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Anna Schaffelhuber: 1,50 Meter große Triumphatorin und Covergirl

Die 21-Jährige Ausnahmeathletin zeigt sich als „Botschafterin auf allen Ebenen“.

Anna Schaffelhuber in Sotschi (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Anna Schaffelhuber in Sotschi (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Bis kurz vor Elf feierte Anna Schaffelhuber ihren Triumph gemütlich mit den Eltern und Teamkollegen, am Tag danach ging’s direkt wieder auf die Piste zum Training. Eine ausschweifende Party wie etwa bei den erfolgsverwöhnten Olympia-Rodlern vor einigen Wochen gab es am Samstagabend im Deutschen Paralympics-Haus in Krasnaja Poljana nicht einmal ansatzweise.

Stattdessen rückte die akribische Monoskirennfahrerin sofort die nächsten Wettbewerbe in den Fokus. Nach ihrem Abfahrts-Gold strebt die 21-Jährige am Montag auch eine Medaille im Super-G an. „Für mich ist der ganze Druck jetzt aber vor meinen weiteren Rennen schon weg“, kommentierte sie.

Anna Schaffelhuber

Anna Schaffelhuber ist am 26. Januar 1993 geboren und 1,50 m groß. Behinderung: Mit einer Querschnittlähmung geboren. „Bei manchen wurde die Ursache gefunden, bei mir nicht. Aber es interessiert mich auch nicht. Die Lage würde sich nicht ändern, wenn ich es wüsste.“

Ihre Eltern heißen Beate und Peter, sie hat zwei Brüder (Peter und Josef). Mutter Beate hat eine Schwester mit Down-Syndrom, ist Krankenschwester und Medizinprodukteberaterin und entwickelt „Rollstuhlprojekte“. Die Mama hat außerdem eine Übungsleiterlizenz für Rollstuhlsport im REHA-Bereich beim Deutschen Rollstuhlsportverband DRS

Die Familie wohnt in Bayerbach, sieben Kilometer von Ergoldsbach und rund 50 Kilometer von Regensburg entfernt. Ihr Abitur machte sie auf dem Burkhart-Gymnasium in Mallersdorf-Pfaffenberg.

Warum sie Jura studiert: „Staatsanwaltschaft oder Richterschaft, das wäre etwas für mich“, sagt sie. „Verteidigen habe ich schon immer gerne gemocht.“ Hobby: Musik (Querflöte). Ihr Lieblingsland: Neuseeland.

Zur Weltklasseathletin gereift

Vier Jahre nach Bronze in Vancouver ist die einst vielversprechende Nachwuchsfahrerin zur Weltklasseathletin gereift, die die Rolle des Covergirls im deutschen Team ausfüllen kann. „Anna hat gezeigt, dass sie ein Riesentalent ist, und dazu sehr sympathisch. Sie ist eine Botschafterin unseres Sports auf allen Ebenen“, schwärmte Friedhelm Julius Beucher, Chef des Deutschen Behindertensportverbandes und jahrelanger Förderer von Schaffelhuber.

Lohn: Sie durfte den Verband und ihre Teamkollegen kurz vor den Sotschi-Spielen im ZDF-„Sportstudio“ vertreten. „Anna ist erst bei ihren zweiten Paralympics – und trotz ihrer 21 Jahre überhaupt keine Zufallssiegerin“, urteilte der Verbandschef.

Die Gefühlsexplosion nach vier Jahren“

Dreimal nacheinander lag sie schon in der Gesamtwertung des Europa- und Weltcups ganz vorne – doch das alles war nichts gegen die Gefühlsexplosion am Samstag. „Für diesen Moment trainiert man vier Jahre lang“, kommentierte sie mit Blick auf die Anzeigetafel, auf der ihr Name ganz oben stand. „Einfach Wahnsinn, ich bin überglücklich! Ich fühl‘ mich einfach nur super“, postete Schaffelhuber bei Facebook.

Vor drei Jahren in Sestriere hatte sie ihre ersten drei Weltmeistertitel geholt, 2013 in La Molina kam ein weiterer hinzu. Ihre größten Erfolge fuhr sie allesamt in den technischen Disziplinen ein – umso überraschter zeigte sich die zweimalige Behindertensportlerin des Jahres selbst über ihren Coup in der Abfahrt: „Es ist unglaublich. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das so gut machen würde.“

Wie der DBS-Chef Schaffelhuber förderte

Da war sie noch ein "Küken": Anna Schaffelhuber freut sich bei den Paralympics 2010 in Whistler, Kanada, über Bronze (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Da war sie noch ein „Küken“: Anna Schaffelhuber freut sich bei den Paralympics 2010 in Whistler, Kanada, über Bronze (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Die Jura-Studentin ordnet dem Erfolg enorm viel unter und hat so intensiv wie kaum eine andere deutsche Athletin auf ihre zweiten Paralympics hingearbeitet. Bei der feierlich-bunten Eröffnungsfeier im Fischt Stadion von Sotschi am Freitagabend sei ihr kaum ein Lächeln über die Lippen gekommen, berichteten Teammitglieder. Zu fokussiert sei sie auf ihren ersten Wettbewerb am Folgetag gewesen. „Sie hat eindrucksvoll ihre Leistung abgerufen. Das ist auch für die Stabilisierung der Psyche doppelt wichtig“, sagte Beucher.

Vor mehr als vier Jahren, kurz vor den Winterspielen von Vancouver, hatte sich der deutsche Verbandschef schon für eine Nominierung Schaffelhubers eingesetzt. Beucher nannte sie damals „unser Küken“. Er setzte sich mit den entscheidenden Leuten zusammen und forderte: „Die sollten wir mitnehmen, die hat Talent, die kann nur lernen.“ Kurz darauf saß Schaffelhuber tatsächlich im Flieger. Es war der Anfang einer verheißungsvollen Paralympics-Karriere, die mit Gold in Sotschi ihre vorläufige Krönung erfuhr.

(RP/dpa)

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