Am Montag startet Middelhoff in der Behindertenwerkstatt

Paparazzi lauern wohl schon: Jetzt sprechen die Verantwortlichen der Einrichtung über ihren neuen, prominenten Mitarbeiter.

Thomas Middelhoff im November 2014 vor Prozessbeginn am Landgericht in Essen. (Foto: Bernd Thissen/dpa)

Thomas Middelhoff im November 2014 vor Prozessbeginn am Landgericht in Essen. (Foto: Bernd Thissen/dpa)

Vom Konzernlenker mit Millionengehalt zur Hilfskraft mit einem Bruttoverdienst von 1.785 Euro: Am Montag will der ehemalige Top-Manager Thomas Middelhoff seine neue Stelle in der Bodelschwinghschen Stiftung Bethel in Bielefeld antreten (ROLLINGPLANET berichtete: Unser Mitarbeiter des Tages).

Für den 62-jährigen früheren Chef des Mediengiganten Bertelsmann und des ehemaligen Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor wird es eine ungewohnte Erfahrung sein. Als Konzernchef fädelte er Milliardendeals ein und jettete im Privatflugzeug über die Kontinente. In der Behindertenwerkstatt arbeitet er als Hilfskraft für die Betreuer und als Assistent für die dort beschäftigten Menschen. Zu seine Aufgaben gehören laut Stiftung „Hilfsarbeiten, Materialtransport, Hauswirtschaft sowie Botendienste“.

Tiefer Sturz

Während die Arbeit in Bethel eine neue Erfahrung für den Manager sein dürfte, hat er mit dem Aufenthalt im Gefängnis schon während seiner fünfmonatigen Untersuchungshaft Bekanntschaft gemacht. Unmittelbar nach der Urteilsverkündung im November 2014 war Middelhoff noch im Gerichtssaal wegen Fluchtgefahr verhaftet worden.

Die danach folgende Haft in der Justizvollzugsanstalt Essen nahm den den Manager sichtlich mit. Die Justiz sah in den ersten Haftwochen sogar Selbstmordgefahr. Nach Angaben seiner Anwälte erkrankte der Manager in dieser Zeit an einer Autoimmun-Krankheit, die ihn heute noch quält. Die Anwälte zweifeln deshalb sogar an seiner Haftfähigkeit.

Die Leitung der Bodelschwinghschen Stiftung Bethel befürchtet nun einen Ansturm von Journalisten – und meldet sich mit einer Pressemitteilung zu Wort:

Der frühere Bertelsmann- und Arcandor/Karstadt-Quelle-Manager Thomas Middelhoff aus Bielefeld wird voraussichtlich für eineinhalb Jahre in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel arbeiten. Im Vorfeld seines bevorstehenden Haftantritts hatte Thomas Middelhoff in Bethel wegen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung angefragt. Ein solches Anstellungsverhältnis würde ihm unter Umständen den Haftvollzug als Freigänger ermöglichen.

Das vereinbarte Arbeitsverhältnis könnte Anfang Mai beginnen und wäre mit der niedrigsten Tarifeingruppierung im Werkstattbereich verbunden; das Gehalt würde rund 1800 Euro brutto betragen. Auf das Gehalt hat nach Angaben von Middelhoffs Anwalt der Insolvenzverwalter Anspruch. Thomas Middelhoff wäre als Hilfskraft für die dort arbeitenden Fachkräfte und als Assistent für die dort beschäftigten Menschen mit Behinderungen tätig. Zu seinen Aufgaben gehören Hilfsarbeiten, Materialtransport, Hauswirtschaft sowie Botendienste.

In der Werkstatt am Bullerbach: Daniel Hanshermlieke (r.) kann sich auf einen Helfer freuen. (Foto: Bethel/Reinhard Elbracht)

In der Werkstatt am Bullerbach: Daniel Hanshermlieke (r.) kann sich auf einen Helfer freuen. (Foto: Bethel/Reinhard Elbracht)

„Ein solches Arbeitsverhältnis zu ermöglichen wäre für Bethel nicht außergewöhnlich“, betont Pastor Ulrich Pohl, Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Die diakonische Einrichtung helfe immer wieder Menschen in problematischen Lebenslagen und Situationen von Schuldverstrickung. Das entspreche dem Satz Friedrich von Bodelschwinghs „Dass ihr mir niemanden abweist“. „Dahinter steht die christliche und menschliche Haltung Bethels, gerade in Krankheit, Bedrängnis oder Not Menschen zur Seite zu stehen“, so Ulrich Pohl.

Die Beschäftigung von Thomas Middelhoff in der entsprechenden Werkstatt Am Bullerbach in Bielefeld-Eckardtsheim ist mit der Mitarbeiterschaft dort vorbereitet worden. Jetzt hoffen behinderte und nicht behinderte Mitarbeiter, dass sie trotz des Medieninteresses für den prominenten künftigen Mitarbeiter geordnet und ungestört weiterarbeiten können.

(RP/dpa)

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