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An Leichen getestet: Mittelohr-Mikrofon macht Hörhilfe unsichtbar

Eine Verbesserung des Cochlea-Hörimplantats kündigen Forscher der University of Utah an: Sie haben ein Mikrofon entwickelt, das hinter dem Trommelfell im Mittelohr eingepflanzt wird und dort Signale an das Innenohr weitersendet.

Mini-Mikro im Ohr: Völlig unsichtbare Gehörlosen-Hörhilfe (Foto: utah.edu)

Der größte Vorteil der bislang erst als Prototyp verfügbaren Technik: Man sieht sie von Außen nicht – und sie kann auch beim Schwimmen oder mit einem Helm getragen werden, informiert die Fachzeitschrift „Transactions on Biomedical Engineering“.

Das Cochlea-Implantat ist eine Hörprothese für Gehörlose mit noch funktionstüchtigem Hörnerv. Sein Kernstück ist ein in die Hörschnecke (Cochlea) verlegtes Implantat, das die Haarzellen durch Elektroden stimuliert. Mit den nötigen Impulsen versorgt wird dieses Implantat bisher durch ein hinter der Ohrmuschel platziertes Mikrofon, dessen Signale von einem Sprachprozessor unter der Haut verarbeitet und von einer Sendespule übermittelt wird. Rund 220.000 Menschen weltweit leben derzeit mit einem Cochlea-Implantat.

Anders als bei den bisherigen Modellen gelang es den US-Forschern, alle Bauteile ins Mittel- bzw. Innenohr zu verlegen. Ein spezieller Sensor fängt dazu Schwingungen des Trommelfells an dessen zentraler Stelle („Nabel“) auf und gibt sie an einen Chip weiter, der das Signal verstärkt und in elektrische Impulse für den Sprachprozessor umwandelt. In Summe ergibt das die Funktion eines Mikrofons der Größe von derzeit 2,5 mal 6,2 Millimeter, wobei eine weitere Verkleinerung auf zwei mal zwei Millimeter möglich scheint. Aufgeladen wird der Akku durch ein Ladegerät, das beim Schlafen als Kopfhörer angelegt wird.

Beethovens Neunte: Dumpf, aber hörbar

Getestet wurde das Hörimplantat bisher erst bei drei Leichen. Was die Forscher dabei herausfanden: Die Vibration im „Nabel“, wie die in der Mitte des Trommelfells gelegene Verbindung zum Hammer-Knochen bezeichnet wird, vibriert dann besonders stark, wenn man zuerst den Amboss-Knochen entfernt. Da ein derartiger Eingriff spezielle behördliche Erlaubnis benötigt, dauert es bis zum ersten Einsatz bei lebenden Menschen noch drei Jahre, sagen die Forscher.

Immerhin gelang es bei den Tests jedoch, die zu erwartenden Ergebnisse dieses Implantats darzustellen. Die Forscher leiteten dazu die Signale der Mikrofon-Einheit an einen externen Lautsprecher statt an den Sprachprozessor und das Innenohr weiter, wie man bei einer lebenden Person verfahren würde.

Mittlere Tonhöhen in Gesprächslautstärke werden sehr wohl registriert, während es bei ruhigeren Geräuschen und im Niederfrequenz-Bereich noch Probleme gibt. Beethovens Neunte klang im Test dumpf und abgeschwächt, entsprechende Filter sollen hier jedoch in Zukunft Verbesserungen erzielen.

Kosmetik überbewertet

Sowohl herkömmliche Hörgeräte als auch Cochlea-Implantate werden immer kleiner und lassen sich teils bereits in den Hörkanal platzieren. Experten bezweifeln dennoch, dass die Sichtbarkeit des Geräts eine vorrangige Bedeutung für die Träger hat. „Träger von Cochlea-Implantaten sind meist gehörlose Kinder und ertaubte Erwachsene. Der Hörgewinn ist für sie wichtiger als die Kosmetik. Ist bei einem Versagen oder für die erneute Einstellung des Gerätes eine erneute Operation nötig, wäre dies ein erheblicher Nachteil“, betont Erika Rychard von der Cochlea-Interessengemeinschaft Schweiz.

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