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Am Fuße des Pilatus

Autor: Sven Labenz, Fotos: bindaphoto.ch.

Nationalspieler Janic Binda aus der Schweiz

Nationalspieler Janic Binda aus der Schweiz

Die Schweiz: Der Vierwaldstätter See, Berge, Taschenmesser, Neutralität, Ricola und grüne Weiden. Alles geht eben ein kleines bisschen langsamer und gemütlicher. So ist es scheinbar auch im Sport. Abseits der Alpen scheint die Affinität zu Ballsportarten nicht wirklich vorhanden zu sein. Natürlich abgesehen von König Fußball rund um die glorreiche Zeit der Grashoppers Zürich und einem gewissen Stephane Chapuisat bei Borussia Dortmund. Doch wie steht es um das orangene Leder? Können unsere Nachbarn den Spalding eigentlich auch amtlich durch die Reuse zimmern, per sauberem Jump Shot aus 6,75m einnetzen oder das Spiel so spielen, wie es unsere serbischen Freunde Luka Pavicevic oder Svetislav Pesic Tag ein Tag aus predigen?

Mit einem typischen „Gruezi“ eröffnet Janic Binda unser Skype Gespräch zwischen Zürich und Mainz. Ich antworte mit einem „Servus“ und ohrfeige mich umgehend, da ich doch prompt die beiden Alpenländer schon bei der Begrüßung verwechsle. Binda ist 23 Jahre, ein äußerst sympathischer Student und seit der Spielzeit 2005/2006 Rollstuhlbasketballer für die Eidgenossen. Er hat zahlreiche Länderspiele für die Schweiz absolviert, darunter auch drei A-Europameisterschaften. Zuletzt die Eurobasketball in Frankfurt am Main. Als Aufsteiger haben die Rollis aus dem Nachbarland endlich das große Ziel erreicht und mit dem 10. Turnierplatz die Klasse gehalten. Nicht nur für Janic Binda ist das ein Zeichen. „Der Trend hier in der Schweiz ist sehr positiv, es gibt gute Förderprogramme und nun haben wir auch international gezeigt, dass wir mithalten können“, erklärt der 3.5-Punkte-Spieler.

Janic Binda trainiert täglich an dem Ort, der auch das Team Germany in der Vorbereitung auf die Europameisterschaft im eigenen Land begeistert hat. Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil ist DIE Einrichtung der Eidgenossen, wenn es um die umfassende und kompetente Betreuung von Querschnittsgelähmten geht. Nachdem ihn ein Lastwagen auf dem Radweg erfasst und schwer verletzt, ist Binda Patient im Paraplegiger-Zentrum, dessen bekanntester Bewohner wohl Samuel Koch war. Täglich sieht Janic Binda was mit dem Rollstuhl möglich ist. „Vor dem Unfall war Sport für mich eine super wichtige Sache. Aber Basketball habe ich eigentlich nicht so sehr gemocht“, berichtet der Psychologie- und BWL-Student. In der Klinik lernt er 2003 den Rollstuhlbasketball kennen – und verliebt sich auf den ersten Blick. „Die Bedingungen hier sind wirklich optimal. Alles ist barrierefrei, wir können täglich Sport machen und immer die Halle oder auch den Kraftraum nutzen“, so Binda weiter. Ganz zu schweigen von der malerischen Kulisse und dem guten Essen, denke ich mir.

Gemeinsam mit dem ehemaligen Akteur des RSV Lahn-Dill, Nicolas Hausamann, rollt Binda täglich in Notwill für die Pilatus Dragons über das Parkett. Die Rollstuhlbasketballer aus Luzern sind so etwas wie der FC Bayern München im Schweizer Behindertensport. Gerade einmal acht Teams gehen, aufgeteilt in zwei Ligen, auf Korbjagd. „Es gibt in der Schweiz einfach zu wenig gute Spieler“, bringt es der 23-jährige auf den Punkt. In der A-Liga, also der höchsten Schweizer Spielklasse, treten neben den Dragons aus Luzern noch Genf und St. Gallen an. Den vierten Kontrahenten geben die Swiss Cagers. Eine Auswahl von jungen Talenten aus dem gesamten Land, der auch Janic Binda angehört. „Cagers“ frage ich vorsichtig, als ich mir den Namen etwas unsicher in mein Notizbuch kritzle. „Ja das kommt aus den USA, dort wird ja Streetball, z.B. in New York, oft in Käfigen gespielt“, lacht Binda. Ah okay, die Schweizer als Gangster, schon verstanden.

Apropos USA: In der vergangenen Saison erfüllt sich Janic Binda einen kleinen Traum und geht für eine Spielzeit im Mutterland des Basketballs für die University of Arlington (Texas) auf Korbjagd. Mit der College-Truppe erreicht er sogar den zweiten Platz, schrammt knapp an der Meisterschaft vorbei. Den Kontakt stellte übriges Michael Paye her, der im Spielaufbau des Deutschen Meisters aus Lahn-Dill die Fäden zieht. Die Welt im Rollstuhlbasketball ist eben klein, nicht nur in der Schweiz. „Wir hatten ein ziemlich internationales Team am College. Mein Ziel ist es jetzt, den Bachelor abzuschließen und danach zwei-drei Jahre als Profi zu spielen. Gerne irgendwo in Europa, am liebsten natürlich in Deutschland“, spricht der sympathische Schweizer Nationalspieler über seine Pläne für die Zukunft. Die Rollstuhlbasketball-Bundesliga schätzt er sehr, vor allem weil die Liga immer stärker wird und enger zusammen rückt. Denn seine Pilatus Dragons, zu denen Binda in dieser Saison zurückgekehrt ist, spielen in einer anderen Liga. Die Luzerner Rollis haben so ziemlich alle Titel gewonnen, die in der Schweiz verliehen werden. „Uns fehlt etwas die Challenge. Wir können uns selten auf enge und knappe Spiele vorbereiten. Es fehlt uns die Praxis, Spiele in der letzten Minute zu entscheiden“, spricht der vielseitige Guard ein Hauptproblem im Schweizer Rollstuhlbasketball an.

Ob es für die Pilatus Dragons Sinn machen würde, sich der RBBL anzuschließen, so wie es ja auch die Roller Bulls aus Belgien bzw. Salzburg und Luxembourg in der 2. RBBL tun, kann aktuell nicht beantwortet werden. Das leidige Thema Geld spielt eine große Rolle, schließlich müssten die Drachen dann Auswärtsfahrten bis nach Hamburg oder Zwickau in Kauf nehmen. Intensiv und auf Augenhöhe geht es für Luzern vor allem international zur Sache, wenn die Dragons vor über 500 Zuschauern in der zweiten Gruppe der Euroleague antreten. „Die Bedingungen sind hier super, da können wir uns echt nicht beschweren. Aber es fehlt etwas die Affinität zum Sport und das macht sich natürlich in einer Randsportart dann ganz schnell bemerkbar“, analysiert Janic Binda.

Für ihn und seine Pilatus-Equipe heißt das Ziel in diesem Jahr wieder das Double aus Meisterschaft und Pokal. International steht das Euroleague-Qualifikationsturnier in Nottwil auf dem Zettel. „Für uns fast wichtiger als die nationale Competition“, gibt Binda zu. Nach der Liga-Hauptrunde geht es dann im Finalmodus noch einmal „Best of Three“ um die Wurst. Trotz der geringen Dichte streckt sich der Spielplan für die, größtenteils als Hobby-Basketballer agierenden Schweizer, bis in den April. Danach soll es jedoch für Janic Binda weiter gehen. Und vielleicht heißt es ja irgendwann am Fuße des Pilatus: Rollstuhlbasketball, wer hats erfunden?

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