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Arztpraxen und Barrierefreiheit: Doc, hier habe ich ein Rezept für Sie!

Falls Sie Ihren Arzt nur mit Mühen erreichen: Empfehlen Sie ihm einmal, diesen Bericht zu lesen.

Dr. Carsten Petersen (Foto: Kassenärztliche Bundesvereinigung)

Dr. Carsten Petersen (Foto: Kassenärztliche Bundesvereinigung)

Dr. Carsten Petersen (58) ist Facharzt für Innere Medizin. Er ist seit 15 Jahren Partner einer internistischen Gemeinschaftspraxis mit dem Schwerpunkt Diabetologie in der 25.000-Einwohner-Stadt Schleswig. Seine Räumlichkeiten sind schnell erreicht. Es gibt kostenlose Parkplätze am Haus, eine Busstation in der Nähe, eine Rampe, elektrische Türöffner auf Hüfthöhe und einen Fahrstuhl mit Blindenschrift auf den Tasten.

Bei einem Rundgang wird deutlich, dass sich das Praxisteam viele Gedanken gemacht hat: Die Behandlungsliegen beispielsweise sind bewusst per Hebel höhenverstellbar. „Wir wollen nicht, dass Kabel herumliegen.“

120.000 Euro investiert

Dass seine Praxis gut auf Menschen mit Behinderung eingestellt ist, war nicht immer so. Vor vier Jahren praktizierte Petersen mit seinen Kollegen in einer älteren Villa. „Das war schön, aber kompliziert. Durch die Hanglage gab es ein Gefälle zwischen Parkplatz und Praxis, wir hatten nur eine Außentreppe und selbst innerhalb der Praxis gab es Treppen und Stufen.“

Die Ärzte zogen in ein anderes Gebäude – wo man von Anfang an darauf achtete, dass Menschen mit Behinderung und ältere Menschen es möglichst einfach haben (siehe auch unten: „So macht es Dr. Petersen“). 120.000 Euro wurden dafür investiert. Hat sich das gelohnt? „Ja!“ sagt der Mediziner ohne zu zögern.

Von Barrierefreiheit profitieren alle

Selbstverständlich ist das immer noch nicht, obwohl es immer mehr ältere und mobilitätseingeschränkte Patienten gibt. Ärzte wissen, was B-Lymphozyten, Ballonatrioseptostomie und Bladeatrioseptostomie bedeuten – der Begriff Barrierefreiheit ist in ihrem Fachchinesisch aber oft nicht vorgesehen. Falls das auf Ihren Doc zutreffen sollten, weisen Sie ihn doch mal auf die neue Broschüre „Barrieren abbauen – Ideen und Vorschläge für Ihre Praxis“ hin.

Diese ist soeben von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung herausgegeben worden. Und sie kommt zu dem Resultat: Oft sind es schon kleine Veränderungen, die Menschen mit Behinderung den Weg in die Praxis von Ärzten und Psychotherapeuten erleichtern. Davon profitieren auch alle anderen Patienten. Die Broschüre steht hier als PDF-Download zur Verfügung: http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003766478

ROLLINGPLANET empfiehlt die Barrierefreiheit-Epidemie: So macht es Dr. Petersen

Tueren1. Große, einfarbig weiße Aufkleber an den Türen weisen darauf hin, was sich dahinter befindet – zum Beispiel das Behandlungszimmer, das Labor, das EKG, ein Seminarraum oder die Toilette.

2. Die medizinischen Fachangestellten sind darauf vorbereitet, dass blinde Patienten mit ihrem Blindenführhund in die Praxis kommen.

3. Dr. Petersen hat sich Grundzüge der Gebärdensprache angeeignet, was ihm beim Verstehen der Situation gehörloser Menschen und bei der Verständigung geholfen hat.

4. Es gibt Sitzmöglichkeiten je nach Bedarf: Wenn zum Beispiel mehrere Patienten einige Zeit vor dem Schulungsraum auf die Diabetes-Ernährungsberatung warten müssen, steht eine ganze Stuhlreihe an der Wand zur Verfügung, die sich wie im Kinosaal hoch- oder herunter klappen lässt. Anders neben den Türen der Behandlungszimmer. Hier stehen große, stabile Holzstühle mit Armlehnen.

Behandlungsliege5. Die Behandlungsliegen sind höhenverstellbar – per Hebel, nicht elektrisch. Es sollen keine Kabel auf dem Boden liegen, in denen sich Patienten verheddern können.

6. Die Praxis hat einen faltbaren Rollstuhl angeschafft, der bei Bedarf benutzt werden kann.

7. Die Türen zur Toilette sind breit genug für Rollstuhlfahrer. In der Toilette ist das Waschbecken mit dem Rollstuhl unterfahrbar. Der Papiertuchspender ist vom Rollstuhl aus erreichbar.

8. Der Internetauftritt weist auf die nächste Busstation, kostenlose Parkplätze, die Rampe am Hauseingang und den Fahrstuhl hin.

(RP/PM)

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1 Kommentar

  • Chris Biggs

    da waere der gesetzgeber gefragt, neue praxiszulassungen nur noch fuer raeumlichkeiten die barrierefrei erreichbar sind. sollte nicht nur fuer aerzte gelten.

    23. April 2013 at 17:51

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