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Alles Pfannkuchen: Von Aktion Sorgenkind zu Aktion Mensch

ROLLINGPLANET mit einem Glückwunsch zum 50. Geburtstag der ZDF-Soziallotterie.

Trotz Aktion Mensch: Einige ROLLINGPLANET-Redakteure schaffen es tatsächlich immer noch nicht, einen Pfannkuchen hinzubekommen (Foto: siepmannH/pixelio.de)

Trotz Aktion Mensch: Einige ROLLINGPLANET-Redakteure schaffen es tatsächlich immer noch nicht, einen Pfannkuchen hinzubekommen (Foto: siepmannH/pixelio.de)

Die Älteren aus unserer Redaktion haben noch diesen Scherz gemacht: „Sag mal Pfannkuchen.“ – Es folgt, sehr undeutlich ausgesprochen, mit piepsiger Mainzelmännchen-Stimme, aber furchtlos vor dem „Pf“: „Pfannkuchen“. – „Na, fein! Geht doch!“ So haben wir früher die Anstrengungen von Aktion Sorgenkind karikiert.

Und heute? Skepsis ist geblieben: Selbst bei einem noch so gut gemeinten Anliegen empfiehlt es sich bekanntlich, grundsätzlich vorsichtig sein, wenn Monopolisten aufkreuzen. Was muss man also davon halten, dass heutzutage kaum ein Projekt für Menschen mit Behinderung, das Geld benötigt, ohne einen Antrag bei Deutschlands Mach-was-gutes-Lottohaus auskommt? Kann es gut sein, wenn vornehmlich ein Riese die Agenda bestimmt? Was soll man davon halten, dass eine einzelne Organisation nicht nur wichtige Themen wie Inklusion voranbringt, sondern auch einer der wichtigsten Finanziers ist für die Sonderwelten der Werkstätten für behinderte Menschen?

Was ist davon zu halten, wenn jemand für mehr Jobs für Behinderte wirbt und dabei beschäftigte Musterbehinderte zeigt, die in Wirklichkeit, als die entsprechende Kampagne veröffentlicht wurde, arbeitslos waren?

Happy Birthday!

Aus dem Jahre 1967: „Vergissmeinnicht – Eine Sternstunde der Musik“ zugunsten der Aktion Sorgenkind

Aus dem Jahre 1967: „Vergissmeinnicht – Eine Sternstunde der Musik“ zugunsten der Aktion Sorgenkind

Auch wenn ROLLINGPLANET schon öfter über die Krake und Propagandamaschine Aktion Mensch gemeckert hat: Sie hat spürbar dazu beigetragen, Menschen mit Behinderung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Seit 50 Jahren setzt sich die Aktion Mensch für Projekte ein, die das Leben von Menschen mit Behinderung erleichtern und ihnen ein Leben in der Gemeinschaft und die Einbindung in das Berufs- und Alltagsleben ermöglichen. An diesem Montag wird der Geburtstag in Berlin mit einem Festakt gefeiert.

HansMohl„Der Journalist Hans Mohl (Foto), langjähriger Moderator der ZDF-Sendung ,Gesundheitsmagazin Praxis‘, wollte etwas für Kinder mit Behinderung tun“, erzählt Armin von Buttlar, Vorstand der Aktion Mensch. TV-Star Peter Frankenfeld griff die Idee auf und verband im ZDF seine Spielshow „Vergissmeinnicht“ mit einer Spendenaktion, die dann allerdings schnell in eine Lotterie umgewandelt wurde.

Der lange Weg in die Medien

„Das Thema Kinder mit Behinderung wurde damals erstmalig in die Medien gebracht“, sagt von Buttlar. Zu verdanken war das auch Fernsehspots, in denen damals behinderte Kinder – dank Spenden – in einer neuen Küche herumtollten und fröhlich „Pfannkuchen“ in die Kamera riefen (sofern der eingangs erwähnte Witz historisch korrekt zitiert). Das Echo auf derlei Bilder war überwältigend: Nach der ersten Sendung sei bereits knapp eine halbe Million D-Mark an Spenden eingegangen, so von Butlar. Damit wurde das erste Kurheim für Kinder mit geistiger Behinderung finanziert.

Aus „Vergissmeinnicht“ ging die Aktion Sorgenkind hervor. Mit den Gewinnen aus der Soziallotterie wurden Wohnheime, Werkstätten und Einrichtungen mitfinanziert.

Die standen allerdings meist auf der grünen Wiese, außerhalb des Alltagslebens. Das und auch der Name brachten die Aktion Sorgenkind in den späten 80 und 90 Jahren des vorigen Jahrhunderts in eine Krise. Die Begünstigten wollten nicht mehr mitspielen.

Wim, Wendelin und Ottmar

2010 kam es zum Paradigmenwechsel: Aus "Aktion Sorgenkind" wird "Aktion Mensch"

2010 kam es zum Paradigmenwechsel: Aus „Aktion Sorgenkind“ wird „Aktion Mensch“

„Als ich anfing, als Sehbehinderter ein behindertenpolitisches Bewusstsein zu bekommen, war natürlich der Name Aktion Sorgenkind das Problem“, sagt der heute 50-jährige Ottmar Miles-Paul, ein langjähriger Streiter für die Gleichstellung behinderter Menschen in Deutschland.

Aufgewachsen war er mit Wum und Wendelin, den Trickfiguren, die Loriot für die Aktion-Sorgenkind-Sendung mit Wim Thölke erfunden hatte. „Es war ein Image dahinter, das nicht mehr zeitgemäß war“, erinnert sich Miles-Paul. „Ein Image, das behinderte Menschen klein gemacht hat.“ Das habe nicht mehr in die Zeit eines anderen Denkens von Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Teilhabe gepasst.

Damals habe ein Paradigmen-Wechsel in der gesamten Sichtweise zu Menschen mit Behinderung stattgefunden, behauptet von Buttlar. Da sei die Basis gelegt worden, um wegzukommen von einem hilfsbedürftigen Blick hin zu einem Miteinander auf Augenhöhe. Das gesamte Förderprogramm sei angepasst worden, der Name wurde geändert in Aktion Mensch.

„Wir zeigen, was geht“

„Wir haben damals begonnen mit der Aufklärungsarbeit. Es ging um die Frage, wie man das Thema im öffentlichen Bewusstsein noch stärker schärfen und die Themen noch schärfer ins Bewusstsein der Menschen tragen kann“, sagt von Buttlar.

„Damit und mit der Innovation der Lotterie haben wir wieder eine wegweisende Rolle übernommen, die wir in den 80er Jahren auch schon mal hatten“, so von Buttlar. Die Aktion Mensch treibe Lobbyarbeit, fördere aber auch Projekte, die genau das umsetzten. „Wir zeigen, was geht.“ Wir zeigen, was geht? Der Satz sagt viel über das Selbstverständnis von Aktion Mensch aus.

Die drei Bereiche der Aktion Mensch – Soziallotterie, Förderung und Aufklärung – greifen eng ineinander. Rund 4,6 Millionen Mitspieler nehmen regelmäßig an der Lotterie teil. Seit 1964 gab die Lotterie 3,5 Milliarden Euro an gemeinnützige Vorhaben weiter.

ROLLINGPLANET gratuliert, auch wenn wir uns manchmal wünschten, dass Aktion Mensch seinen Laden intern genauso revolutionär aufstellt wie er nach außen hin tut. Da geht noch mehr.

(RP/mit Materialien von dpa)

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