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Als Uli Hoeneß noch ein guter Mensch war

Aus gegebenem Anlass ein (Fast-)Nachruf, bevor der Mann bei allen unten durch ist und möglicherweise in der Gefängniskantine Würstchen verteilen muss.

Da geht er gesenkten Hauptes (oder bilden wir uns das nur ein?): Uli Hoeneß

Da geht er gesenkten Hauptes (oder bilden wir uns das nur ein?): Uli Hoeneß

Und wir haben ihn doch so geliebt. Was kann Uli Hoeneß (61) denn auch dafür, dass er als Schwabe geboren wurde? Ist das nicht eine Behinderung, die als strafmildernd anerkannt werden kann?

Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt gegen den Bayern-Präsidenten und Wurstfabrikanten wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung, berichtete der „Focus“ am Samstagvormittag. Bereits wenige Stunden später schreibt die Münchner „Abendzeitung“, dass es sich um ein „unvorstellbares Vermögen“ in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro handeln soll.

Läppische Peanuts, findet ROLLINGPLANET. In was für einer Neidgesellschaft leben wir denn? Warum gönnen wir es denn unserem Nachbarn nicht, wenn er sein Sparschwein ins Ausland rettet? Und dazu genötigt wird, Selbstanzeige beim Finanzamt einzureichen.

Dies hat Hoeneß laut „Focus“ im Januar (ausgerechnet in seinem Geburtsmonat!) dieses Jahres gemacht. Dem Magazin hatte er bestätigt, dass es dabei um ein Konto in der Schweiz gehe. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit die Wirksamkeit der Selbstanzeige und die steuerlichen Folgen, so Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich.

In den kommenden Tagen wird es sicherlich neue Fakten und Spekulationen geben, so dass mehrere hundert Millionen Euro voraussichtlich zu einigen Milliarden Euro anwachsen. Und wie bald werden alle nur noch Ulrich Hoeness sagen?

Aus Anlass seines bevorstehenden Image-Todes (Juristin Sylvia Schenk, Sportbeauftragte der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International: „Die Glaubwürdigkeit von Hoeneß ist extrem erschüttert. Es wird sicher ganz schwer sein für ihn, da wieder herauszukommen“) und für den Fall, dass er demnächst nur noch hinter Gittern Würstchen in der Kantine spendieren kann, erinnern wir an die 13 wichtigsten Anekdoten und Episoden des Uli Hoeneß auf dem ROLLINGPLANETen. Und wie es sich für ein (Fast-)Nachruf gehört: Jeder hat ein ehrendes Andenken verdient. Sogar der Uli.

1. Fast so schön wie ein Champions-League-Pokal

Hoeneß und Sozialministerin Christine Haderthauer beim Festakt (Foto: dpa)

Hoeneß und Sozialministerin Christine Haderthauer beim Festakt (Foto: dpa)

Das soziale Engagement von Uli Hoeneß ist seit Jahrzehnten überragend. Dafür wurde er im September mit der bayerischen Staatsmedaillle ausgezeichnet. Hoeneß hat gestrahlt, als hätte er gerade den Champions-League-Pokal überreicht bekommen.

2. Ein Kaiser wird Hoeneß jetzt nicht mehr

Hoeneß über seine soziale Ader: „In der Familie ist alles okay, beim FC Bayern läuft’s, es gibt nicht mehr so viele Ziele. Da freut man sich, wenn man anderen helfen kann. Mein großes Vorbild ist Franz Beckenbauer, der ja wahnsinnig viel macht.“

Lieber Gott, wir beten, dass jetzt nicht auch noch der Beckenbauer Milliarden Euro in die Schweiz gebracht hat (die Gefahr dürfte hoffentlich gering sein, nachdem der Kaiser seinen Steuerskandal schon vor ungefähr 40 Jahren hatte und nach New York flüchtete).

3. Ein Herz für nicht anonyme Alkoholiker

Gerd Müller, erst Bomber und später Säufer der Nation, hat er gemeinsam mit Franz Beckenbauer erfolgreich das Bier weggenommen und ihn resozialisiert (als Jugendtrainer bei den Bayern).

4. Ein Schlüssel-Mann

Uli Hoeneß (4.v.l.) übergibt ein behindertengerecht umgebautes Auto an die Familie von Julia (vorne, 2.v.l.) (Foto: Verein Aktion Kinderträume)

Uli Hoeneß (4.v.l.) übergibt ein behindertengerecht umgebautes Auto an die Familie von Julia (vorne, 2.v.l.) (Foto: Verein Aktion Kinderträume)

Für den Verein Aktion Kinderträume überreicht er auch schon mal persönlich Spenden – beispielsweise im Juli, als er der Familie eines mehrfach behinderten Mädchens den Schlüssel für ein behindertengerecht umgebautes Auto brachte.

5. Der Behindertenfreund

Unter anderem diese Behindertenvereine unterstützte Hoeneß in der Vergangenheit: „Wings for handicapped e.V (behinderte und schwer kranke Kinder), den „Handicap-Fanclub der deutschen Fußball-Nationalmannschaft“, den Bayern-Fanclub „Rollwagerl“ und die „Elterninitiative krebskranke Kinder“.

6. Der Sportskamerad

Er organisierte 35.000 Euro für den seit einem Sportunfall gelähmten ehemaligen Weltklasse-Handballer Joachim Deckarm.

7. Der Charity-Dribbler

„Wenn ich in einer Stunde bei einem Vortrag zwischen 20.000 und 30.000 Euro für wohltätige Zwecke erwirtschaften kann, geht mir das Herz auf.“

8. Ein fast perfekter Schwiegersohn

Weil Hoeneß dem Kaiser alles nachgemacht hat (zum Beispiel das Fremdgehen), geht er leider nicht mehr als tüchtiger Schwiegersohn durch. Mütter mögen ihn trotzdem.

Bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ erzählte die Kandidatin und Gynnasiallehrerin Karin Feuerstein über ihren verstorbenen Sohn, der aufgrund einer chronischen Gehirnentzündung schwerbehindert war. Nachdem Bayern 1996 den Einzug ins Uefa-Cup-Finale gegen Bordeaux schaffte, waren alle Karten im Nu ausverkauft – Hoeneß höchstpersönlich sorgte dafür, dass der Rollstuhlfahrer zwei Tickets bekam. Kein Einzelfall, siehe nächsten Punkt 9.

9. Der Türsteher

Der Münchner Rollifahrer Christian Klein erinnert sich: „Einmal, lange her, hatte ich keine Karte. Wir standen mit unseren summenden Rollstühlen vor dem Stadion, da rief der Ordner Uli Hoeneß an und sagte: ,Da stehen noch acht. Wie viele dürfen rein?‘ Hoeneß sagte: acht.“

10. Bei Rollstuhlfahrern poltert er nicht

Bei Hoeneß weiß man bekanntlich nie, ob er nicht plötzlich einen roten Kopf bekommt und explodiert. Wenn man nicht Journalist ist oder Willi Lemke heißt, kann man sich jedoch relativ sicher fühlen. Das bestätigt auch Voegi, Blogger beim Sportportal „Spoxx“, der von einem Treffen mit Hoeneß im Oktober 2012 berichtet:

„Etwas unbeholfen wirkte er, als er mir unseren Tisch zeigte. So richtig schien er nicht zu wissen, wie man einem Rollstuhlfahrer denn nun einen Platz anbietet. Mein ironisches ,Ich bleibe dann mal sitzen‘ ließ die Verkrampfung aber schnell weichen. Ein erleichtertes Lächeln durchfuhr sein gestresstes Gesicht und signalisierte mir allgemeine Entspannung. Einem lockeren Plausch über die großen und kleinen Dinge des Lebens stand nichts mehr im Wege.“

11. Der Mann mit den vielen Emotionen

Der polnische Mittelfeldregisseur Krysztof Nowak († 26.5.2005), der als „Die Nummer 10 der Herzen“ in die Fußballgeschichte des VfL Wolfsburg einging, erkrankte mit 25 Jahren an der unheilbaren Stephen-Hawking-Nervenkrankheit ALS (amyotrophe Lateralsklerose) und konnte sich ein Jahr später nur noch mit einem Rollstuhl fortbewegen.

Hoeneß war so ergriffen, dass er einem Benefizspiel mit dem FC Bayern zustimmte. Im April 2012 kamen auf diese Weise knapp 400.000 Euro für die „Krzysztof Nowak-Stiftung“ zusammen, einer wohltätigen Einrichtung für Menschen mit Nervenkrankheit.

12. Bei so viel Elend ist selbst ein Hoeneß ratlos

Auch ein Hoeneß könnte, selbst wenn er seine vielen Millionen Euro in Deutschland gelassen hätte, nicht allen helfen: „Da geht es etwa um einen Rollstuhl für einen verunglückten Hobby-Fußballer. Ich bekomme auch seitenlange Briefe von Leuten aus dem Gefängnis. Schwierig ist nur, die Einzelfälle abzuwägen.“

13. Eine Nichtverpflichtung mit Folgen

Verena Bentele (Foto: Aktion Mensch)

Verena Bentele (Foto: Aktion Mensch)

Der blinde Paralympics-Star Verena Bentele und die jetzige SPD-Beraterin scherzte nach ihrem Karriereende 2010: „Uli Hoeneß darf sich gerne melden“. Der hatte „Gold-Lena“ Magdalena Neuner (ebenfalls Biathlon) nach Olympia angerufen und ihr einen Job im Marketing angeboten.

Die öffentliche Bewerbung von Bentele blieb erfolglos – alleine schon deshalb, weil sie der SPD nahe steht, was für Hoeneß (CSU) schon mal grundsätzlich sehr suspekt ist. Hätte er sich doch mal die Bentele geangelt – dann hätte die ihm rechtzeitig stecken können, dass SPD und Grüne Mitte Dezember 2012 im Bundesrat das Deutsch-Schweizer Steuerabkommen verhindern würden.

Über das Steuerabkommen hätten Personen, die in der Schweiz nichtversteuerte Gelder liegen haben, dies mit einer für den deutschen Fiskus anonymen pauschalen Einmalzahlung legalisieren können, und wir müssten heute nicht mehr von Ulrich Hoeneß, sondern könnten nach wie vor vom lieben Uli sprechen.

(RP, erstes Foto Hoeneß: BMK/Wikipedia. Licence: Creatice commons.)

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6 Kommentare

  • Tony

    Wie immer unterhaltsam und geistreich. Das macht Euch zu einer tollen Seite auch abseits von den eigentlichen „Behindertenthemen“.

    21. April 2013 at 20:33
  • Beckenbauer

    Aber auch beim Uli gilt: Kriminell ist kriminell!

    22. April 2013 at 09:04
  • Helen Ferstl

    hmmm… ihr scheint die einzigen zu sein die mitleid mit hoeneß haben 🙂

    22. April 2013 at 12:04
  • MeralKl

    Uiiiiiii… So eine lange Geschichte über den „ach“ so armen Herrn Hoeneß 😉
    So gelobt hat ihr mit sicherheit bisher keine Zeitung. Seinen guten Taten in allen ehren, sollte auch er sich an die Regeln halten, an die sich jeder in Deutschland lebende und arbeitende halten muß!!!
    Geld beiseite schaffen ist das allerletzte!!!

    22. April 2013 at 15:50
  • Dieter Frey

    Mit „vollen“ Hosen ist gut stinken“ hat mal einer gesagt, um damit sogleich zum Fall Hoeneß zu kommen…
    Dieser „Gutmensch“, der sich in der sozialen Ablenkungsrolle als Täter,Zocker und Pharisäer gefällt…
    Anderen, oft mit verbaler Brachialgewalt den Spiegel vorhalten, selbst aber nicht mehr sich darin erkennen wollen/können…
    Und ist es noch so fein gesponnen, es kommt alles an die Sonnen…
    Gut so!

    27. April 2013 at 10:18

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