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Angst, nicht reich genug zu werden: Pharmafirmen verzögern Markteinführung neuer MS-Medikamente

Mit DMF und Teriflunomid gibt es erstmals Mittel gegen Multiple Sklerose in Tablettenform – aber wann?

Pharmakonzerne: Nicht nur den Patienten im Blick – sondern zunächst einmal die Aktienkurse

Pharmakonzerne: Nicht nur den Patienten im Blick – sondern zunächst einmal die Aktienkurse

Mit DMF (Handelsname: Tecfideravon) von Biogen Idec und Teriflunomid (Handelsname: Aubagio) von Sanofi sind erstmals zwei MS-Medikamente entwickelt worden, die nicht gespritzt werden müssen.

In beiden Fällen verzögert sich jedoch die bereits seit längerem angekündigte Markteinführung auf mindestens Ende des Jahres, obwohl die Patente und Zulassungen bereits erteilt wurden. Dies berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Grund sei der laut Herstellern noch nicht ausreichend gesicherte Produktschutz durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA).

Unterlagenschutz von der EMA gefordert

Als „unerfreulich und überraschend“ bezeichnete der MS-Spezialist Reinhard Hohlfeld von der Uni München die Entscheidung der Pharmakonzerne: „Die Markteinführung ist von vielen herbeigesehnt worden“. Das „Arznei-Telegramm“ kritisiert: „Es geht mal wieder ums Geld“.

Sowohl Biogen Idec als auch Sanofi verlangen von der EMA einen sogenannten Unterlagenschutz. Dieser gilt als „kleiner Bruder des Patentrechts“. Vorteil für eine Firma: Wenn andere Unternehmen gegen den Unterlagenschutz verstoßen, wird die Arzneimittelbehörde aktiv. „Beim Patentschutz sind wir dagegen selbst in der Verantwortung“, so eine Sprecherin von Biogen Idec.

„Paradoxe Situation“

Von den Verzögerungen betroffen sind vor allem Menschen mit einer frischen MS-Diagnose. Patienten, die bereits eine MS-Therapie erhalten und gut darauf reagieren, sollten unbedingt bei ihren Spritzen bleiben, rät die Deutsche Multiple-Sklerose-Gesellschaft. Niemand wisse, wie sich die heimtückische Krankheit entwickle, wenn die Behandlung plötzlich umgestellt wird.

„Die Sache ist schon paradox“, zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ den MS-Spezialisten Ralf Gold von der Universität Bochum. „DMF als Wirkstoff gegen MS wurde in Bochum erfunden, aber bisher haben nur die Amerikaner etwas davon.“

Kehrtwendungen von Biogen Idec und Sanofi

Es sei nicht das erste Mal, so die „SZ“, „dass Biogen Idec Entscheidungen fällt, die nicht im Sinne der Patienten sind.“ DMF habe sich als Psoriasis-Medikament bereits in der klinischen Prüfung befunden. Anschließend habe Biogen Idec jedoch beschlossen, DMF ausschließlich als MS-Medikament zu verkaufen – weil es hier größere Gewinne als bei Psoriasis gibt.

Ähnliche Situation bei Sanofi: Wie ROLLINGPLANET berichtete, nahm eine Tochtergesellschaft des Konzerns im August vergangenen Jahres das vielversprechende Leukämie-Medikament MabCampath (Alemtuzumab) vom Markt – um es künftig als MS-Mittel herauszubringen.

Eine MS-Therapie kann bis zu 2000 Euro pro Monat bringen – ein Patientenleben lang.

(RP)

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1 Kommentar

  • feli

    2000 euro pro monat sind bei ms medikamenten noch sehr günstig. tecfidera kostet in den usa übers jahr gerechnet 55 000 us dlr.

    es ist zu wünschen, dass die pharmaunternehmen, um die es im artikel geht, am ende auf ihren produkten sitzen bleiben. aber das wird wohlnicht passieren.

    wirkungsgrad durchweg bei allen ms medis inkl. cortison (bei schüben) ist nicht mehr als 30-50 prozent.

    es gibt übrigens schon ein medi in tablettenform, gilenya. kostet auch nicht weniger, ist aber schon seit einiger zeit auf dem markt

    26. Juli 2013 at 12:32

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