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Auf dem Weg zur Schule: Samuel und seine zwei kleinen Brüder

Jetzt im Kino – eine faszinierende Doku aus Kindersicht zeigt kleine Helden. Von Andrea Barthélémy

Gegen alle Widrigkeiten am Golf von Bengalen in Indien: Gabriel und Emmanuel schieben ihren Bruder Samuel tglich in seinem Rollstuhl zur Schule. Um die vier Kilometer zu bewältigen, brauchen sie eine Stunde (Foto: Senator Film Verleih)

Gegen alle Widrigkeiten am Golf von Bengalen in Indien: Gabriel und Emmanuel schieben ihren Bruder Samuel tglich in seinem Rollstuhl zur Schule. Um die vier Kilometer zu bewältigen, brauchen sie eine Stunde (Foto: Senator Film Verleih)

Dabei geht es auch durchs Wasser – und manchmal streiten die Brüder über die richtige Technik, aber stets halten sie zusammen (Foto: Senator Film Verleih)

Dabei geht es auch durchs Wasser – und manchmal streiten die Brüder über die richtige Technik, aber stets halten sie zusammen (Foto: Senator Film Verleih)

Endlos weit zieht sich die kenianische Savanne, karg das patagonische Hochland und schmal der steinige Fußpfad hoch über das Atlas-Gebirge in Marokko. So sehen Wege aus, die zehn- bis zwölfjährige Kinder viele Kilometer weit zurücklegen: Der faszinierende Dokumentarfilm „Auf dem Weg zur Schule“ zeigt vor allem zwei Dinge: Der Zugang zu Bildung ist nicht überall auf der Welt selbstverständlich und einfach, im wörtlichen Sinne. Und: Kinder gehen diesen Weg trotzdem – und zwar so selbstständig, freudig und mutig, dass es Helikopter-Eltern hierzulande dabei schlicht schwindlig werden dürfte.

Der Franzose Pascal Plisson hat einen beeindruckenden Film gedreht, der so gut wie ohne Worte auskommt und doch ganz viel sagt und ganz nah bei seinen jungen Protagonisten bleibt. Zugleich weitet sich der Blick auf umwerfende Landschaften, die nicht nur schön, sondern auch eine echte Herausforderung und Gefahr sind.

Verrückt nach Bildung: Vier kleine Helden

Da ist Jackson (11), der jeden Morgen mit seiner jüngeren Schwester von der einsamen Familienhütte in der kenianischen Savanne aus aufbricht. Zwei Stunden lang laufen die beiden, verschrammelte Wasserkanister und Brennholz in der Hand, 15 Kilometer weit zur Schule – und zwar laufen im eigentlichen Sinne. Ihr Weg führt vorbei an Giraffen und Elefanten, die auch mal gefährlich werden können. Doch kneifen gilt nicht – notfalls gehen die beiden für eine Weile hinter einer Böschung in Deckung.

Marokko: Zahira (12) muss durch das hohe Atlas-Gebirge, um zur Schule zu kommen (Foto: Senator Film Verleih)

Marokko: Zahira (12) muss durch das hohe Atlas-Gebirge, um zur Schule zu kommen (Foto: Senator Film Verleih)

Für Zahira (12) und ihre beiden Freundinnen führt der Schulweg ähnlich weit über das hohe Atlas-Gebirge. Steil und unwegsam ist der Pfad, den die drei mit ihren langen Kopftüchern lachend, plappernd, aber auch mal mit Tränen und Fußschmerzen erklettern. Eine Zwangspause muss eingelegt werden, bis Zahira schließlich selbstbewusst eine Mitfahrgelegenheit per Auto für das letzte, befahrbare Wegstück zur Schule ausfindig macht. Mädchenpower auf marokkanisch.

Carlito (11) legt den 18 Kilometer langen, einsamen Schulweg zusammen mit seiner kleinen Schwester Micaela auf dem Rücken eines Pferdes zurück. Anderthalb Stunden reiten sie durch das steingraue Hochland Patagoniens, nach einem besonders gefährlichen Teilstück halten sie jeden Tag an einem kleinen Altar – Zeit für ein Dankgebet muss sein.

Samuel (13) schließlich ist für den Schulweg im Golf von Bengalen auf die Hilfe seiner zwei kleinen Brüder angewiesen: Samuel sitzt nach einer Kinderlähmung im Rollstuhl, und die beiden Kleineren schieben und ziehen ihn in dem selbstgebastelten Rostgefährt mit einem Plastikstuhl als Sitzfläche täglich vier Kilometer weit zur Schule – querfeldein, durch Wassersenken und über sandige Anhöhen.

Ein Film, der beschämt

Schon beim Zusehen bricht einem der Schweiß aus, aber kein Jammern oder Fluchen ist zu hören. Stattdessen rücken die Kleinen dem großen Bruder lachend das Hemd zurecht, bevor sie ihn durchs Schultor rollen.

Auch den Zuschauer hinterlässt dieser wortlose Film sprachlos im besten Sinne: Die Schulen, zu denen diese Kinder gehen, sind zumeist Dorfschulen einfachster Art. Doch die Wertschätzung von Bildung ist hoch, wortwörtlich kein Weg zu ihr zu weit. So viel Begeisterung und auch Anstrengungsbereitschaft für etwas, das in reichen Ländern viele selbstverständlich nehmen. Das beschämt.

Kindern, die im Elterntaxi um die Ecke zur Schule chauffiert werden und über jeden Schritt via Handy Rechenschaft ablegen müssen, ist jedenfalls zu wünschen, dass sie zumindest im Film diese ganz anderen Wege zur Schule kennenlernen. Es gibt umfangreiches Begleitmaterial für Klassen.

(dpa)

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2 Kommentare

  • Lieschen Müller

    das sind echte Freunde….da ist nix mit dem „Dreistern“ von Mutti an der Schule abgeholt werden. Da können sich unsere Schüler noch ein gutes Beispiel nehmen..und nicht soooo viel jammern….sondern anpacken ist die Devise 🙂 Hut ab vor diesen Jungs..:-)

    6. Dezember 2013 at 13:09
  • Heidi

    Ich mußte in den 70ern auch drei Kilometer zur Schule durch den Wald gelaufen. Manchmal lief ich auch dicht neben der Landstraße im Gras oder über den Berg, der unser Dorf von der Stadt trennte. Das tat ich aber freiwillig. Ich hätte auch 2-3 Stunden auf den Schulbus wartend die Zeit in der Stadt verbringen können. Die Kinder meines Dorfes fuhr 2x täglich ein Kleinbus die Schüler zur Schule und zum Dorf zurück. Als Kind fand diese Einschränkungen und Belastungen nicht schlimm. Im Gegenteil, diese Fußmärsche machten uns Kindern sogar Spass. Sie waren für uns ein Abenteuer. Ich denke oft an diese schöne Zeit zurück.

    7. Dezember 2013 at 10:36

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