autobauer aus der Königsklasse hat sich ausgezahlt. Das könnte auch die Chance für den Paralympics-Star werden, der nebenbei auch seinen Rücktritt vom Handbike-Rücktritt erklärt.

Der italienische Rennfahrer Alessandro Zanardi vor dem Beginn einer Pressekonferenz am 8.11.2012 am Nürburgring ((Foto: Maximilian Haupt/dpa)

Als BMW vor drei Jahren in der Formel 1 die Notbremse zog, stand der Motorsport bei den Münchnern auf dem Prüfstand. Doch der Umstieg von der „Königsklasse“ in die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) hat sich ausgezahlt. Geschätzte 250 Millionen Euro investierte BMW seinerzeit pro Saison in das Abenteuer Formel 1 – und blieb am Ende doch ohne WM-Titel. Vergleichsweise bescheidene 30 Millionen Euro kostet das Engagement in der DTM – und es gelang auf Anhieb das Titel-Triple. BMW gewann die Fahrer-, Hersteller- und Teamwertung. Mehr geht nicht.

„Manchmal muss ich mich immer noch kneifen, um das zu realisieren. Solche Momente erlebt man in seinem Berufsleben sehr, sehr selten“, sagt BMW-Motorsportdirektor Jens Marquardt in einem Interview der Nachrichtenagentur dapd. Die Wahl zum Motorsportchef des Jahres dürfte ihm damit sicher sein. Doch Marquardt weiß auch, dass dieser Erfolg nicht mehr zu steigern ist: „Klar ist, dass sich ein derartig historischer Erfolg – ein Titelgewinn im Jahr des Comebacks – in dieser Form nicht wiederholen lässt.“

Fahrer stehen bei BMW Schlange

Schon jetzt laufen die Vorbereitungen auf die neue Saison, in der die DTM erstmals und noch vor der Formel 1 in Moskau fährt, auf Hochtouren. BMW bringt ein viertes Team an den Start und darf somit zwei Rennwagen mehr einsetzen als bisher. „Über mangelndes Interesse an diesen Cockpits können wir uns nicht beklagen“, sagt Marquardt.

Der Saisonverlauf habe gezeigt, dass es für Bruno Spengler die richtige Entscheidung war, zu BMW zu wechseln, sagt der Sportchef der Münchner. Der Kanadier war erst in dieser Saison zu BMW gekommen. Davor ist er sieben Jahre für den Rivalen Mercedes gefahren, doch den ersehnten Titel konnte er nicht gewinnen. Das schaffte er auf Anhieb mit BMW, was die Münchner doppelt freut.

Wie gut der M3 in der DTM ist, hätten auch andere Fahrer gesehen, sagt Marquardt: „Für uns ist das eine tolle Ausgangssituation. Über konkrete Namen sprechen wir aber noch nicht.“ Doch die Fahrer, so heißt es in der Szene, stehen bei BMW Schlange. Die Liste der gehandelten Kandidaten ist lang und reicht von Paralympics-Sieger Alessandro Zanardi (auch wenn es dem ein wenig schwer fallen dürfte, Schlange zu stehen) bis zu Mercedes-Pilot Jamie Green.

Grundsätzlich könnte sich BMW Zanardi in einem seiner nun acht DTM-Cockpits auch vorstellen. In der vergangenen Saison war BMW noch mit sechs Autos vertreten. „Es ist nicht eine Frage des Wollens, sondern eine Frage der Technik. Es muss umsetzbar sein und es muss natürlich auch eine Lösung dabei rauskommen, die den Alex in eine Situation versetzen würde, konkurrenzfähig zu sein“, sagte Marquardt. Wie schon zuvor betonte er: „Da sind noch viele Unbekannte dabei, und die muss man sich anschauen.“

Der Formel 1 weint niemand mehr eine Träne nach

Auf die Frage, ob er bei BMW nun eine Job-Garantie für die nächsten zehn Jahre habe, sagt Marquardt ganz bescheiden: „So ein Triumph kann nur mit einem großartigen Team erreicht werden. Um meine Person geht es dabei überhaupt nicht.“ Dass aber einige mächtige Herren aus dem BMW-Vorstand beim Saisonfinale in Hockenheim mitfieberten, sei eine Bestätigung der guten Arbeit gewesen: „Das unterstreicht den Stellenwert, den unser DTM-Engagement im Vorstand genießt.“

Der Formel 1 weint bei BMW niemand mehr eine Träne nach. Die DTM sei die perfekte Plattform, sich den Fans und Kunden zu präsentieren, erklärt Marquardt: „Die ausverkauften Rennen geben uns Recht, die DTM ist ein großer Erfolg.“ Jetzt gilt es, die DTM auch im Ausland zu vermarkten. Marquardt begrüßt die Internationalisierung, mahnt gleichzeitig aber auch zur Vorsicht: „Es gilt in dieser Diskussion das richtige Augenmaß zu wahren. Wir freuen uns aber sehr über die beschlossene Kooperation mit der japanischen GT-Serie, das ist ein wichtiger Schritt Richtung Internationalisierung der DTM. Wir sind sehr gespannt auf diese Herausforderung.“

3 Fragen an Alessandro Zanardi

Das BMW-Auto von Alessandro Zanardi (Foto: Maximilian Haupt/dpa)

32 Runden war Alessandro Zanardi im DTM-Flitzer von BMW über den Nürburgring gerast – dann erst begann der anstrengende Teil des Tages. Nachdem der beidseitig beinamputierte Italiener verschwitzt aus dem Auto ausgestiegen war, wollte nahezu jeder der über hundert Journalisten und Fans etwas vom ehemaligen Formel-1-Piloten. Mal gestützt auf seine zwei Stöcke, mal im Sitzen auf einem der weißen Barhocker – aber immer mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht beantwortete er Fragen und schüttelte Hände. Nichts schien ihm zu viel an diesem Nachmittag in der Eifel. Zanardi war glücklich, und das war ihm anzusehen.

Der Familienvater ist 46 Jahre alt, verlor 2001 bei einem Unfall auf dem Lausitzring beide Beine – elf Jahre später gewann er bei den Paralympischen Spielen in London mit einem Handbike zwei Goldmedaillen. Nun liebäugelt er mit einem Engagement im Deutschen Tourenwagen Masters. Mit den Runden auf dem Traditionskurs in der Eifel bei nasskaltem Wetter ist er am Donnerstag dem Comeback im Motorsport ein Stück näher gekommen.

Offiziell waren die rund drei Stunden im weißen Rennoverall ein Geschenk von BMW für seine Leistungen mit dem Handbike. Dass er sich auf dem Nürburgring in nahezu jeder Runde verbesserte, haben die Bayern anerkennend registriert. „Am Ende hatte ich Krämpfe in den Händen – ich habe den Gashebel am Lenkrad so stark gezogen, aber es wollte einfach nicht noch schneller“, erzählte Zanardi mit einem Schmunzeln.

Zanardi ist weit davon entfernt, Forderungen an BMW zu stellen, und plant parallel an seiner erfolgreichen zweiten Karriere mit dem Handbike. Ursprünglich wollte er das Dreirad nach den Paralympics-Auftritten auf der Rennstrecke in Brands Hatch in die Garage stellen – aber daraus wird erst einmal nichts. Denn: Brasilien ruft. „Rio ist kein Traum. Es ist schon ein Ziel“ sagt Zanardi im nachfolgenden Interview mit Blick auf die Spiele 2016.

Die Rennen mit Muskelkraft sind für ihn dabei keinesfalls Alternativen zum Motorsport, sondern Ergänzung. „Ich will bei den Weltmeisterschaften teilnehmen. Die sind im September. Und: ich habe schon nachgeschaut. An dem Wochenende ist kein DTM-Rennen.“

Werden Sie 2016 in Rio noch mal mit dem Handbike starten?

Das ist nicht meine Entscheidung, ich muss mich qualifizieren. Aber ich bin sehr optimistisch. Physisch werde ich vermutlich nicht zulegen können, eher sogar etwas verlieren. Aber im Training kann ich mich noch verbessern, bei der Technik, meine Sitzposition im Handfahrrad optimieren – ich freue mich sehr darauf, es auszuprobieren. Rio ist kein Traum. Es ist schon ein Ziel.»

Wie sehen Ihre Pläne mit Blick auf die Winterspiele in Sotschi aus?

Das ist weder ein Ziel noch ein Traum. Es ist etwas, das mich sehr neugierig macht. Aber im Moment habe ich es noch nicht mal ausprobiert. In diesem Winter werde ich mit der italienischen Nationalmannschaft Skifahren gehen und ausprobieren, wie gut ich bin, so aus dem Stegreif. Wenn ich konkurrenzfähig bin, dann könnte ich es versuchen. Ich kann mir gut vorstellen, dabei Spaß zu haben. Was mich aber wohl noch mehr reizt, das sind nordische Disziplinen wie Langlauf.

Und wie schätzen Sie ihre Chancen auf einen Start in der DTM ein?

BMW braucht mich nicht, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn man sich die Bilanz der vergangenen Saison ansieht, da geht es nicht mehr besser. Ich kann mich nur Schritt für Schritt nähern. Wenn BMW neugierig genug wird und sagt, hey, warum geben wir ihm nicht noch eine Möglichkeit – ich werde verfügbar sein. Aber trotzdem, ich habe viel Respekt vor den anderen Fahrern und glaube nicht, dass es einfach für mich wäre, so schnell zu sein wie sie. Ich bin mir sicher, schnell bis auf eine halbe Sekunde an ihre Zeiten zu kommen. Aber diese halbe Sekunde macht den Unterschied zwischen Gewinnen und den Benzingeruch der anderen einatmen – daran bin ich nicht interessiert.

(Ralf Loweg und Marlen Haselhuhn, dapd/Interview: Maximilian Haupt, dpa)

Alessandro „Alex“ Zanardi

 

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