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Also doch: Meyra Ortopedia braucht einen Partner zum Überleben

Wird nun Ottobock-Chef Professor Näder einen Scheck unterschreiben und den insolventen Rollstuhlbauer einverleiben?

Meyra-Zentrale in Kalldorf (Kalletal)

Meyra-Zentrale in Kalldorf (Kalletal)

Im niedersächsischen Duderstadt sitzt ein Mann, der die Probleme von Meyra Ortopedia im nur 219 Kilometer entfernten Kalletal-Kalldorf mit einer Unterschrift lösen könnte: Die Portokasse von Professor Hans Georg Näder, geschäftsführender Gesellschafter der Otto Bock Firmengruppe Otto Bock, ist prall gefüllt. Und Näder ist keiner, der zögert, Schecks auszustellen. Erst vor kurzem kaufte der Weltmarktführer in der technischen Orthopädie/Prothetik (4000 Mitarbeiter) 80 Prozent des finnischen Yachten-Herstellers Baltic Yachts, wie ROLLINGPLANET berichtete.

Bei Meyra Ortopedia braucht man dringend Geld. Der Geschäftsbetrieb läuft eigenen Angaben zufolge zwar stabil. Die Umsatzentwicklung entspreche aktuell der Planung, die Beziehungen zu den Kunden seien intakt, heißt es seitens der Kanzlei LTS in Herford, deren Rechtsanwalt und Wirtschaftsprüfer Hans-Peter Burghardt vom Amtsgericht Detmold zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt wurde. Meyra Ortopedia hatte wegen drohender Zahlungsunfähigkeit am 25. März 2013 einen Eigenantrag auf Insolvenz gestellt.

Burghardt betont jedoch auch: „Meyra ist noch nicht über den Berg.“ Es sei wichtig, „dass der Geschäftsbetrieb stabilisiert werden konnte. Das ist auch der hohen Kundenloyalität zu verdanken. Aus jetziger Sicht ist klar: Das Unternehmen braucht einen Partner“.

Frisches Kapital erforderlich

Der Insolvenzverwalter widerspricht damit der früheren Einschätzung des Geschäftsführers Frank Meyer. Dieser hatte in einem vielbeachteten ROLLINGPLANET-Exklusiv-Interview Anfang April erklärt, man wolle die Sanierung auch ohne frisches Kapital, beispielsweise durch Abgabe von Firmenanteile an Investoren, meistern.

Burghardt sieht zwar ebenfalls Chancen für eine Sanierung, weil die Unternehmensgruppe über eine hohe internationale Markenbekanntheit und umfassendes Know-how im Kerngeschäft der Rollstuhl-Produktion und -Entwicklung verfüge. Gleichzeitig sei die Lage jedoch „herausfordernd“, weil die „Unternehmensstruktur im Vergleich zu seiner Größe zu komplex und das Verhalten erfolgskritischer Zielgruppen wie der Lieferanten und Banken abwartend sei.“

Nicht profitable Bereiche zu lange behalten

Die Ursachen für die aktuelle Situation sieht Burghardt vor allem darin, dass zu lange an unprofitablen Strukturen festgehalten wurde. „Ich kann menschlich verstehen, dass man sich an gegebene Zusagen gebunden fühlt. Betriebswirtschaftlich betrachtet hätte man unprofitable Bereiche frühzeitiger stilllegen und die Struktur verschlanken müssen.“

Damit nimmt Burghardt Bezug auf unternehmerische Altlasten unter anderem aus der Übernahme des Unternehmens Ortopedia, die sich bis heute auswirken. „Diese Altlasten wurden zu lange fortgeschrieben“, so Burghardt, „sie zehren an der Substanz des Unternehmens.“

Gläubiger verlangen einen neuen Investor

Ende April 2013 trat erstmals der vorläufige Gläubigerausschuss zu einer konstituierenden Sitzung zusammen – Geschäftsführer Meyer konnte sich den ROLLINGPLANET vorliegenden Informationen zufolge mit seinem Plan einer Sanierung im Alleingang nicht durchsetzen.

In einer Abstimmung sprachen sich die Gläubiger auf Empfehlung des vorläufigen Insolvenzverwalters einstimmig dafür aus, einen sogenannten M&A-Prozess einzuleiten, um einen Investor zu finden. Dieser soll die künftige unternehmerische Entwicklung der Meyra Ortopedia Gruppe aktiv begleiten.

M&A ist die Abkürzung für „Mergers & Acquisitions“ und steht für Firmenübernahmen oder Fusionen. Dieser Prozess wurde bereits gestartet. „Ein tragfähiges Sanierungskonzept ist wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Einbindung eines Investors“, sagte Burghardt.

Potentielle Investoren sind vorhanden

Aktuell liegen bereits Anfragen potentieller Investoren vor. Ob es sich dabei um Branchengrößen wie Otto Bock, Invacare, Sunrise Medical oder rehafremde Interessenten handelt, ist derzeit nicht bekannt. Im ROLLINGPLANET-Interview hatte sich Geschäftsführer Meyer noch skeptisch gezeigt: „In einer solchen Situation gibt es naturgemäß eine große Anzahl von seriösen und weniger seriösen Anfragen“.

Dagegen sagt Burghardt nun: „Das Interesse der Investoren ist da. Um einen Investor zu überzeugen, muss das Unternehmen allerdings jetzt seine Hausaufgaben machen. Die Zeit läuft.“ Bis Ende Mai 2013 seien die Gehälter der Belegschaft über das Insolvenzausfallgeld gesichert.

Noch keine Entscheidung über Arbeitsplätze

Eine Entscheidung über die künftige Anzahl der Arbeitsplätze ist noch nicht getroffen. „Die Kapazitäten müssen an der Nachfrage orientiert werden. Es wird noch gerechnet“, sagte Burghardt, der in einem engen Kontakt mit der Geschäftsführung und den Arbeitnehmervertretern steht. Das Unternehmen beschäftigt derzeit am Standort Kalletal rund 400 Mitarbeiter.

Am 1. Juni 2013 soll das Insolvenzverfahren eröffnet werden. Im Verlauf des Verfahrens wird der Gläubigerausschuss entscheiden, wie das Unternehmen fortgeführt werden kann. „Eine erfolgreiche Sanierung setzt Beiträge aller Beteiligten voraus“, sagte Burghardt vor allem in Richtung der Belegschaft, „das wird auch ein potentieller Investor prüfen“.

(RP/PM, Foto: Wikipedia/Grugerio. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

Meyra-Insolvenz
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