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Andrea Bröker (3): „Warum ich meine Gefühle nicht zum Ausdruck bringen kann“

Letzter Teil des ROLLINGPLANET-Interviews mit einer Autistin, die von sich sagt, dass sie nur ein Aggregat aus organischen Molekülen ist. Von Lothar Epe

"Die Kommunikation mit Tieren, für mich insbesondere die mit Pferden, ist einfacher, klarer und ehrlicher", sagt Andrea (Foto: privat)

„Die Kommunikation mit Tieren, für mich insbesondere die mit Pferden, ist einfacher, klarer und ehrlicher“, sagt Andrea (Foto: privat)

Teil 1: Mein Leben mit dem Asperger-Syndrom
Teil 2: „Ich höre Geräusche, die andere nicht wahrnehmen“

Andrea Bröker hat das Asperger-Syndrom, das als Autismus-Spektrum-Störung gilt. In den ersten beiden Folgen unseres Interviews berichtete die 41-jährige, wie sie die Diagnose erhielt und wie diese ihr half, offensiv mit ihrer Behinderung umzugehen. Sie schilderte, wie Reize sie überfordern können und warum sie Ironie oft nicht erkennt. Im letzten Teil des Gesprächs erzählt Andrea, die in Karlsruhe lebt und arbeitet, unter anderem von ihrer Liebe zu Pferden, ihren Talenten – und was sie sich von der Politik erhofft.

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Autismus-Spektrum-Störungen

Es wird zwischen frühkindlichem Autismus, dem Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus unterschieden. Weil in der Praxis zunehmend leichtere Formen der einzelnen Störungsbilder diagnostiziert werden und die Unterscheidung in der Praxis immer schwerer fällt, werden die unterschiedlichen Ausprägungen unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst.
Menschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Deshalb wirken ihre Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen – in unseren Normvorstellungen – selten angemessen, und sie haben Schwierigkeiten, ihr Verhalten an eine soziale Situation anzupassen.
Auch die Entwicklung des Sprachgebrauchs und des Sprachverständnisses ist betroffen: Autistischen Menschen fällt es schwer, etwa ihre Sprachmelodie oder ihre Tonlage an die Situation anzupassen. Ebenso gebrauchen sie kaum Gestik, um den Sinn einer Aussage zu unterstreichen.
Mehr Infos zu diesem Thema finden Sie bei ROLLINGPLANET unter anderem hier: Die 10 großen Irrtümer über Autismus und andere Fakten
Quelle: autismus Deutschland e.V. [/su_note]

„Ich bin nur ein Aggregat aus organischen Molekülen, ein Klumpen Materie“

Bist Du dazu in der Lage, anderen gegenüber Gefühle zu zeigen?

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich habe als Autistin auf jeden Fall Gefühle, auch wenn uns das in der Presse und aufgrund von Klischees gerne abgesprochen wird. Aber diese Gefühle selbst wahrzunehmen ist mir oft nicht oder nur schwer möglich. Und um sie zum Ausdruck zu bringen ist mir intuitiv möglich, wie das bei anderen der Fall ist.

Wie sieht das praktisch aus?

Oft bekomme ich Rückmeldungen über meine Mimik, die überhaupt nicht zu dem passt, was ich an Gefühlen tatsächlich wahrnehme. Und es ist für mich extrem belastend, dass ich jenen Menschen, die mir etwas bedeuten, meine Gefühle nicht so zum Ausdruck bringen kann, dass sie mich verstehen. Genauso wenig kann ich deren Gefühle lesen, und ich bin mir daher nie sicher, ob sie mich auch mögen oder nicht.

Manchmal hilft es mir, wenn ich verbal ausdrücke, was ich fühle oder für sie empfinde. Ich habe dabei aber immer Angst, ich könnte zu aufdringlich sein oder nicht gehört werden. Das richtige Maß zu finden ist da äußerst schwierig.

Man sagt, Autisten leben in einer anderen Welt. Würdest Du sagen, dass das auf Dich zutrifft?

Nein, ich lebe in derselben Welt wie alle anderen auch. Ich nehme die Welt nur anders wahr als die meisten anderen Menschen.

„Frühförderung ist extrem wichtig“

Hast Du besondere Talente?

Ich habe ein gutes Gedächtnis für Daten und Fakten der Wissensgebiete, die mich interessieren, manche würden das vielleicht schon als lexikalisches Wissen bezeichnen. Ich habe außerdem ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, ein visuelles Gedächtnis und viel Geduld, wenn es darum geht, mich intensiv mit etwas zu befassen. Und ich kann gut singen.

Für wie wichtig hältst Du eine Frühförderung?

Frühförderung ist extrem wichtig. Je früher man einem autistischen Kind mit Therapien und anderen Möglichkeiten hilft, umso besser ist die Prognose.

Wie sollte solch eine Frühförderung aussehen?

Dabei darf es nicht darum gehen, das Kind „gleichzuschalten“ oder gar zu „dressieren“, wie oft diesen Methoden vorgeworfen wird, sondern ihm Möglichkeiten und Strategien aufzuzeigen, in dieser Welt zurechtzukommen und möglichst selbstständig zu werden.

Und natürlich geht es darum, die Talente zu fördern, wie bei jedem anderen Kind auch.

Womöglich wird das Leben eines autistischen Kindes in der Zukunft anders aussehen als das anderer Kinder. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass es ein schlechteres Leben haben wird. Jeder muss einfach seinen Weg gehen können und dürfen und insofern ist jeder Weg gut und richtig.

Andrea im Selbstporträt (Foto: privat)

Andrea im Selbstporträt (Foto: privat)

Würdest Du Autismus wegen der „Andersartigkeit“ als eine Art Bereicherung in unserer eher „stereotypen“ Gesellschaft, die Probleme mit Vielfältigkeit hat, betrachten?

Selbstverständlich können autistische Menschen eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellen. Wir sind ja genauso Menschen mit Schwächen, aber auch mit Stärken. Und viele Autisten sind äußerst loyale und treue Mitarbeiter oder Freunde. Wer wünscht sich das nicht?

Aber diese Gesellschaft hat leider das Problem, sich auf die Andersartigkeit nicht oder nur ungern einzulassen. Da muss noch viel getan werden. Aber ich denke, das ist kein autismusspezifisches Problem. Das haben alle Menschen mit einer Behinderung, da die Gesellschaft dazu neigt, alles von der Norm Abweichende nicht zu akzeptieren.

Asperger-Syndrom

Menschen mit Asperger-Syndrom haben für gewöhnlich eine normale Sprachentwicklung. Dennoch haben sie Schwierigkeiten bei der Kommunikation: Sie haben Probleme beim Erkennen sowie beim Einsatz von Mimiken und Gestiken und eher eine monotone Sprechweise. Ihre Fähigkeit, durch Veränderung des Tonfalls, durch den Gesichtsausdruck oder durch Handbewegungen das Gesagte zu verdeutlichen, ist beeinträchtigt.
Häufig sind Menschen mit Asperger-Syndrom motorisch ungeschickt. Die meisten von ihnen besitzen eine normale allgemeine Intelligenz; in Teilgebieten kann ihre Intelligenz besonders hoch sein. Oft wird die Diagnose Asperger-Syndrom erst im Jugend- oder Erwachsenenalter gestellt – – wie bei Andrea.
Quelle: autismus Deutschland e.V.

Lass mich noch mal nachhaken: Leidest Du unter Deinem Autismus als Behinderung oder „leidest“ Du unter der Gesellschaft, die versucht, Autisten zwanghaft in ein bestimmtes System hinein zu drücken?

Sowohl als auch. Ich empfinde meinen Autismus als Behinderung, da ich in der Kommunikation mit anderen Menschen einfach nicht die Fähigkeiten habe wie andere, und ich somit immer wieder an meine Grenzen stoße.

Wir stoßen alle immer wieder an unsere Grenzen…

Aber ich leide auch unter der Gesellschaft, die mit meiner Andersartigkeit nicht umzugehen weiß und mich deshalb ausgrenzt. Dabei sind für mich besonders jene Leute belastend, die mir sagen, ich müsse mich nur anstrengen und wollen, dann könnte ich schon alles lernen und den Autismus überwinden.

Aber Autismus ist angeboren und unheilbar. Es ist anstrengend, das immer wieder zu erklären, mich zu rechtfertigen und auf Ablehnung zu stoßen, weil ich die „guten Ratschläge“ der Leute nicht befolge und in deren Augen ja „nur nicht will“, „zu blöd dazu“ bin oder gar „nur nicht gesund werden will“. Da würde ich mir einfach mehr Akzeptanz wünschen, sein zu dürfen, wie ich nun mal bin.

Etwas Besonderes bin ich dabei nicht. Ich bin nur ein Mensch, ein Aggregat aus organischen Molekülen, ein Klumpen Materie, der in der Lage ist, über sich selbst nachzudenken in diesem riesigen Kosmos, was ich wiederum kurios finde. Ich habe da einen etwas eigentümlichen Humor.

„Tiere sind unvoreingenommen und lügen nicht“

Ich habe auf Deiner Webseite gesehen, dass Du Pferde liebst. Hat es was damit zu tun, das Tiere einfach unvoreingenommener sind und besser „zuhören“ können als Menschen?

Die Kommunikation mit Tieren, für mich insbesondere die mit Pferden, ist einfacher, klarer und ehrlicher. Die Tiere kommen unvoreingenommen auf mich zu, und sie lügen nicht. Mir tun sie auch einfach nur gut, gerade wenn ich mal wieder tiefer in einer Depression stecke. Da wenden sich viele Menschen ab. Aus Unsicherheit. Und weil ich da nicht so gesprächig bin.

Diese Aufnahme von Andrea entstand wenige Tage vor unserem Interview (Foto: privat)

Diese Aufnahme von Andrea entstand wenige Tage vor unserem Interview (Foto: privat)

Sind Pferde wirklich so feinfühlig, wie man ihnen nachsagt?

Bei den Pferden muss ich nicht reden, wenn ich nicht mag. Sie spüren regelrecht, wie es mir geht, und sind besonders sanft. Die Pferde geben mir so unglaublich viel. In ihrer Nähe gehe ich aufrechter, ich spreche melodiöser, ich fühle mich erhabener, wenn ich mit ihnen meine Zeit verbringe. Ich bin ein Teil von ihnen, und sie verstehen mich besser als mancher Mensch. Die Kommunikation mit ihnen ist klar und ehrlich.

Und sie sehen mir weder in den Geldbeutel noch auf meine Kleidung. Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich ihnen nicht in die Augen sehe. Ihnen ist es egal, ob ich beruflich erfolgreich bin. Sie nehmen mich so, wie ich bin. Ich muss mich nie verstellen. Ich kann einfach sein.

Im Umgang mit Menschen bin ich immer unsicher, aber bei den Pferden bin ich niemals unsicher. Ich kann ihnen Ruhe und Sicherheit geben, und dafür bekomme ich ihr Vertrauen. Wenn es mir nicht gut geht und ich erschöpft bei ihnen auf der Koppel liege, integrieren sie mich in ihre Herde und passen auf mich auf.

Ist Dein Hobby „Modellpferde“ so eine Art Kompensation dafür, dass Du zur Zeit keine echten Pferde haben kannst?

Ja, die Modelle sind ein kleiner Ersatz für die echten Pferde, die ich mir im echten Leben zur Zeit nicht leisten kann. Zudem bastele und photographiere ich gerne. Ich mag es, in die Modellszenen Details einzubauen, auf die die meisten Leute gar nicht achten würden. Und die Geschichten, die ich dazu schreibe, sind meinem realen Leben entnommen und mit dem ergänzt, was ich nicht haben kann, aber gerne hätte. Leider haben die Modellpferde keine Samtnasen und keine Seele.

„Die meisten Autisten sind trotz hoher Qualifikation arbeitslos“

Welche Forderungen hast Du an die Politik, damit sich in der Betreuung von Autisten und im Umgang damit ganz generell etwas zum Positiven entwickelt?

Ich fordere von der Politik, dass Eltern autistischer Kinder Diagnose, Therapie, Unterstützung und was eben nötig ist, schneller und unbürokratischer erhalten. Die Erziehung eines autistischen Kindes ist an sich schon eine große Herausforderung, da sollte nicht noch unnötiger und zusätzlicher Stress durch Ämter und Behörden entstehen.

Die Eltern sollten stattdessen ihre ganze Kraft für ihre Kinder und sich selbst verwenden können, denn nur so können autistische Kinder bestmöglich ihre Fähigkeiten ausbilden, ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln und die Familien ein zufriedenes Leben führen.

Ich wünsche mir, dass diese Kinder später erwachsene Autisten sein werden, die es leichter haben als wir erwachsenen Autisten heute.

Die meisten erwachsenen Autisten sind arbeitslos, oftmals über lange Zeit, trotz hoher Qualifikation! Der Arbeitsmarkt muss sich auf Menschen mit Behinderung und damit auch auf Autisten einstellen und diese beschäftigen. Dazu gehört auch, dass in dieser Gesellschaft Menschen mit Autismus, aber auch anderen Behinderungen, ganz selbstverständlich dazugehören.

Wie sieht Dein Traum von einem perfekten Leben aus?

Wäre mein Leben perfekt, so hätte ich eine Arbeitsstelle als Chemikerin, würde da womöglich etwas Interessantes erforschen. Ich würde damit ein Gehalt beziehen, mit dem ich mir nicht nur Essen und Wohnung leisten kann, sondern auch meine Freunde zum Essen einladen könnte, eine Altersvorsorge und ein Friesenpferd, mit dem ich in einer Quadrille reiten und schöne Ausritte machen kann.

Lebst Du in einer Beziehung? Hast Du Kinder?

Nein, das wäre mir zu viel Nähe. Und mit Kindern wäre ich heillos überfordert.

Danke für das Gespräch!

Andrea Bröker

Wer Fragen hat, kann gerne Andrea schreiben:

[email protected]
(für blinde Menschen/Braille-Zeile: andrea unterstrich broeker at web dot de)

Andrea hat außerdem eine eigene Webseite:

www.polygonos.net

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