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Ann-Katrin, meine Erdbeer-Prinzessin. Eine Liebeserklärung

Bei Jens Heise (47) wurde im Frühjahr 2000 Multiple Sklerose und 2001 das Bing-Horton-Syndrom diagnostiziert. Im November 2008 starb seine Tochter Ann-Katrin im Alter von 19 Jahren. Sie hatte die seltsame Krankheit 11q15. Jens schreibt über eine besondere Liebe.

Ann-Katrin (10.12.1988 – 28.11.2008)

Wenn ich gehen muss,
tue ich das nicht wirklich
du kannst mich dann nur nicht mehr sehen,
nicht mehr berühren.
Aber ich werd immer da sein, egal, wo du bist.
Werd der Wind sein, der zärtlich durch dein Haar streicht,
der Regen, der sanft deine Haut berührt
der Regenbogen am Horizont, der dir die schönsten Farben schenkt
die Sonne, die dich wärmt und mit dir lacht
der Duft von Sommer, den du einatmest
die Erde auf der du gehst
die Nacht, in der ich für dich die Sterne erstrahlen lasse
der Tag, der dir tausend Überraschungen bringt
die Hoffnung, die dich trägt, wenn du traurig bist
dieses Gefühl was in dir ist,
wenn du glücklich bist.
Du kannst mit mir reden, ich werd dich immer hören
oder einfach weinen,
dann nehm ich dich in meinen Arm
und du wirst dich frei fühlen.
Ich werd über deinen Schlaf wachen
und dir wundervolle Träume schenken.
Du brauchst keine Angst haben,
wenn du daran glaubst
du bist niemals allein,
weil ich immer da sein werde,
wenn du an mich denkst
sowie ich an dich

Für immer im Herzen: Ann-Katrin

Partielle Trisomie 11q15: Dieser Trisomie-Typus ist äußerst selten. Bei Menschen mit einer partiellen (teilweisen, anteiligen) Trisomie liegen die Chromosomen zwar wie üblich zweifach in allen Körperzellen vor. Allerdings ist ein Teil eines der beiden jeweiligen Chromosomen verzweifacht. Dadurch ist eines der Chromosomen etwas länger als das andere. Das Krankheitsbild der partiellen Trisomie 11q ist sehr variabel.

Ein neues Leben beginnt

6. Juni 2000….Aufgrund einer fixen Idee besuche ich Iris (Püpps Mum) auf einen Kaffee. Dass aus diesem „Kaffeenachmittag“ fast drei Wochen wurden, war ein Startsignal, um mein Leben vollständig umzukrempeln. Wir hatten uns sofort ineinander verliebt.

Dann, wie ein lauter Knall, kam Ann-Katrin in mein Leben. Völlig unbefangen stand sie vor mir und schaute mich an….nahm mich bei der Hand und führte mich in ihr Zimmer. Sie setzte sich auf den Boden und spielte mit einer ihrer Spieluhren. Ich platzierte mich daneben, und sie lehnte sich an meine Seite. Für viele vielleicht eine normale Situation, aber Ann-Katrin war autistisch. Sie hatte mich in ihre kleine Welt gelassen.

In all diesen Jahren mit ihr entwickelte sich eine besondere Art von „Freundschaft“ zwischen uns. Unverfangen, offen, ohne Forderungen, ohne Worte. Eine reine Liebe, wie sie zwischen Vater und Kind herrschen sollte.

Als sie mich nach einigen Jahren plötzlich mit „Papa“ ansprach, ging mir ein Schauer über den Rücken. Auch wenn ich ihr erzählte, dass ich nicht ihr Vater bin, sondern nur ihr guter Freund. Ihr war das egal! Papa….PUNKT, SCHLUSS!

Ich nahm es als Auszeichnung hin – eine der größten, die es gibt.

Eine schwere Entscheidung – und der richtige Schritt

Das Leben mit ihr gestaltete sich nach ihren Bedürfnissen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Es begann schon früh morgens: Medikamente gegen ihre Epilepsie, natürlich nur mit Erdbeermarmelade….gefolgt von einem großen Becher Kakao. Duschen, wickeln, Haare richten, Frühstück, ab zur Käthie-Brown-Schule in Langenbochum. Nachmittags um 16 Uhr kam sie wieder nach Hause und meistens schlief sie ein bis zwei Stunden bis zum Abendessen. Unser Leben war komplett auf sie ausgerichtet.

Im August 2000 kam es zu einer sehr schweren Entscheidung. Ann-Katrin kam in eine Wohngruppe in Selm und besuchte dann auch die Schule in Nordkirchen. Diese Maßnahme erfolgte, weil meine Frau und ich wegen unserer gemeinsamen Krankheit (MS) nicht mehr die Kraft hatten, sie 24 Stunden zu versorgen.

Wie sich herausstellte, war dieser Schritt für alle die beste Entscheidung. Jeden Freitag Mittag holten wir sie in Selm ab und verbrachten das Wochenende bis Sonntag Abend mit ihr. Erst in Selm und Nordkirchen entwickelte Ann-Katrin sich enorm. Etwas, das wir beide so nicht geschafft hätten…

Sie genoss es, das Leben in prallen Zügen aufzunehmen. Musik spielte dabei eine sehr große Rolle. Wenn jemand Gitarre spielte, war sie immer in der Nähe. Hörte aufmerksam zu, und vor allem konnte sie sich die Melodie exakt merken. Ihr Repertoire an Kinderliedern war bemerkenswert. Auch wenn sie nicht sprechen konnte: Summend oder laut im LALALA-Stil gab sie jedes Lied wieder. Das war ihrer Oma zu verdanken, die ihr mit einer riesen Geduld jedes Lied vorsang.

Grabstein

Ann-Katrin hatte ein sehr sensibles Gespür für ihre Mitmenschen. Hatten wir Besuch, und sie sah jemanden zum ersten Mal, konnte man sich zu 100 Prozent auf ihr Urteil verlassen. Ging sie zu dieser Person und suchte Kontakt, war es ein Signal, dass diese Bekanntschaft in Ordnung war. Drehte sie sich jedoch um und verschwand in ihrem Zimmer, hieß es: Vorsicht!

Ann-Katrin hat mich sehr geprägt. Aus einem nüchtern und geradlinig denkenden Menschen hat sie mich verwandelt in eine Person, die auch mal wieder zum Kind wird und Freude an ganz banalen Dingen des Lebens hat.

Ein Mensch, an den Du Dich erinnerst, stirbt nie

Jetzt, vier Jahre nach ihrem Tod, habe ich immer noch einen dicken Klos im Hals, wenn ich an sie denke. Ein Gefühl, das niemals völlig geht. Die Erinnerungen sind immer noch sehr heftig, manchmal muss ich auch lachen, wenn „gute“ Erinnerungen hochkommen.

Ich würde immer noch mein Leben geben, damit sie wieder hier herumtobt – aber leider ist das nicht möglich. So lebt sie hier weiter…in meinem Kopf, meine Erdbeer-Prinzessin.

Jens zeichnet die ROLLINGPLANET-Cartoons. In einem Interview haben wir Jens vorgestellt: Behinderung ist, wenn man trotzdem lacht. Seine Erinnerungen an Ann-Katrin werden im Sammelband „Es ist Liebe“ erscheinen, das im Herbst in der neuen Edition ROLLINGPLANET erscheint. Sie sind herzlich eingeladen: Wir suchen Sie: Die eindrucksvollsten Geschichten schreibt das Leben

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