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Angekündigte Kopftransplantation: Dr. Sergio Canavero – ist er genial oder einfach nur größenwahnsinnig?

„Monumentaler Eingriff“: Der italienische Chirurg will im Frühjahr in die Geschichtsbücher eingehen. Von Annett Stein

Chirurg Sergio Canavero erläutert an einem Bildschirm im Traumatologisch-orthopädischen Zentrum (Centro Traumatologico Ortopedico, CTO) in Turin seinen Eingriff an einem 20-jährigen Mädchen, das dadurch aus dem Koma in den Wachzustand zurückgekehrt ist. (Archivfoto von 2008: Sismondi/Fotogramma/Sismondi/Fotogramma/ROPI/IPA srl/dpa)

Chirurg Sergio Canavero erläutert an einem Bildschirm im Traumatologisch-orthopädischen Zentrum (Centro Traumatologico Ortopedico, CTO) in Turin seinen Eingriff an einem 20-jährigen Mädchen, das dadurch aus dem Koma in den Wachzustand zurückgekehrt ist. (Archivfoto von 2008: Sismondi/Fotogramma/Sismondi/Fotogramma/ROPI/IPA srl/dpa)

Wie die weltweit erste Kopftransplantation ablaufen soll, hat Sergio Canavero genau vor Augen: In einem mindestens 200 Quadratmeter großen Operationssaal arbeiten Spezialisten an Spender und Empfänger, die fixiert in Metallgestellen sitzen. „100 Experten aus aller Welt werden diesen monumentalen Eingriff wagen“, schreibt der italienische Neurochirurg in seinem Buch „Medicus Magnus“ zum Prozedere.

Ursprünglich für 2017 angekündigt, solle nun im kommenden Frühjahr der Kopf eines schwerkranken Menschen auf den Körper eines hirntoten Spenders gesetzt werden. So zumindest kündigt es der Verlag mit Verweis auf Canavero an, der aus Turin stammt und dort als Neurochirurg gearbeitet hat. Im Internet gibt es Bücher von ihm über die Eroberung von Frauen zu kaufen. Auf Fotos zeigt er sich durchtrainiert und muskulös, Eitelkeit kann ihm nicht fremd sein.

Seine Ankündigung wirkt vor allem deshalb so irrwitzig, weil jedwede wissenschaftliche Vorstufe fehlt: Weder wurden in den vergangenen Jahren massenhaft Tierköpfe erfolgreich verpflanzt, noch wurden reihenweise Menschen vermeldet, die nach Rückenmarksverletzungen geheilt wurden. Das Urteil aus Fachkreisen hat darum seit den ersten Ankündigungen Canaveros nicht an Eindeutigkeit verloren: „Reine Publicity“, sagt Edgar Biemer von der Praxisklinik Caspari in München, der in Deutschland an einer spektakulären Armtransplantation beteiligt war.

Glauben an das Große verlernt?

Tausende Arbeitsgruppen arbeiteten seit Jahrzehnten daran, bei Gelähmten die Verletzung des Rückenmarks zu überbrücken – mit kleinen Teilerfolgen, aber ohne echten Durchbruch. „Die Verbindung zum Rückenmark bei einer solchen Transplantation wieder herzustellen, halte ich für absolut unmöglich. Auch Veit Braun, Chefarzt der Neurochirurgie am Diakonie Klinikum Siegen, betont: „Wenn ich ein Rückenmark vom Kopf abtrenne, dann ist das hin, und zwar ein für alle Mal.“

Ein Chinese werde derjenige sein, der einen anderen Körper unter seinen Kopf gesetzt bekommt, verkündet Canavero, und überwiegend chinesisch auch das Spezialistenteam, darunter zwölf Chirurgen, Ärzte anderer Fachrichtungen, Techniker und Ingenieure. „China will mit der ersten Kopftransplantation seine Stellung als neue Supermacht auch in der Medizin untermauern.“

In Europa oder Amerika habe man den Glauben an das Große verlernt, hatte Canavero kürzlich der Deutschen Presse-Agentur gesagt. „Wir Menschen aus dem Westen stehen nicht mehr an der Spitze, wir haben aufgehört zu träumen.“ Wenn der Mediziner redet, ist alles „unglaublich“ oder „groß“. Seine Sätze strotzen vor Superlativen, sein Projekt hält er für mindestens ebenso wichtig wie die
Mondlandung.

Die Rolle der chinesischen Mediziner

„Es geht hier um Ehrgeiz und nicht um die Sache an sich“, sagte Uwe Meier vom Berufsverband Deutscher Neurologen vor einiger Zeit zu Canaveros Ankündigungen. Dass dem Italiener vor allem an Ruhm und Ehre gelegen sein dürfte, lässt er auch in seinem Buch durchblicken. Immer nur der erste, der etwas Neues wage, lande in den Geschichtsbüchern, schreibt er da und stellt sich auf eine Stufe mit dem Impfstoff-Entwickler Louis Pasteur und Christiaan Barnard, dem die erste gelungene Herzverpflanzung glückte. „Um die Menschheit zu verändern, muss man mutig sein – manche sagen auch ein Draufgänger.“

Und der Patient? Hat der nicht ein hohes Risiko, beim Umsetzen seines Kopfes zu sterben? „Ja, hat er“, schreibt Canavero. „Jede andere Aussage wäre nicht ehrlich.“ Ein Grund zum Abwarten ist das für ihn aber nicht. „Dürfen ethische Bedenken einen Wissenschaftler hindern, zum Wohle der Menschheit moralische Grenzen, wie sie eine Gesellschaft versteht, zu überschreiten? Meine Antwort ist eindeutig: Nein.“

Zweiter Hauptakteur in dem schon Jahre währenden Schauspiel ist Ren Xiaoping von der Medizinischen Universität in Harbin in Nordostchina. Canavero bezeichnet den Mediziner in seinem Buch als „langjährigen Freund und Partner“. Der allerdings dürfte die Beziehung als nicht ganz so eng empfinden: Immer wieder wies er die Ankündigungen Canaveros zurück. So auch diesmal. „Es ist noch ein langer Weg bis zu einer Kopftransplantation“, wurde Ren Xiaoping kürzlich von der Pekinger Zeitung „Xinjingbao“ zitiert. „Wann können wir es machen? Ich weiß es auch nicht.“

Eher anatomische Forschung als Operation?

Zur Vorbereitung gab es Ende vergangenen Jahres einen Versuch mit Leichen, die Ergebnisse wurden vor einigen Tagen im Fachblatt „Surgical Neurology International“ veröffentlicht: In 18 Stunden sei an der Universität in Harbin der Kopf einer frischen männlichen Leiche auf den Körper einer anderen gesetzt worden. Zwei Teams aus je fünf Chirurgen hätten dabei simultan Schritt für Schritt alle verbindenden Elemente gekappt – wie Arterien, Luftröhre, Speiseröhre, Muskeln und Sehnen – und am zweiten Körper wieder angeschlossen.

Grafiken verdeutlichen die einzelnen Schritte. „Wir werden die ethischen Aspekte der Prozedur nicht kommentieren, weil sie an anderer Stelle schon erschöpfend behandelt wurden“, heißt es in dem Beitrag von Sergio Canavero, Ren Xiaoping und sechs weiteren chinesischen Autoren. Zu den weitergehenden Plänen wird erklärt, die nächste Stufe sei eine Test-OP an hirntoten Spendern mit schlagendem Herzen.

Bis zu einem Eingriff an einem ersten echten Patienten werde noch viel Zeit vergehen, sagte Ren Xiaoping vor chinesischen Journalisten. Mit dem Leichen-Experiment sei lediglich ein erstes Operationsmodell geschaffen worden. „Das ist es.“ Hu Yongsheng vom Xuanxu Hospital der Medizinischen Universität in Peking sagte der Zeitung „Global Times“, der Eingriff könne technisch nicht als Operation bezeichnet werden, sondern sei nur „anatomische Forschung“. Mehr Untersuchungen an Tieren seien nötig, wenn es darum geht, wie das Rückenmark wieder verbunden werden könne.

Was ist mit dem Rückenmark?

„Der kritische Teil ist die Aktivierung der Nervenfasern im Rückenmark“, schreibt auch Canavero selbst in seinem Buch. Dass alle Nerven wieder zusammenwachsen, sei unmöglich. Zumindest teilweise sollte eine Wiederherstellung der Motorik aber gelingen, hofft der Italiener. Der Münchner Chirurg Edgar Biemer glaubt nicht daran. „Das Rückenmark ist ein extrem komplexes Geflecht.“ Viele entscheidende Körperfunktionen wie Atmung und Herzschlag würden vom Gehirn aus gesteuert – was nach einer Transplantation nicht mehr funktionieren dürfte. Im besten Fall habe man einen Patienten mit funktionierendem Gehirn, der keine Kontrolle über den Körper habe, sagt auch der Neurochirurg Veit Braun.

Ren Xiaoping präsentierte dieser Tage das Video eines Hundes, bei dem er das Rückenmark durchtrennt und mit der Substanz Polyethylenglycol (PEG) wieder verbunden haben will. Das Jungtier habe wieder laufen können – inwiefern das stimmt, lässt sich kaum überprüfen. Für die erste Kopftransplantation an einem lebenden Menschen hätten sich schon „viele Freiwillige“ aus China und dem Ausland bei ihm gemeldet. „Eines Tages, wenn die wissenschaftlichen und technischen Fragen gelöst sind, werden wir einen dieser Patienten aussuchen“, sagte Ren Xiaoping. „Aber ich denke, es ist noch zu früh.“

Was jetzt Waleri Spiridonow macht

Galt bisher als Kandidat für die Kopftransplantation, will davon aber nun nicht mehr allzu wissen: Waleri Spiridonow (Foto: dpa)

Galt bisher als Kandidat für die Kopftransplantation, will davon aber nun nicht mehr allzu wissen: Waleri Spiridonow (Foto: dpa)

Bisher war stets der Russe Waleri Spiridonow als Kandidat gehandelt worden, der mit einer seltenen Form des Muskelschwunds lebt und im Rollstuhl sitzt (ROLLINGPLANET berichtete: Fast so einfach wie Spaghetti kochen: Chirurg will Kopf eines Rollstuhlfahrers transplantieren). Ein russischer Kopf passe nicht gut auf einen chinesischen Körper, heißt es dazu nun in Canaveros Buch lapidar. Der Deutschen Presse-Agentur hatte er vor einiger Zeit gesagt: „Die Russen wollen nicht für ein neues Leben von Waleri Spiridonow zahlen.“ Der Eingriff werde immerhin mehrere Millionen Euro kosten. „Für mich ist dieses Kapitel abgeschlossen“, schrieb Spiridonow in sozialen Netzwerken. „Ich beschäftige mich lieber mit meinem Leben, der Familie und meiner Arbeit.“ Er sehe für sich andere Möglichkeiten wie eine Stütze aus Metall für seine Wirbelsäule, erklärte der 32-Jährige weiter.

Ren Xiaoping findet entschuldigende Worte für seinen Partner – etwa dafür, dass dieser so sehr das Licht der Öffentlichkeit sucht. „Die Persönlichkeiten von Leuten sind unterschiedlich», sagte er der Nachrichtenagentur Xinhua. „Es gibt auch Unterschiede zwischen der chinesischen und westlichen Kultur.“ Für eine Kopftransplantation gebe es noch keinen Zeitplan und keinen bestimmten Ort, widersprach er Canavero. Auch Biemer ist wie wohl die allermeisten Experten überzeugt: „Das Frühjahr wird dahinschwinden, ohne dass das passiert ist.“

(dpa)

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