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Angelina Jolie und die Angst vor dem genetischen Brustkrebs: 10 Fakten

ROLLINGPLANET beantwortet wichtige Fragen: Wann liegt ein erbliches Risiko vor? War die Amputation wirklich notwendig? Wie reagierte Brad Pitt?

"Brangelina": Angelina Jolie und Brad Pitt gelten als das Traumpaar in Hollywood  – und jetzt mehr denn je (Foto: dpa)

„Brangelina“: Angelina Jolie und Brad Pitt gelten als das Traumpaar in Hollywood – und jetzt mehr denn je (Foto: dpa)

US-Schauspielerin Angelina Jolie (37) hat sich aus Angst vor einem genetisch bedingten Krebsleiden beide Brüste amputieren lassen (ROLLINGPLANET berichtete). Wichtige Fakten zu diesem Thema:

1. Wie viele Frauen sind betroffen?

In Deutschland erhält rund jede achte Frau im Laufe ihres Lebens die Diagnose Brustkrebs. Jährlich erkranken rund 75.000 Frauen an ihr. Viele Fälle können bei rechtzeitiger Vorsorge früh erkannt und geheilt werden. Wird der Tumor entdeckt, wenn er kleiner als zwei Zentimeter groß ist, liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei 90 Prozent.

2. Welche Vorsorge übernimmt die Krankenkasse?

Frauen zwischen 30 und 49 sowie über 70 Jahren können sich einmal im Jahr vorsorglich untersuchen lassen und erhalten die Kosten ersetzt. Der Frauenarzt fragt dabei nach Beschwerden (zum Beispiel Müdigkeit, Kraftlosigkeit) oder Veränderungen (zum Beispiel harte Stellen in der Brust), tastet Brust und Lymphknoten ab. Außerdem erklärt er die Selbstuntersuchung für zu Hause. Frauen zwischen 50 und 69 Jahren können zusätzlich alle zwei Jahre zur Mammografie gehen. Das ist eine Röntgenuntersuchung der Brust, bei der sehr kleine, nicht tastbare Tumore entdeckt werden können.

3. Wie entsteht Krebs?

Krebs entsteht durch Veränderungen in den Genen. Bei jedem zehnten bis zwanzigsten Fall aller Brust- und Eierstockkrebsfälle werden diese genetischen Veränderungen vererbt, also an die Nachkommen weitergegeben. Meistens ist dabei das so genannte BRCA1- (wie bei Angelina Jolie) oder das BRCA2-Gen involviert.

Mit verändertem BRCA1-Gen erkranken durchschnittlich zwischen 60 und 80 Prozent der Betroffenen an Brustkrebs, mit verändertem BRCA2-Gen zwischen 45 und 80 Prozent.

4. Was ist sporadischer und genetischer Krebs?

Bei Erkrankungen wird unterschieden zwischen „sporadischem Brustkrebs“ – er trifft über Generationen hinweg nur eine oder wenige Betroffene in einer Familie – und genetischem Krebs (BRCA1, BRCA2), der vererbt werden kann.

Angelina Jolies Mutter starb an Krebs. Damit beginnt auch der Bericht der Schauspielerin in der heutigen „New York Times“: „Meine Mutter kämpfte fast ein Jahrzehnt gegen den Krebs. Sie starb mit 56 Jahren. Sie hielt lange genug aus, um das erste ihrer Enkelkinder zu treffen und es in ihren Armen zu halten. Aber meine anderen Kinder werden nie die Chance haben, sie kennenzulernen und zu erfahren, wie herzlich und liebenswürdig sie war.“

5. Was bedeutet BRCA?

Der Begriff BRCA (BReast CAncer) stammt aus dem Englischen und bedeutet Brustkrebs. Auch das Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, kann über dieses Gen vererbt werden. Sowohl Mutter als auch Vater können Träger der Genveränderung sein.

6. Muss wirklich vorsorglich die Brust amputiert werden?

In den USA, Großbritannien oder in den Niederlanden ist eine vorbeugende Brustamputation bei Risikopatienten viel häufiger als in Deutschland. In England entscheiden sich etwa 50 Prozent der genetisch vorbelasteten Frauen für eine vorsorgliche Amputation, in Deutschland wählen nur etwa drei Prozent der Frauen, die vorbelastet aber noch nicht erkrankt sind, diese Option.

Der Nutzen der radikalen Maßnahme ist zwar weitgehend unbestritten (bei 90 Prozent der Vorbelasteten bricht danach kein Brustkrebs aus). Dennoch streiten sich Experten, ob sie wirklich nötig ist. Früherkennungs- und Behandlungsmethoden sind mittlerweile so weit entwickelt, dass man Frauen diesen körperlich und psychisch harten Eingriff ersparen könnte, argumentieren viele Onkologen (siehe übernächsten Punkt).

7. Wird die Brust wieder aufgebaut? Welche Methoden gibt es?

In den meisten Fällen wird die Brust gleich nach der Entnahme des Brustdrüsengewebes wieder mit einem Implantat aufgebaut – in einer einzigen Operation. „Die Patientin entscheidet zuvor gemeinsam mit dem Arzt, ob die Brustwarze erhalten werden soll“, sagt Kristin Bosse vom Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Tübingen.

Für letzteres muss auch ein Teil der Brustdrüse bleiben – was das Risiko für Krebs wieder leicht erhöhen kann. Implantate sind unkompliziert einzusetzen, können im Verlauf der Jahre aber Probleme bereiten und sich schmerzhaft verkapseln. Deshalb entscheidet sich ein kleinerer Teil der Frauen dafür, die Brust mit eigenem Körpergewebe wieder aufzubauen. „Das ist etwas für die Ewigkeit“, sagt Bosse. Allerdings sind dazu mehrere Operationen nötig, auch zur Entnahme des Unterhautfettgewebes an anderen Körperstellen.

8. Welche Alternativen gibt es zur vorsorglichen Brustentfernung?

Bei einer Mutation des BRCA1-Gens sollte ein engmaschiges Screening ab dem 25. Lebensjahr oder alternativ fünf Jahre vor dem frühesten Erkrankungsalter in der Familie erfolgen. Dieses umfasst folgende Maßnahmen: regelmäßige Selbstuntersuchung der Brust (monatlich); die klinische Tastuntersuchung der Brust, Ultraschalluntersuchung, Bestimmung von Tumormarkern, z.B. CA 12-5, eventuell Ultraschall der Ovarien (jeweils halbjährlich); Kernspintomographie (MRT) der Brust (jährlich), Mammographie ab dem 30. Lebensjahr (jährlich).

9. Komme ich aus einer Hochrisikofamilie?

Wenn eine der folgenden Konstellationen in Ihrer Familie zutrifft, ist Ihr genetisches Krebsrisiko erhöht und Sie sollten dringend zur Vorsorge:

  • mindestens zwei Frauen in der Familie sind oder waren an Brustkrebs erkrankt, davon mindestens eine vor dem 51. Lebensjahr
  • drei Frauen mit Brustkrebs in der Familie (unabhängig vom Erkrankungsalter)
  • eine Erkrankung in der Familie mit einseitigem Brustkrebs und einem Erkrankungsalter vor dem 31. Lebensjahr
  • ein Fall von beidseitigem Brustkrebs in der Familie, wobei die erste Erkrankung im Alter von 41 Jahren oder früher aufgetreten ist
  • ein Fall von Eierstockkrebs in der Familie, wenn die Erkrankung vor dem 41. Lebensjahr aufgetreten ist
  • ein Fall in der Familie mit Brust- und Eierstockkrebs
  • zwei oder mehr Fälle von Eierstockkrebs in der Familie.

10. Wie, wo und zu welchem Zweck wird ein Gentest durchgeführt?

Für die genetische Analyse einer Person ist eine Blutentnahme erforderlich. Das entnommene Blut wird dann molekulargenetisch (DNA-Analyse) untersucht. Derzeit zahlen die meisten gesetzlichen und privaten Krankenkassen einen Gentest auf Veränderungen in den beiden Genen BRCA1 und BRCA2.

Einen solchen Gentest führen neben den Zentren des Deutschen Konsortiums für Brust- und Eierstockkrebs auch niedergelassene Humangenetiker durch.

Aufgrund des hohen Aufwandes bei der Gendiagnostik können mehrere Monate bis zum Ergebnis vergehen.

Angelina Jolies mutiger Schritt in die Öffentlichkeit

angelina Jolie bei den Filmfestspielen in Cannes (Archivfoto: 2011)

Angelina Jolie bei den Filmfestspielen in Cannes (Archivfoto: 2011)

Angela Jolie ist mit dem Gendefekt BRCA1 belastet hat sich deshalb vorsorglich die Brüste entfernen lassen. Das offenbart die Schauspielerin in einem am Dienstag in der „New York Times“ veröffentlichten Beitrag. Sie sei deshalb anfällig für eine Krebserkrankung. Inzwischen seien ihre Brüste mit Hilfe von Implantaten rekonstruiert worden. „Ich fühle mich nicht weniger als Frau“, schreibt der Hollywood-Star, dessen Mutter mit 56 Jahren an Krebs gestorben war.

„Meine Ärzte vermuteten, dass bei mir das Risiko für Brustkrebs bei 87 Prozent und Eierstockkrebs bei 50 Prozent liegt, auch wenn das Risiko von Frau zu Frau unterschiedlich ist“, erklärt Jolie. „Als ich mich der Realität stellte, habe ich entschieden, proaktiv zu werden und das Risiko so gut es geht zu minimieren.“

Ein ganzer Kerl, der nicht wegläuft: Brad Pitt

Ihr Verlobter (seit April 2012), der Schauspieler Brad Pitt (49), habe sie in der schweren Zeit unterstützt und sei bei allen Operationen in einer Brustkrebs-Klinik in Beverly Hills dabei gewesen. „Wir wussten, dass es die richtige Entscheidung für unsere Familie ist und dass es uns näher zusammenbringt. Und das hat es.“ Durch die Amputation habe sie das Brustkrebsrisiko auf fünf Prozent gesenkt.

Brad Pitt und Angelina Jolie sind das Traumpaar in Hollywood. Zwei der bestbezahltesten und einflussreichsten Schauspieler der Welt verliebten sich 2004 bei den Dreharbeiten von „Mr. und Mrs. Smith“ ineinander.

Erstmals internationale Bekanntheit erlangte Angelina Jolie in ihrer Rolle als Videospielheldin Lara Croft in "Lara Croft: Tomb Raider" (2001). (Foto: Asam)

Erstmals internationale Bekanntheit erlangte Angelina Jolie in ihrer Rolle als Videospielheldin Lara Croft in „Lara Croft: Tomb Raider“ (2001). (Foto: Asam)

Davor lebten die beiden ein völlig unterschiedliches Leben: Die Rebellin Angelina steht auf Kontroverse, nahm in ihrer Jugend Drogen, praktizierte aggressiven Sex schon in jungen Jahren und provozierte, wo sie nur kann. Brad Pitt kam dagegen vom Land, wollte schon immer Schauspieler werden und hielt sich in Los Angeles die ersten Jahre mit Aushilfsjobs und Striptease über Wasser und führte eine Musterehe.

Das Paar „Brangelina“ hat drei gemeinsame und drei adoptierte Kinder im Alter von vier bis elf Jahren (Maddox, Zahara, Shiloh, Pax, Knox und Vivienne): „Ich kann meinen Kindern jetzt sagen, dass sie keine Angst haben müssen, mich an den Brustkrebs zu verlieren“, erklärte Jolie. Für sie sei sie dieselbe „Mummy“, wie zuvor. „Sie können meine kleinen Narben sehen, das ist alles,“ sagt Jolie, die seit Jahren auch sozial engagiert ist, unter anderem als Sondergesandte des UN-Flüchtlingshochkommissars.

„Wie in einem Science-Fiction-Film“

In dem Zeitungsartikel mit dem Titel „Meine medizinische Entscheidung“ berichtet Jolie ausführlich von den Prozeduren und Operationen über einen Zeitraum von drei Monaten. „Du wachst mit Kanülen und Expandern in deinen Brüsten auf. Das ist wie in einem Science-Fiction-Film“. Nach dem letzten Eingriff Ende April habe sie ganz normal weiterarbeiten können.

Sie wollte nun offen darüber sprechen, in der Hoffnung, damit anderen Frauen in dieser Situation zu helfen: „Heutzutage kannst du durch einen Bluttest herausfinden, ob du besonders anfällig für Brust- oder Eierstockkrebs bist und entsprechend handeln.“

In den vergangenen Jahren hatten mehrere prominente Frauen das Thema Brustkrebs in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die Sängerinnen Sheryl Crow, Anastacia und Kylie Minogue hatten über ihre Krebsdiagnose berichtet. Sie wurden erfolgreich operiert.

Ermutigendes Signal für Betroffene

Jedes Jahr sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit 458.000 Frauen an Brustkrebs. Es sei das am weitesten verbreitete Krebsleiden bei Frauen, sowohl in Entwicklungsländern als auch in den Industriestaaten.

„Das Beispiel von Angelina Jolie wird eine ermutigende Wirkung auf viele betroffene Frauen haben. Sie ist eine positive und starke Persönlichkeit. Mit ihrem Schritt zeigt sie, dass man sein Schicksal auch ein Stück in die Hand nehmen kann“, sagte die Brustkrebsexpertin Kristin Bosse vom Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Tübingen.

(RP/dpa, Foto Cannes: Wikipedia/Georges Biard Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

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