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Andrea Bröker (1): Mein Leben mit dem Asperger-Syndrom

ROLLINGPLANET-Interview mit einer Autistin über Alltag, Beruf, Wahrnehmung, Gefühle – und das Anderssein. Von Lothar Epe

Selbstaufnahme: Andrea Bröker – eine Frau mit Schatten (Foto: privat)

Selbstaufnahme: Andrea Bröker – eine Fraz mit Schatten (Foto: privat)

Andrea Bröker ist müde. Gerade hat die 41-Jährige ein Probenwochenende hinter sich. Und dann noch das Konzert mit ihrem Projektchor. Besonders Johann-Sebastian Bach hat es ihr angetan. Dabei braucht sie die freien Tage dringend, um sich auszuruhen. Doch ohne Musik könnte sie nicht leben.

Andrea ist Autistin. Als bei ihr im Januar 2010 das Asperger-Syndrom festgestellt wurde, traf sie das wie ein Keulenschlag. „Es war aber gleichzeitig auch eine Art Befreiung“, sagt sie. Sie habe endlich gewusst, was bei ihr „nicht in Ordnung“ sei. Seitdem geht sie mit ihrer Erkrankung viel offensiver um als vorher.

Aufmerksam wurden wir auf Andrea aufgrund eines Kommentars, den sie zu unserem Bericht „Die 10 großen Irrtümer über Autismus und andere Fakten“ postete:

„Ich leide durchaus an meinem Autismus, direkt und indirekt. Einerseits ist es meine Andersartigkeit, die mir das tägliche Leben erschwert aufgrund der Tatsache, dass nicht alle Mitmenschen damit umgehen können, aber ich leide auch direkt unter meiner autistischen Wahrnehmung, die mich schnell überfordert und mich unter anderem daran hindert, den Beruf auszuüben, den ich mal gelernt habe und damit das Leben zu führen, das ich ursprünglich wollte.“

Das wollten wir genauer wissen. In einer dreiteiligen-Interviewserie spricht Andrea mit ROLLINGPLANET über ihre Andersartigkeit, fehlende Wahrnehmung, Einsamkeit und besondere Talente.

„Meine Familie hat mich nicht verstanden“

Andrea Bröker liebt klassische Musik (Foto: privat)

Andrea Bröker liebt klassische Musik (Foto: privat)

Seit wann weißt Du, dass Du das Asperger-Syndrom hast?

Bei mir wurde das Asperger-Syndrom im Januar 2010 diagnostiziert. Seither ist es offiziell. Gewusst habe ich das aber schon ein halbes Jahr vorher. Und dass ich irgendwie anders bin als die meisten, habe ich schon immer gespürt.

Allerdings ist die scharfe Trennung zwischen Asperger-Syndrom und dem frühkindlichen sogenannten Kanner-Autismus aus meiner Sicht nicht besonders sinnvoll. Man sollte hier eher von einer Autismus-Spektrum-Störung sprechen. Denn es gibt hier mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen diesen beiden Diagnosen. Und das erklärt besser, dass es so viele Ausprägungen von Autismus gibt.

Das Asperger-Syndrom

Als Asperger-Syndrom wird eine tiefgreifende Entwicklungsstörung innerhalb des Autismusspektrums bezeichnet, die vor allem durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation gekennzeichnet ist sowie von eingeschränkten und stereotypen Aktivitäten und Interessen bestimmt wird.

Beeinträchtigt ist vor allem die Fähigkeit, nonverbale und parasprachliche Signale bei anderen Personen intuitiv zu erkennen und intuitiv selbst auszusenden. Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten von Asperger-Autisten erscheint dadurch „merkwürdig“ und ungeschickt und wie eine milde Variante des frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom).

Da ihre Intelligenz in den meisten Fällen normal ausgeprägt ist, werden sie von ihrer Umwelt jedoch nicht als Autisten, sondern höchstens als „wunderlich“ wahrgenommen. Gelegentlich fällt das Asperger-Syndrom mit einer Hoch- oder Inselbegabung zusammen. Das Syndrom, das als angeboren und nicht heilbar angesehen wird, macht sich etwa vom vierten Lebensjahr an bemerkbar.
Quelle: Wikipedia

Wie diagnostiziert man denn Autismus?

Also gleich mal vorweg: Die Autismus-Diagnostik ist nicht einfach, und nur erfahrene Diagnostiker können eine Autismus-Diagnose sicher stellen. Daher empfielt es sich, eine spezielle Autismus-Sprechstunde aufzusuchen. Diese gibt es für Kinder und Jugendliche und auch für Erwachsene.

Aber was passiert da genau?

Für die Diagnostik von Autismus-Spektrum-Störungen gibt es Diagnosemanuale wie den ADI-R (Anm.d.Red.: Diagnostisches Interview für Autismus) für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Verdacht auf eine Störung aus dem autistischen Spektrum ab einem Entwicklungsalter von zwei Jahren und den ADOS (Diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen) mit fünf Modulen für unterschiedliche Altersstufen, mit denen die Psychiater arbeiten.

Wenn nötig, werden zum Ausschluss anderer Erkrankungen auch noch differentialdiagnostische Untersuchungen durchgeführt und besonders bei Kindern werden die Eltern miteinbezogen.

Im Internet gibt es Selbsttests…

Die werden gerne verwendet, können aber keine sichere Aussage darüber machen, ob jemand wirklich autistisch ist oder nicht. Die Ergebnisse solcher Tests können höchstens eine Tendenz aussagen, eine richtige und auch anerkannte Diagnose kann solch ein Test aber nicht sein. Es ist aber die Eigenschaft vieler Autisten, wirklich sicher sein zu wollen, woran sie sind, und diese suchen daher dann eine Spezial-Sprechstunde für Autismus-Spektrum-Störungen auf.

Wie lief die Diagnostik bei Dir konkret ab?

Ich rief die Uniklinik in Freiburg an und bat um einen Termin in der Spezialambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter, nachdem ich selbst den Verdacht hatte, autistisch zu sein. Daraufhin bekam ich einen Stapel Fragebögen zugesandt, die ich zu Hause ausfüllte und per Post zurückschickte. Die Fragebögen wurden ausgewertet, und anhand des Ergebnisses bestätigte sich mein Verdacht auf Autismus, so dass ich einen Termin bekam, um mich persönlich vorzustellen.

Dazu brauchte ich nur eine Überweisung meines Hausarztes. Manchmal gibt es hier längere Wartezeiten, aber ich hatte Glück und so hatte ich den Termin schon nach recht kurzer Zeit. Das Diagnosegespräch ging knapp zwei Stunden, und am Ende des Gespräches bekam ich mündlich meine Autismus-Diagnose genannt, einige Wochen später auch schriftlich.

Bei manchen Personen finden auch zwei Gespräche statt, je nachdem, wie eindeutig das Ergebnis ist. Ich fand das Diagnosegespräch sehr angenehm, der Psychiater war sehr freundlich und nahm sich viel Zeit für mich. Einen Monat später hatte ich nochmal einen Termin bei ihm, um zu berichten, wie es mir nun mit der Diagnose geht, falls ich noch Fragen habe oder einfach das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Ich fand das sehr schön, dass ich mit der Diagnose nicht einfach allein gelassen wurde.“

„Die Beeinträchtigungen sind sehr subtil“

Asperger-Syndrom gilt als eine eher leichtere Form des Autismus. Wie stark ist der Autismus in Deinem Fall ausgeprägt?

Bei mir ist der Autismus tatsächlich eher leichter ausgeprägt, wobei „leicht“ irreführend ist. Ich habe nicht so viele und starke Symptome wie andere Betroffene. Die Beeinträchtigungen sind sehr subtil. Aber die Auswirkungen sind gravierend, und der daraus entstehende Leidensdruck ist nicht geringer als bei sogenannten schwer betroffenen Autisten.

Was machst Du beruflich?

Ursprünglich habe ich Lebensmittelchemie studiert. In dem Bereich habe ich aber keine Arbeitsstelle gefunden. Und nach vielen Aushilfsjobs, einer IT-Fortbildung im Bereich Webdesign und einer Ausbildung zur Bürokauffrau habe ich mit viel Glück eine Arbeitsstelle als Sekretärin bei der Beratungsstelle Autismus Karlsruhe e.V. gefunden.

Wie gehen Deine Kollegen mit Deinen „Besonderheiten“ um?

Bei Autismus Karlsruhe e.V. habe ich naheliegenderweise ideale Bedingungen am Arbeitsplatz. Ich habe verständnisvolle Vorgesetzte und Kollegen und die räumliche und zeitliche Struktur am Arbeitsplatz, die ich benötige.

Ich habe meinen Arbeitsplatz in einem reizarmen Büro, so dass ich mich besser auf meine Arbeit konzentrieren kann. In einem Großraumbüro wäre ich durch die vielen Reize, die ich autismusbedingt nicht filtern kann, derart abgelenkt, dass meine Arbeitsleistung darunter leiden würde.

Anweisungen werden direkt und eindeutig gegeben, und wenn es doch zu Missverständnissen kommt, dann gibt es jederzeit die Möglichkeit, darüber zu reden und dies zu klären. Außerdem habe ich Unterstützung durch den Integrationsfachdienst, wenn es nötig sein sollte.

Wie sind Deine Eltern mit Deinem „Anderssein“ umgegangen?

Mein Vater lebt nicht mehr, seit ich zwei Jahre alt bin. Den Kontakt zu meiner Mutter und Schwester habe ich vor einigen Jahren abgebrochen. Sie hatten mich aufgrund meiner „Andersartigkeit“ schon immer abgelehnt. So eine Familie brauche ich nicht. Insofern wissen die im Grunde auch gar nichts von meinem Autismus.

„An die meisten Jahre erinnere ich mich nicht gerne zurück“

Dein Familienleben war also schwierig…

Ja. Als ich noch mit meiner Mutter und Schwester zusammenlebte, war dies für mich eine sehr schwere Zeit. Sie verstanden meine Andersartigkeit nicht und standen auch nie wirklich hinter mir. Damals hatte ich keine Freunde und war sehr einsam. In dieser Zeit waren meine Bücher meine einzigen treuen Gefährten.

Du hattest also auch keine besondere Betreuung?

Nein.

Du hast eine normale Schule besucht?

Ja.

Wie bist Du da klar gekommen?

An die meisten Jahre erinnere ich mich nicht gerne zurück, und ich habe noch heute Albträume, wenn ich an diese Zeit zurück denke. Ich hatte besonders auf dem Gymnasium große Probleme mit meinen Klassenkameraden. Die haben mich ausgelacht und waren nicht besonders nett zu mir. Auch mit den meisten Lehrern hatte ich Schwierigkeiten. Damals hatte ich keine Freunde, keinen Rückhalt zu Hause und niemandem, dem ich wirklich vertrauen konnte. Das war eine sehr einsame Zeit.

Wie reagieren heute Menschen auf Dich?

Ich gehe sehr transparent mit meiner Behinderung um, seit ich meine Diagnose habe und mein Anderssein damit endlich einen Namen hat. Das macht es für alle einfacher.

Die Leute wissen so, dass ich manche Dinge nicht oder nicht gut kann und können damit besser umgehen, mir eventuell helfen oder einfach etwas Geduld mit mir haben. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach, was aber früher oftmals dumme Sprüche als Reaktion ergab, denn manchmal sind es scheinbar einfachste Dinge, die mir Schwierigkeiten bereiten, während ich komplizierte Dinge mühelos erledige.

Heute erkläre ich, warum ich „so doof“ frage, wenn diese Reaktion kommt, und die meisten gehen sehr positiv damit um, und meist bekomme ich dann statt Gelächter tatsächlich eine Antwort, die mir hilft.

Das macht alles einfacher, oder?

Wo mir viele früher Unhöflichkeit oder Arroganz unterstellten und mich einfach nur komisch fanden, begegnen sie mir heute mit mehr Verständnis, wenn ich ihnen erkläre, dass mein Anderssein von einer angeborenen Behinderung kommt. Es ist auch okay, wenn mich jemand trotz der Erklärung, dass ich Autistin bin, seltsam findet, das ist ein Gefühl, das ich meinem Gegenüber durchaus zugestehe. Aber weil dieser eben mit mir dennoch positiver umgeht, ist das für mich angenehmer.

Teil 2 unseres Interviews: „Ich höre Geräusche, die andere nicht wahrnehmen“

Autismus
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1 Kommentar

  • Michelle

    Es ist immer wieder aufs neue absolut magisch zu erfahren, wie andere Asperger mit ihrem Leben umgehen.
    Ich bin 23 Jahre alt und ebenfalls eines der „wenigen“ Asperger-Mädchen. Nach jahrelanger Therapie kam für mich Anfang des Jahres 2014, endlich die Gewissheit über mein anders Sein.

    „[…]aber ich leide auch direkt unter meiner autistischen Wahrnehmung, die mich schnell überfordert und mich unter anderem daran hindert, den Beruf auszuüben, den ich mal gelernt habe und damit das Leben zu führen, das ich ursprünglich wollte.“

    Liebe Andrea Bröker, genau so fühlt es sich an! Meine Metapher dazu: „Zwischen uns und den anderen ist Glas“.
    Die Empfindungen unterscheiden sich immens.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute!
    -Michelle

    22. Februar 2015 at 20:31

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