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Anderes Sehen: Wie Ellen Schweizer die Klicksonar-Technik nach Deutschland brachte

Die Berlinerin hilft blinden Kindern, die Welt zu entdecken – jetzt wurde sie dafür erneut ausgezeichnet.

Ellen Schweizer (Foto: Andreas Friese)

Ellen Schweizer (Foto: Andreas Friese)

Die Zeitschrift „Bild der Frau“ hat zum siebten Mal fünf Alltagsheldinnen mit der „Goldenen Bild der Frau“ ausgezeichnet. Im Rahmen einer Gala wurde am Dienstag Deutschlands bekanntester Frauenpreis vor rund 400 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Show in der Ullstein-Halle im Berliner Axel-Springer-Haus verliehen und heute Abend unter dem Titel „Deutschlands starke Frauen – Kai Pflaume präsentiert die Show der großen Emotionen“ im Ersten ausgestrahlt.

Eine der fünf Preisträgerinnen ist Ellen Schweizer aus Berlin, die mit ihrem Verein „Anderes Sehen e.V.“ die Klicksonar-Technik (ROLLINGPLANET berichtete: „Die mit den Ohren sehen – Neue Wege für blinde Kinder“) nach Deutschland holte – eine Methode, mit der sich blinde Menschen per Zungenschnalzen besser orientieren und selbstbestimmter leben können. Für Schweizer und ihren Verein ist es bereits die zweite Auszeichnung innerhalb kurzer Zeit: Im November erhielt „Anderes Sehen“ den Anerkennungspreis der Kroschke Stiftung für Kinder.

“Klick, Klick, Klick“

Im Nachbarzimmer macht es „Klick, Klick, Klick“ – dann kommt Juli (4) um die Ecke. Die kleine Berlinerin ist blind. Die Geräusche, die sie mit ihrer Zunge macht, helfen ihr sich zu orientieren. Klicksonar heißt die Methode, die ihr und anderen blinden Menschen mehr Unabhängigkeit gibt.

Ellen Schweizer (39), die Mutter von Juli, hat die Methode aus den USA nach Deutschland geholt. Als Juli blind zur Welt kommt, suchen ihre Eltern nach Möglichkeiten, ihrer Tochter einen ebenso guten Start ins Leben zu ermöglichen wie sehenden Kindern. Aber Ellen Schweizer muss schnell feststellen, dass es in Deutschland wenig für blinde Kinder gibt.

Daniel Kish aus den USA ist der Vorreiter

Im Internet jedoch stößt die Berlinerin auf den blinden US-Amerikaner Daniel Kish. Er reist durch die Welt, wandert allein durch die Berge, fährt Rad. Kish orientiert sich dabei mittels Klicksonar, einer Form der Echo-Ortung, ähnlich wie Fledermäuse sie nutzen. Mittels kurzer Schnalzlaute der Zunge erfasst er seine Umgebung. Dem menschlichen Gehirn gelingt es dabei, das von Gegenständen zurückgeworfene Echo als Bild wahrzunehmen. Daniel Kish hat diese Methode selbst weiterentwickelt und verfeinert.

„Wir dachten, wir könnten einfach einen Kurs bei einem deutschen Klicksonar-Trainer buchen“, erinnert sich Ellen Schweizer. „Aber wir mussten feststellen, dass so etwas in Deutschland gar nicht existiert.“ Deshalb gründet Ellen Schweizer im Herbst 2011 zusammen mit ihrem Mann, Steffen Zimmermann, den Verein Anderes Sehen e.V.

“Blinde Kinder werden oft unterschätzt“

Sie fliegen Daniel Kish ein, organisieren Seminare, bei denen Trainern und Eltern die Technik beigebracht wird. Mehr als 300 Menschen sind bisher dank der Initiative im deutschsprachigen Raum in der Klicksonartechnik unterrichtet worden. Ellen Schweizer steckt all ihre Kraft und Energie in das Projekt.

Der Erfolg ist ihr Lohn. „Klicksonar gibt den Menschen zusätzliche Unabhängigkeit. Das ist fantastisch. Denn blinde Kinder werden oft unterschätzt und unterfordert“, sagt die junge Mutter aus Berlin. „Da wird oft viel Potential verschenkt.“

Kaum Frühforderung von blinden Kindern

So wie Klicksonar bisher in Deutschland nicht verbreitet war, so gibt es hierzulande auch zu wenig Zeit für Frühförderung von blinden Kindern. Blindenstöcke für kleine Kinder gibt es bis heute keine, denn den Umgang mit Blindenstöcken lernen die Kinder in der Regel erst in der Schule, also im Alter von sechs Jahren.

Bücher für blinde Kleinkinder? Fehlanzeige. Spiele mit Buchstaben in Blindenschrift? Gibt es kaum. „Wir versuchen deshalb, selbst solche Bücher herauszubringen“, erzählt Ellen Schweizer von ihrem nächsten Projekt. Ein Buch gibt es schon, viele weitere sollen folgen. „Aber die Herstellung ist enorm aufwändig und teuer. Es gibt noch viel zu tun.“

Webseite: www.anderes-sehen.de

(RP/PM)

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