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Amazon, Sony und Kobo wollen keine barrierefreien E-Book-Reader herstellen

Ist das jetzt eine Koalition führender Hersteller gegen Menschen mit Behinderung?

Reader PRS-T2 von Sony (Foto: Sony Europe Limited)

Reader PRS-T2 von Sony (Foto: Sony Europe Limited)

Amazon, Kobo und Sony haben sich zu einer, wie sie selbst schreiben, „Koalition von E-Book-Reader-Herstellern” zusammengeschlossen. Das Trio will in den USA von der rechtlichen Verpflichtung zur Barrierefreiheit befreit werden. Die Verbündeten richteten zu diesem Zweck eine Petition (hier nachzulesen) an die zuständige Behörde Federal Communications Commission (FCC). Ihr Argument: E-Book-Reader seien nicht für behinderte Menschen konzipiert und müssten somit auch nicht für diese bedienbar sein.

Hintergrund ist das am 8. Oktober 2010 von US-Präsident Barack Obama unterzeichnete Gesetz „Twenty-First Century Communications and Video Accessibility Act“. Seither sind in den Vereinigten Staaten Hersteller von Geräten der Klasse „Advanced Communications Services“ (ACS) verpflichtet, diese behindertengerecht zu gestalten.

E-Book-Reader für Sehbehinderte

Für Menschen mit verminderter Sehstärke eignet sich ein leicht bedienbares Einstiegsmodell mit einer Displaygröße von mindestens fünf Zoll, besser noch sechs Zoll.

Eine im Querformat mögliche Darstellung ist ein wichtiges Auswahlkriterium für eine maximale Textvergrößerung.

Die gängigsten Geräte verfügen über energieeffiziente E-Ink-Displays mit scharfem Schriftbild, die zudem ein blendfreies Lesen ermöglichen. Eine stufenlose Einstellung der Displayhelligkeit ist nicht nur für Sehbehidnerte, sondern für alle Nutzer sinnvoll. Ebenso wichtig sind der Kontrast der Schrift und eine auf Wunsch inverse Darstellung (weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund).

Der Hang vieler Hersteller zu kleinen Tasten kann für Sehbehinderte ein großes Problem darstellen. Eine deutlich fühlbare Abgrenzung zwischen den Tasten erleichtert die barrierefreie Bedienung der E-Book-Reader. Idealerweise sollte das Gerät eine singulär bedienbare Lesezeichentaste besitzen.

Einige E-Book-Reader können Hörbücher abspielen. Auch die Text-to-Speech-Funktion und eine Audioausgabe können manchmal in Kombination mit einem Kopfhörer zum Vorlesen von ePapers genutzt werden.

Für sehbehinderte Menschen empfohlen


KoboE-Reader


Kobo Glo (Foto)
Displaytyp: 6 Zoll / E-INK mit Beleuchtung
Kontrast: sehr gut
Helligkeit: sehr gut
Schriftgrößen: 24 Stufen
Steuerung: sehr gut


Tolino Shine
Displaytyp: 6 Zoll / E-INK mit Beleuchtung
Kontrast: sehr gut
Helligkeit: gut
Schriftgrößen: 7 Stufen
Steuerung: gut


Sony Reader PRS-T2
Displaytyp: 6 Zoll / E-INK
Kontrast: gut
Helligkeit: gut
Schriftgrößen: 8 Stufen
Steuerung: gut


(Quelle: E-Book-Reader Vergleich)

Was das Gesetz bisher brachte

Seither müssen beispielsweise TV-Kabelanbieter ihre Menüs für sehbehinderte Menschen lesbarer und einfacher bedienbar gestalten. Unterhaltungselektronik-Anbieter sind verpflichtet, ihre Fernbedienungen so anzufertigen, dass sich spezielle Angebote wie Untertitel leicht aufrufen lassen. Kopfhörer und andere Geräte fürs Telefonieren via Internet müssen mit Hörgeräten kompatibel sein. Auch schränkte das Gesetz den Kopierschutz ein, damit blinde Menschen einen leichteren Zugang zu Inhalten haben.

Allerdings konnten bereits große Firmen und Verbände – unter ihnen die Consumer Electronics Association (CEA), die National Cable & Telecommunications Association und die Entertainment Software Association – die Vorgaben umgehen, indem sie eine Ausnahmegenehmigung beantragten und zunächst bis 15. Oktober 2015 erhielten.

„Auch Papier ist nicht barrierefrei“

Solch eine Wir-müssen-nicht-barrierefrei-Erlaubnis, und zwar dauerhaft, will nun auch die Amazon-Kobo-Sony-Koalition, die fürchtet, dass vorgeschriebene Zusatzfunktionen wie eine Audioausgabe für blinde Menschen ihre Lesegeräte verteuerten. Die Unternehmen beharren in ihrem Antrag, dass ihre Produkte eine eigene Gerätegruppe darstellen.

Weil E-Book-Reader sich nicht für erweiterte Kommunikationsdienstleistungen eigneten (was ein ACS-Kriterium ist), seien sie, anders als Smartphones oder Tablets, nicht der ACS-Klasse zuzurechnen. Sie seien elektronische Bücher und genauso wie Papier-Bücher nicht barrierefrei. Außerdem hätten Menschen mit Behinderungen Alternativen wie Tablets.

Quelle: teleread.com (Englisch)

(RP)

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7 Kommentare

  • Steffi

    Die Forderungen, die ihr da unterstützt, scheinen mir reichlich unrealistisch.
    Displayhelligkeit bei einem Ebookreader setzt ein beleuchtetes Display voraus – das aber lange nicht alle Reader haben und auch nicht alle Leser wünschen.
    Ein größerer Bildschirm erleichtert Sehbehinderten die Bedienung. Das macht den Reader aber schwerer und unhandlicher … ein KO-Kriterium für Menschen, die aufgrund Muskelschwäche oder Lähmungen ein leichtes kompaktes Gerät brauchen. Für einen ist Touchscreenfunktionalität ein Segen, für den Nächsten ein Fluch.
    Es gibt eine Vielzahl von Geräten die Bücher vorlesen oder digitales Lesen ermöglichen – aber eine eierlegende Wollmilchsau ist nicht dabei.
    Eine zu eng ausgelegte Gesetzgebung halte ich persönlich für kontraproduktiv – insbesondere, wenn es am Markt eine Anzahl von unterschiedlichen Geräten gibt, die viele speziellen speziellen Bedürfnissen gerecht werden – nur eben nicht one in all.

    10. August 2013 at 20:09
  • Andrea Bröker

    Es wäre technisch möglich, aber die wollen nicht. Ich finde es ist ein Unding, die Möglichkeiten nicht auszuschöpfen. Aber wehe, einem der Verantwortlichen geschieht etwas und dieser ist fortan auf derlei Hilfsmittel angewiesen, dann ist das Gejammer groß, dass es diese nicht gibt.

    10. August 2013 at 21:11
  • Steffi

    @ Andrea

    Was genau wäre denn möglich?
    Und ist das auch für alle Nutzer gut und erstrebenswert?
    Es gibt es je nach Einschränkung unterschiedliche Anforderungen an so ein Teil.
    Ich käme z.B. mit dem in dem Artikel als barrierefrei beschriebenen 6-Zoll Reader nicht mehr klar weil ich ihn nicht lange halten könnte. (Genauso, wie ich ein großes, dickes Buch nicht mehr halten kann)
    Ganz nebenbei… ein E-Reader ist kein Hilfsmittel und für Menschen, die z.B. mit dem Kontrast bzw der Schriftgrösse da nicht klarkommen, gibt es ja absolut akzeptable Alternativen, wie z.B. ein tablet.

    11. August 2013 at 00:50
  • JonFox

    DAS ist also das Ergebnis eines SEHR schlechten Managements, welches nur auf Kostenreduktion anstatt auf Funktionsmaximierung Wert legt – es hat sehr viel Geld gekostet (das Gehalt des (beratenden) Managers) +(!) erzielt in der Folge einen sehr hohen Verlust dadurch, daß die beratene Firma Kunden=Geld+Ansehen verliert – und dies nachhaltig!

    Sehr kurzsichtig gedacht UND VERLOREN wenn danach auch noch gehandelt wird!

    Gegenbeispiel gibt es einige auf dem Markt!

    11. August 2013 at 17:15
  • JonFox

    …die folgende NAchricht wurde bei AMAZON, SONY und Kobo DIREKT an das Management gegeben:

    Hi AMAZON, SONY und Kobo,
    you as a company is in danger because of a management-decision you might not have complety thought through!

    See your petition from May 16, 2013 to the FEDERAL COMMUNICATIONS COMMISSION Washington, D.C. 20554.
    http://apps.fcc.gov/ecfs/document/view?id=7022314526

    The outcome of it will be, that you will be loosing together with your customers creditibility and thus: Money.

    Who was the manager who brought this into live and what are his REAL(!) ideas why this will make sense and maybe bring profit?

    Your technical solutions in past history did NOT show this loss of overview to future product lines what makes me ask:
    „What happened?“

    See also this comment as the begin of a wave to brush away the outcomes instead:
    http://rollingplanet.net/201

    3/08/10/amazon-sony-und-kobo-wollen-keine-barrierefreien-e-book-reader-herstellen/‪#‎comment‬-12034

    (We also give a copy to your „partners“ in this coalition:
    AMAZON & SONY & Kobo)

    11. August 2013 at 17:56
  • [email protected]

    Also, ich habe keine ärztlich festgestellten physischen oder psychischen Beeinträchtigungen, aber auch kein Tablet oder auch nur den Wunsch danach.

    Die wahre Behinderung ist doch einerseits dass die Menschen nicht einfach sich selbst genießen können und andererseits, dass generell „Qualität“ nur jenen Menschen vorbehalten bleibt, die dafür bereit und fähig sind, zu zahlen. Wobei hier Produktqualität gemeint ist. So wichtig ich es finde für die Betroffenen ihr im System verankertes Recht einzuklagen, so lächerlich und erbärmlich finde ich die Auswirkung dieser Art und Weise des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Man kennt ja die Rechtsfälle von Nachbarschaftsstreitereien.

    Also meines Erachtens ist nicht die Auswahl an Produkten wie einem Tablet wichtig, sondern die serienmäßige Produktion von vielseitig verwendbaren Produkten. Die Designer und Ingenieure sind doch begabte Menschen. Ich nutze etliche Funktionen an meinem Smartphone nicht. Man sollte sich mehr auf nützliche und hilfreiche Funktionen konzentrieren, anstatt zahlreiche anmeldungs- und kostenpflichtige apps drauf zu knallen.

    Einsicht – Wille – Handeln, wo es fehlt, keine Ahnung, vermutlich ist es die Gier, die die Angst entfacht, zu kurz zu kommen. Man könnte ja auch einfach das Vernünftige tun, wenn da das blöde Geld nicht als oberste Maxime wäre, an die Umsetzbarkeit scheinbar so oft scheitert.

    13. August 2013 at 09:50
  • grisu

    Ich denke nicht daß erwartet wird daß alle Ebookreader barrierefrei sein müssen, abgesehen von Tonausgabe für Hörbücher und txt2read, was ich eigentlich ohnehin für eine Selbstverständlichkeit halte. Aber es sollte zumindest einige geben!
    Ich persönlich habe mir ein 10″ Tablet zugelegt, weil mir ein 5″ Bildschirm ohnehin zu kleine Schrift hätte, bei ganzseitiger Darstellung. Wußte garnicht daß Reader keine Tonausgabe haben! Da hätte ich mich sehr geärgert.
    Der große Vorteil von den eBook-Readern ist aber nunmal die helle Paperwhitedarstellung ohne Strom für die Beleuchtung, da kann ein noch so sparsames Tablet nicht mithalten, was die Betriebsdauer ohne Stromanschluß angeht. Deshalb muß es welche geben, mit großem Bildschirm und Ton.
    Denn warum soll ein Sehbehinderter nicht am Strand in der Sonne liegen und stundenlang lesen dürfen? Sei es nun mit großen Buchstaben, Kopfhörern oder Taktilleiste.
    Und irgendwann sicher auch in Farbe und roll- oder faltbar als unzerbrechliche Folie, womöglich sogar in Zeitungsgröße!
    PS: Eigentlich kein Wunder daß ausgerechnet Sony sich schon wieder einmal mit so einem kundenfeindlichen dummen Schuß ins Knie hervortut, wird bei denen schon zur Gewohnheit.

    20. November 2013 at 20:03

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