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Auf zur Nashorn-Jagd nach Thüringen: Fahren, wo noch kein Rollstuhl war

Otto Bocks Outdoor-Mobil „SuperFour“ soll den Thüringer Wald auch für Behinderte zum Urlaubsziel machen. Von Sebastian Haak

Manuela Schmermund bei ihrem Ausflug am vergangenen Freitag (Foto: dapd)

Otto Bock wirbt für sein Outdoor-Fahrzeug „SuperFour“ mit einem Nashorn (siehe Foto unten). Wir sind uns mal wieder nicht sicher, was das zu bedeuten hat: Kann man mit dem SuperFour Nashörner jagen und überfahren? Oder ist der „SuperFour“ so stark wie ein Rhinozeros?

Als Manuela Schmermund am Freitag von ihrer Ausfahrt mit dem „SuperFour“ zurückkommt, hat sie ein breites Grinsen im Gesicht. Aber nicht, weil sie im Thüringer Wald ein Nashorn erblickt hätte. Die gehbehinderte Weltklasse-Sportschützin kennt die Höhenzüge der Gegend gut. Immer wieder war sie in den vergangenen Jahren in Suhl, unter anderem um im dortigen Schießsportzentrum für internationale Wettkämpfe zu trainieren.

Doch so nah dran am Erlebnis Natur war die 40-Jährige selten. „Zuerst war mir schon ein bisschen mulmig, als es den Hang da runter ging“, sagt sie. Sie habe sich „absolut ausgeliefert“ gefühlt – „aber dann war es wie auf dem Sofa.“ Mit dem elektrisch betriebenen Outdoor-Gefährt ging es für sie am Freitag unweit des Suhler Ringberg-Hotels dorthin, wo normale Rollstühle nicht mehr weiterkommen.

„Akku.Tour“ will Elektromobilität und Tourismus kreuzen

Der Ausflug war Teil des Pilotprojektes „Akku.Tour“, mit dem ausgelotet werden soll, inwieweit sich im Thüringer Wald Elektromobilität und Tourismus kreuzen lassen. Das Projekt sieht vor, Elektrofahrräder – sogenannte Pedelecs – und eben einen oder mehrere der geländegängigen Elektro-Rollstühle zwischen Masserberg und Oberhof zu stationieren. Damit sollen Behinderte als neue Zielgruppe für den Urlaub im Thüringer Wald gewonnen werden.

„Es geht darum, unsere relativ gut ausgebauten Waldwege, die dann aber doch nicht rollstuhlgeeignet sind, mit fremden Antrieben erobern zu können“, sagt der Vorsitzende des Verbundes „Naturpark Thüringer Wald“ und Suhler Oberbürgermeister, Jens Triebel (parteilos), mit Blick auf den „SuperFour“.

Dieser erreicht nach Angaben von Otto Bock eine Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern und kann Steigungen von bis zu 40 Prozent überwinden. Um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein, hat es sogar einen Überrollbügel. Das Gefährt wird von vier elektrischen Motoren mit einer Leistung von je 500 Watt angetrieben – einer an jedem Rad. Das Gesamtgewicht liegt bei etwa 350 Kilogramm. Die Reichweite beläuft sich auf etwa 30 Kilometer. Von ihm wurden nach Angaben des Herstellers seit 2006 etwa 50 Stück gebaut und weltweit verkauft.

Zu lange auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht

Werbefoto von Otto Bock für "SuperFour"

Von den Möglichkeiten der Elektromobilität wollen nun die Touristiker entlang des Rennsteiges profitieren. In den vergangenen Jahren war ihnen immer wieder vorgeworfen worden, sie hätten sich zu lange auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht und wichtige Innovationen im Geschäft mit dem Gast verpasst – eine Kritik, die auch der Geschäftsführer des Ringberg-Hotels, Wolfgang Kanig, teilt. Deshalb begrüßt er den Versuch, Elektromobilität für den Tourismus zu entdecken als notwendigen Innovationsschub. Auch deshalb sei der „SuperFour“ nicht nur für Gäste seines Hauses da, sondern stehe allen Besuchern der Region zu Verfügung, sagt er.

Ob das Pilotprojekt eine langfristige Perspektive hat? So hoch die Erwartungen daran sind, so zurückhaltend ist Ingo Luther, der für den Naturpark Thüringer Wald arbeitet, mit Prognosen. Er will sich nicht festlegen, wie viele Elektrofahrräder und Outdoor-Mobile demnächst zwischen Wandergruppen und Mountainbikern durch den Wald kurven werden. „Ganz hypothetisch“, sagt er, könne er sich bis zu 20 Servicestationen und vielleicht 100 Pedelecs entlang des Rennsteiges vorstellen.

Zukunft des Projekts ist noch ungewiss

Wie viele „SuperFours“ es einmal werden könnten – dazu will er gar keine Zahl nennen. „Das muss man sehen. Ein solches Projekt muss auch aus der Region heraus kommen“, sagt er. Wenn die Förderung von „Akku.Tour“ durch das Bundesforschungsministerium im Dezember auslaufe, gelte es zunächst einmal, neue Partner zu finden, um das Vorhaben am Leben zu halten, das bereits seit dem 1. Januar 2010 laufe. Mit Hilfe von Bettina Wulff und Otto Bock sollte das doch gelingen, findet ROLLINGPLANET.

Manuela Schmermund hätte nichts dagegen, in Zukunft noch öfter mit einem „SuperFour“ auf Entdeckungstour zu gehen. Damit das Naturerlebnis noch besser wird, hat sie ein paar Verbesserungsvorschläge für das Mobil: Der Joystick reagiere ihr ein bisschen zu zackig, sagt sie. „Und ein paar PS mehr wären auch noch mal was…“

Oder, wie ROLLINGPLANET vorschlägt: Einige Nashörner in den Thüringer Wald aussetzen. Das lockt bestimmt einige Touristen.

(dapd)

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